06.11.2025 Donnerstag
Leinen los, Ablegen heißt‘s heute. Wir verlassen den Jachthafen Hanssum, rumpeln durchs Dörfchen Neer, fahren auf die AB, überqueren in Roermond die Maas und sind schwuppdiwupp wieder in Deutschland. Im bisher nie gehörten Elmpt verlassen wir die AB und sind gespannt, was uns erwartet, wie immer.
Nach kurzer Fahrt erreichen wir ein Waldgebiet, fahren in einsamer Gegend durch eine etwas seltsam anmutende Toreinfahrt, über schmale Wege, vorbei an angrenzenden vermutlich Ferienhäusern und kommen zu unserem Tagesziel, dem SP „Ausgebüxt“ am Venekotensee. Wir tasten uns in die Einfahrt. Gepflegt, scheinbar neuer angelegt, fein bepflanzt, mit einem Hauch Ponderosa an Zierkürbissen und Schilfgras. Da sich keiner der Familie Cartwright zeigt, reihen wir uns einfach schon mal in einer der vielen freien Lücken ein und harren der Dinge, die da kommen.
Da Dinge nicht kommen, starten wir zur Erkundung der nahen Umgebung. Zu schön ist das Wetter, Stubenhocken kann man immer noch. Zahlreiche, mit geländegängigem Rad perfekt befahrbare Waldwege tun sich auf, ebenso viele Teiche, Tümpel, Seen. Es scheint sehr urig hier zu sein, hat was von Regenwald, unberührt, Baltikum, ja, daran erinnert es auch, ein wenig bestimmt auch Finnland, das wir noch nicht bereist haben.
Die wilde Urwaldnatur geht über in Parkanlagen, und wir stehen plötzlich vor einem imposanten Gemäuer, dem Schloss Dilborn, einem ehemaligen Wasserschloss aus dem Jahr 1363, das sich natürlich Zeit seines Lebens auch an verschiedenen Besitzern erfreute. Heutzutage gehört das Schloss einem Schweizer Unternehmer und Architekten. Seine Pfauen stolzieren, unbeeindruckt von uns mit arrogantem Gehabe herumpickend, am Gemäuer entlang. Mondän irgendwie, entsprechend der Lage und sich derer bewusst. Lustig irgendwie. So schön wird der weitere Streckenverlauf nicht. Wir verfransen uns etwas, landen auf öden schnurgeraden, ewig langen und tellerflachen Feldwegen zwischen ebensolchen Feldern, finden aber den Ausstieg irgendwo und zischen irgendwann im Abendrot unter dem steinernen Torbogen hindurch zurück zum Concördchen.
07.11.2025 Freitag
Was bringt der neue Tag? Sofort schon mal einen strahlend blauen Himmel. Hinter dem nicht weit entfernt liegenden Brüggen soll es ein zum Radfahren hervorragend geeignetes Gebiet geben. Die Rundfahrt wird schon etliche Kilometer bedeuten, aber Knie hält, Wetter scheinbar auch, Lust vorhanden, also auf die Räder … fertig … los. Die erste Etappe nach Brüggen führt uns direkt wieder in und durch den Urwald des Naturparks Schwalm-Nette, wo sich mit Sicherheit ganze Biber-Familien rumtreiben, wir aber keinen zu Gesicht bekommen.
Und die Burggemeinde Brüggen hier im Herzen des Niederrheins begrüßt uns sofort mit einem märchenhaft schönen Blick auf seine Burg, den Wassergraben und den Burgweiher. Herbstrote Beeren, buntes Laub, etwas Efeugrün im Zusammenspiel mit Himmelsblau und Backstein, Zinnen und Türmchen ist doch immer wieder eine Augenweide. Das sind doch die Momente, die richtig aufatmen lassen. Wir schleichen träumerisch über uraltes Kopfsteinpflaster, danach durch die Gassen. Sankt Martin zu Ehren wurden Schaufenster mit Laternen dekoriert, die ersten Weihnachtskugeln werden angeboten. Die Adventszeit naht, unweigerlich. Aber bei diesem Sonnenschein fällt einem zu Advent momentan nicht wirklich etwas ein.
Jetzt gilt‘s, den Brachter Wald und das Naturschutzgebiet zu finden. Wir schlagen uns nördlich von Brüggen zunächst immer der Landstraße nach und dann nach links rüber in die Felder. Irgendwo fahren wir vorbei an langgestreckten flachen Wellblechbaracken. Sie sehen seltsam aus. Dem Verfall sind sie nicht ausgeliefert, irgendwie scheinen sie gehegt und gepflegt zu werden. Später lese ich, dass es sich um ein sozialgeschichtlich bedeutendes, sehr persönliches Erinnerungsmal der hier arbeitenden bzw. in der Umgebung lebenden Personen handelt. Dazu muss man abtauchen in die Nachkriegszeit, in der die Engländer als Besatzungsmacht am Niederrhein Arbeitstruppen aus Kriegsgefangenenlagern rekrutierten und diese für den Aufbau und den Betrieb ihrer militärischen Anlagen einsetzten. Sie wohnten anfangs in einem Zeltlager, wurden im Winter 1952/53 in einer leerstehenden Zigarrenfabrik in Kaldenkirchen untergebracht und bezogen 1953 dann feste Unterkünfte im Lagerbereich, in diesen Baracken also, vor denen wir nun stehen. Von diesen Gebäuden ist die „Wortham Hall“ als letztes, weitgehend unverändert gebliebenes Beispiel erhalten. Sie ist eine Kapelle, steht in der Denkmalliste der Gemeinde Brüggen und unter Denkmalschutz.
Verwundert passieren wir die erinnernden Hinterlassenschaften und werden unweit danach ausgebremst von einer aus dem Nichts auftauchenden schweren massiven Zaunanlage. Was nun? Tor verschlossen, rechts und links laufen hohe, mit mehrreihigem Stacheldraht gekrönte Zäune ins Land, kein Mensch weit und breit, ein Drehkreuz gibt es, aber ob wir da hindurch passen mit dem ganzen Gelumpe? Über den Zaun heben ist jedenfalls schlichtweg unmöglich. Aber in dieses Naturparadies hinterm Zaun wollen/müssen wir gelangen! Versuch macht klug. Unser Madämmchen Chianga entsteigt, Wim schiebt sich hinterrücks in ein zur Verfügung stehendes Drittel des Drehkreuzrunds, den Fahrradhänger eng und enger im Schlepptau und im Verlauf ihrer gemeinsamen Drehung hochkant und beinah schon innig umschlungen, damit beide in den sehr begrenzten Freiraum des Drehkreuzes in Größe eines Kuchenstücks passen und mitgedreht werden können. Es ist Maßarbeit. Statt Durchdrehen ist bedächtig-überlegtes Mitdrehen im stählernen Käfig angezeigt, und Wim erreicht tatsächlich mitsamt seiner sperrigen Tanzpartnerin im silbergrau-orangenen Dress ohne größere schädigende Verwindungen seines Körpers den freien Raum auf der anderen Zaunseite und kann quasi aussteigen aus der Nummer. Chianga und ich lachen uns selbstverständlich schlapp, allerdings unterbrochen von sehr aufmunternden Anfeuerungsrufen in Wims Richtung. So, der Hänger wäre schon mal drüben. Ein wenig fühle ich mich wie eine Einbrecherin, jedenfalls wie eine, die hier grad nicht so wirklich Legales vollführt. Nützt nix, vorsorglich winke ich mal entschuldigend, während Wim eine Solo-Drehkreuzrunde zurück zu mir dreht, in irgendwelche möglicherweise herumhängenden Beobachtungskameras, bisschen guten Willen und Demut zeigen kann nie schaden. So, die nächste Tanzrunde wird eingeläutet. Wim nimmt das erste Rad hochkant in seine Arme, schraubt sich gekonnt mit Pirouette ins Drehkreuz, nutzt waghalsig dessen Schwung und wird gegenüber mitsamt Rad heil ausgespuckt. Und das Ganze nochmal, weil‘s so schön war. Irgendwie scheint es sich auszuzahlen, dass er sich vor vielen Jahren durch ein paar Tanzkurse mit mir gebissen hat. Jedenfalls ist er locker in der Hüfte und kann seine im Arm liegende schwerbereifte schwarze Schönheit ziemlich elegant übers nicht vorhandene Parkett des Drehkreuzes führen. Damit haben nun auch beide Räder das andere Ufer erreicht und Wim steht da, mit diesem Gesicht … die Leserinnen unter uns wissen genau, welches Männer-Gesicht ich meine ;-), nämlich dieses „Lass-mich-mal-machen-Schätzelein-wär-doch-gelacht-na-siehste“-Gesicht. Ich huldige ihm, Chianga ebenfalls, und wir wenden uns dem eigentlichen Sinn unserer Übung zu: dem Naturschutzgebiet Brachter Wald und zunächst den entsprechenden Hinweis- und Informationstafeln. Wir stehen hier auf dem Areal eines ehemaligen Munitionslagers, ach, was erzähle ich? Das Munitionsdepot Brüggen-Bracht ist das größte verlassene Munitionsdepot Europas. Es diente zwischen 1948 und 1996 als Munitionsdepot für die britische Rheinarmee und der Royal Airforce und beherbergte neben zahlreichen Bunkern sogar ein eigenes Schienensystem samt Bahnhöfen. Es umfasst eine Fläche von ca. 1300 Hektar. Die nehmen wir nun mal unter unsere Räder, jedenfalls teilweise, und kommen schon auf den ersten Metern aus dem Staunen über die herrliche Natur mit lichten und dichten Wäldern und Heidezonen und Sandverwehungen nicht mehr raus. Und für einen Moment bin ich heilfroh, von nirgendwoher einen gellenden schrillen Trillerpfeifenpfiff einer Amtsperson zu vernehmen, der zweifelsfrei an mich adressiert wäre, an mich als eine vorsätzlich eingedrungene und jetzt auch noch unbefugt herumradelnde Person in dieser hermetisch abgesperrten Zone. Diese Flötentöne kenne ich, sehr zum Leidwesen meines Wims, noch aus Marokko sehr genau. Da galten sie auch immer mir. Man kann ja nun wahrhaftig nicht auf Anhieb immer erkennen, ob es ein königliches, staatliches, amtliches, polizeiliches, behördliches Objekt ist, das man gerade mit der Kamera in den Fokus nimmt. Da kennt der marokkanische Beamte nix, da kriegste einen gepfiffen, wenn du sowas fotografierst, aber wie, über riesige Plätze hinweg, es ist nämlich verboten, strengstens. Und vom Löschen der Aufnahme vergewissert sich der schnieke Ordnungshüter in der Regel immer. Das geschieht aber höchst charmant, freundlich, ja, beinah entschuldigend. Und dann darfst Du weiterziehen ... mit freundlichen Grüßen. Und dass meinem Wim sowas natürlich noch nie passiert ist, liegt nicht daran, dass er der bessere Mensch von uns beiden wäre, nein, er fotografiert nie, so einfach ist das.
Wir können unbehelligt weiterziehen in diesem Gebiet des ehemaligen Munitionslagers, das im Jahr 2000 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, nachdem es vor mehr als 25 Jahren von den britischen Streitkräften aufgegeben und von der NRW-Stiftung erworben wurde, um es eben für den Naturschutz zu sichern. Die Erhaltung des ökologischen Wertes des Gebietes ist eine Daueraufgabe. „Aus Heide wird Wald, wenn man nichts unternimmt“, sagt der Biologe Kolshorn mit Blick auf den natürlichen Prozess, nämlich die schrittweise natürliche Umwandlung von Offenland zu Wald. Um die offene Landschaft zu erhalten, unterstützt eine ganze Armada vierbeiniger Helfer die Naturschützer. Eine Schafherde mit 1.000 Moorschnucken, Ziegen, Galloway-Rinder und Konik-Pferde halten die Heide durch Beweidung offen. Im Wald übernimmt die stattliche Anzahl von rund 450 Stück Damwild diese Aufgabe. Sie bleiben wegen des noch aus der militärischen Vergangenheit stammenden Zauns dauerhaft auf dem Gelände. Während der ganze 18 km lange Zaun für manchen Besucher auf den ersten Blick eher etwas Unnatürliches - wie bei uns gerade der Fall auch etwas Unüberwindliches - auszustrahlen scheint, sieht Naturschützer Kolshorn darin einen Glücksfall: „Das Vorhandensein der Umzäunung ermöglicht, das Gebiet mit einem vertretbaren Aufwand durch Beweidung zu erhalten“, sagt der Biologe. Und schon in einem der nächsten Abschnitte können wir einige der friedlich äsenden Damhirsch-Kameraden ziemlich aus der Nähe beobachten.
Auf mehreren, erst vor kurzem erneuerten Aussichtsplattformen, die wir im Verlauf alle anfahren, lassen sich Landschaft und Tiere des Gebietes ebenfalls sehr schön erkunden, ohne sie dabei zu stören. Auch Ranger helfen, das rücksichtsvolle Miteinander von Mensch und Natur zu bewahren. Besuchende können das weitläufige Areal bei einer Wanderung, mit dem Fahrrad und teilweise sogar per Inline-Skater auf den ausgewiesenen Wegen kennenlernen. Auf 30 Kilometern Wegenetz ist das Gebiet gut erschlossen. Die Hinweise auf zum Schutz der Natur gesperrte Wege sollten Besucher keinesfalls missachten. Man genießt eine ausgesprochen große Freiheit in dieser enormen Weitläufigkeit, die es unnötig macht, von den markierten Wegen abzuweichen und durchs Gelände wild zu pirschen.
Nach Erklimmen einer besonders toll gelegenen Aussichtsplattform auf einer hohen Sanddüne kommt Chianga nicht umhin, sich ihrem liebsten Hobby, dem Sandbaden, hinzugeben und genüßlich ein Bad zu nehmen, sich zu wälzen, zu schieben, zu drehen, zu wenden, zu pudern und hyperaktive 5-Minuten-Workouts zu vollführen. Unser altes Mädchen kann es noch, sie hat es noch voll drauf, wenn sie will.
Unbeeindruckt davon zieht eine Wildpferdherde durch die tiefe riesige Heidesenke unterhalb unseres Standortes. Hier und da wird ein Häppchen genommen, ein kleiner Tümpel zum Wasserfassen angesteuert, alles im Zeitlupentempo. In diesem weiten Land bieten sich uns einfach extrem beruhigende Anblicke bei schönstem Herbstwetter.
Vom größten Lager für Kriegsmunition in Europa zum Refugium für bedrohte Tier- und Pflanzenarten: das ist großartig und das hat etwas. Der Brachter Wald, der tatsächlich nur aus etwa zwei Dritteln Wald besteht, ansonsten von offener Heide- und Graslandschaft bedeckt wird, ist ein Glücksgriff für Natur und Mensch. Hier, wo einst 45.000 Tonnen Kriegsmunition lagerten, entwickelte sich eines der artenreichsten Naturgebiete in NRW. Hier führt heute die Natur das Kommando, und das so perfekt, dass es für viele Tier- und Pflanzenarten besonders attraktiv ist, sei es zum dauerhaften Leben oder auf der Durchreise als Zugvogel. Selbst der Reichtum an Pilzen sucht seinesgleichen. Mehr als 1.600 verschiedene Arten sind im Gebiet nachgewiesen worden, darunter einige, die es nur hier gibt und sogar solche, die der Wissenschaft bisher gänzlich unbekannt waren. Derart mit Beeindruckendem vollgesogen, rollen wir irgendwann wieder auf eine andere, nicht minder massive Toranlage zu, die sich in den das Gebiet umgebenden ellenlangen Zaun fügt. Aber hier wissen wir uns ja sofort zu helfen, Überlegen unnötig. Und schwupp sind wir samt Gelumpe wieder rausgedreht und frei. Diese Freiheit nutzt unser Magen, sich zu melden. Nach kurzem Googeln kommen wir zu dem Schluss, dass angesichts der heutigen langen Radtour ein grenzüberschreitender Sprint von 5 km zu der nächstgelegenen Friture Martha in Heide/NL nicht mehr ins Gewicht fällt und die dicke fette Mayo auf den dicken fetten Fritten zu den dicken fetten Kroketten ebenfalls wohl nicht.
Gut gestärkt und die Nase noch nicht voll, schlagen wir vor Erreichen des SP bei aufziehendem zarten Abendnebel nach rechts rüber einen Haken in den Elmpter Schwalmbruch. Absolut sehenswert ist es auch hier. Die Sonne steht schon sehr tief, was das Ganze nochmal mystischer macht.
Auch hier kann man eine Aussichtsplattform erklimmen und wundervolle Ansichten genießen. Wirklich flammend rot leuchtet der Wald, als würde er brennen. Dazwischen die dunklen leuchtenden Knopfaugen unseres im Heidegrund herum spazierenden Chianga-Mäuschens und die warme Abendsonne, die ihr Fell in Dunkel-Weizen wahrhaft strahlen lässt. Ihr graues Schnäuzchen lasse ich jetzt mal unerwähnt ;-). Möglicherweise dieser Begeisterung geschuldet ist, dass ich mein kleines schwarz-weißes Stoffsäckchen mit mehreren Kamera-Akkus dort liegen lasse. Ich Dusselhuhn. Leider merke ich das auch erst tagsdrauf, als wir längst mit dem Womo weitergereist sind. So haben doch selbst die schönsten Tage auch gerne mal eine Pleite auf Lager.
Jetzt ist aber endlich Schluss für heute. Wir schieben ab in den Urwald und kommen auf schmalem Landstreifen zwischen Diergartscher See und Venekotensee zurück zum SP. Und morgen geht‘s nach anderswo.