Dalheim und Rückreise

08.11.2025 Samstag

Heute Abend wollen wir in Düsseldorf sein, unseren Timo besuchen und bis morgen bleiben. Da das kleine Dorf am Rhein nur 50 km entfernt und das Wetter wiedermal hervorragend ist, suchen wir nach einem Ziel, das einen Besuch lohnt, wo wir etwas unternehmen und uns die Zeit bis dahin schön vertreiben können. Keine 20 km und da haben wir doch was: eine alte Mühle, eingebettet in Naturschutzgebiete jeder Art und, wie könnte es in dieser Region anders sein, wiedermal knapp genäht noch in Deutschland, aber auf dem äußersten Zipfel zur niederländischen Grenze. Wir sind begeistert, etwas gefunden zu haben, Mühlen sind doch immer urig, vor allem, wenn sie noch ein im Betrieb befindliches Restaurant betreiben und über einen Parkplatz verfügen. Google Maps lügt ja nicht. Wir legen ab, es wird, dem SP-Namen entsprechend „ausgebüxt“. Bei 20 km bis zum Etappenziel braucht man sich ja eigentlich kaum richtig zurecht zu rücken und Überraschendes zu erwarten. Braucht man nicht, braucht man aber schon, wenn der fahrbare Untersatz die Größe eines Drittwagens deutlich überschreitet. Nach Wurschteln durch Baustellen auf notdürftig gestampften Notspuren im ohnehin engen Dörfchen bittet uns Rüdiger, der noch gar nicht Thema auf dieser Reise war, fällt mir ein, nach rechts, sehr scharf rechts abzubiegen, was wir brav tun. Froh, keinen Bauzaun an der Hängerkupplung mitgeschleift zu haben, wird die Freude leicht gedämpft, bei mir leicht, wie gesagt, bei Wim deutlich stärker. Ist es denn zu glauben, dass wir hier auf den paar Kilometern schon wieder den Schweiß in den Schuhen stehen haben? Das Nach-rechts-Abbiegen bringt uns auf eine, wie es scheint, Zuwegung zu einem Hausgarten oder sowas. Schmal ist es, aber echt. Wim stellt die üblichen Fragen - warum das sein müsse, ob man (man = ich) das nicht sehen konnte, ob man hier überhaupt fahren dürfe, wenn uns jetzt einer entgegen kommt usw. usw.. Man kennt es ja. Ich schweige, mit der gesicherten Erkenntnis: wir werden überleben! Gut, auf den restlichen paar Kilometern kommt keiner entgegen, die Bahnunterführung, die sich als schwarzes Loch wie das Auge eines Waldungeheuers plötzlich vor uns auftut, durchfährt das Concördchen unbeschadet und darf nach paar Metern gegenüber dem blau da liegenden idyllischen Mühlenweiher nach rechts auf einen großen geschotterten Parkplatz in eine großzügig bemessene Lücke hoppeln, aufatmen und sich breitmachen. 

Da die Luft im Inneren etwas dick ist, rette ich meinen Hund und wir beide unternehmen einen ersten Erkundungsrundgang. Eine aufgeregte ältere Frau ruft mir schon von weitem zu, welch schreckliche Angst sie vor Hunden habe und welche Wanderroute wir nehmen würden. Sie warte auf ihre Wanderfreundin, würde dann gerne eine andere Route als wir nehmen. Der Anblick unseres Kennzeichens beruhigt sie etwas, oh die Eifel, die liebe sie sehr, habe schon so oft dort Wanderungen unternommen. „Sehen sie, und haben sie jemals gelesen, dass eine Ridgeback-Hündin dort Wanderfreunde angefallen hat?“ Sie lacht, nein, habe sie nie. Ich setze mich einen Moment zu ihr auf den Rand ihres Kofferraums, Chianga zu meinen Füßen. Und sie erzählt mir ohne Unterlass von ihren tollen Touren. Ich kann letztlich beim Weitergehen nicht sagen, ob ihre Angst vor Hunden vorgeschoben war zwecks Kontaktaufnahme oder wirklich echt. Das Erste klingt aufgrund des Sachverhalts jedenfalls plausibler, denke ich so beim Umschleichen des Mühlenanwesens, das sehr gemütlich und beschaulich hier im Herbstwald liegt. Ein wunderbarer Ort, vor allem bei diesem Wetterchen.

Nach einer Kaffeepause im Womo und deutlicher Luftverbesserung im Inneren bewaffnen wir uns wandergerecht mit unseren Stöcken, schreiten beherzt los und folgen irgendeiner Route durch den märchenhaften Herbstwald im Forst Meinweg. Bloß sich jetzt nicht zwischen all den Wander-Spezis als fluguntauglicher Wandervogel outen. Irgendwann wird es stiller, menschenleerer und leer. Haufenweise türmt sich das Laub auf, überzieht den Waldboden mit einem dicken Teppich. Es ist trocken und raschelt bei jedem unserer Schritte vor sich hin. Hin und wieder gucken Pilze hervor. Davon haben wir so gar keine Ahnung. Da liegt uns die Kontaktaufnahme zu Pferden schon eher, die am Ende eines Weges auf einer Koppel stehen. Neugierig sind sie und einfach faszinierend schön. Es schließt sich ein größeres Gestüt an, dahinter ein Landgut mit gepflegter Terrasse, das sich bei Erreichen der Vorderseite als „Hotel St. Ludwig“ präsentiert. Viele PKW stehen auf dem Parkplatz, ein Landsträßchen läuft hier vorbei. Vermutlich gastieren hier Reitbegeisterte oder man hat sein Pferd nur in Obhut gegeben. Jedenfalls herrscht lebendiges Getriebe. Wir schlagen uns wieder in die Büsche, bewundern riesige Baumpilze und verwunschene Tümpel und finden wieder zurück zur Mühle. 

Wim will etwas Knie- und Augenpflege betreiben, so dass ich die Zeit für einen Radausflug nutzen kann. Das Herumradeln bringt mich über Wiesen- und Waldwege, mittlerweile wieder in Holland unterwegs, mitten im Naturgebiet vor ein offenstehendes Tor, das die Zufahrt zu einer langen ansteigenden Einfahrt gewährt, an deren Ende man schemenhaft ein paar Menschen erkennen kann, sonst nichts. Zunächst will ich vorbei fahren, entscheide mich aber anders. Es scheint, als wäre der Zugang für jedermann erlaubt. Der Schein trügt. Oben auf der Kuppe angekommen stehe ich vor einer Schranke. Das wäre ja nicht so wunderlich. Aber links winkt mir ein Uniformierter hinter Glas aus seinem Wachhäuschen und signalisiert mir, dass meine Fahrt hier erstmal ein Ende findet. Aber auch das wäre ja nicht so aufsehenerregend, wenn nicht, ja wenn sich nicht hinter der Schranke in einem parkähnlichen Gelände die Straße fortsetzen würde, allerdings flankiert von riesigen creme-güldenen Elefanten vor der Skyline weißer Paläste und Kirchtürme, die sich nicht mal die Mühe machen, sich zu verstecken im waldigen Land. Auf dem Plateau gehen vereinzelt Menschengruppen herum, gehen ist vielleicht zu viel gesagt, eher beseelt wandelnd, entrückt und dauergrinsend. Lieber Himmel, whats that? Der sich als freundlicher „normaler“ niederländische Mitmensch entpuppende Uniformierte, der auf meine Frage, wie ein Holländer denn hier „Dienst“ schieben könne und was das überhaupt hier alles sei, erläutert mir, immer mal wieder augenzwinkernd, die Hintergründe. Da staune ich nicht schlecht. Ich stehe hier und drücke mir gerade Augen und Nase platt an der "MERU, der International Maharishi European Research University, ein Campus in den Niederlanden, der Kurse, Retreats und Veranstaltungen für die weltweite Gemeinschaft der Transzendentalen Meditation anbietet. Mission ist es, das zeitlose Wissen des Bewusstseins und seine Anwendungen allen zugänglich zu machen - für eine gesunde, lebhafte und friedliche Gesellschaft. MERU schöpft aus dem reichen Wissen, der Gelehrsamkeit und der Tradition." Vor allem scheint MERU enorm aus den Sparvermögen seiner Schüler zu schöpfen, wie sich so auf Anhieb unschwer erkennen lässt. Denn dieser Prunk offenbart sich schon hier an der beschrankten Türschwelle. Und die Bilder der Infotafeln zeigen etwas vom Inneren, was mir natürlich verborgen bleibt. Und es wird gebaut und gebaut, das würde noch alles viel viel Ausgefallener, steckt mir der Uniformierte zu, und flüstert mir weiter, der Guru habe schon an einem ganz noblen Fleck an einem Schweizer See, wo sonst, sein Imperium erweitert, hätte das aber aufgeben müssen, da sei wohl auch nicht alles „so gut gelaufen“. Später lese ich natürlich etwas nach über diese „Sekte“. Zwiespältig skeptische, zur Vorsicht mahnende Artikel sind natürlich reichlich zu finden. Sollen Lehren zur Bewusstseinserweiterung auch getrost ihre Schüler finden, aber wenn der Oberlehrer solche Paläste und solchen Prunk braucht und sich das Geld dafür von irgendwie Hilflosen ausbeuterisch an Land zieht, ist das nun in meinen Augen sträflich und mit nichts zu entschuldigen. Es gehört ein Riegel vorgeschoben. Es gehören mehr freie Therapieplätze in den Alltag, damit Menschen mit Seelenleid nicht in die Hände solcher Schurken getrieben werden. Ach ja, die Welt ist schlecht. 

Aber so schlecht ist die Welt nun auch wieder nicht, wie ich auf meiner Radtour, nachdem ich dem Guru-Areal den Rücken gedreht habe, feststelle. Im Nationaal Park De Meinweg könnte ich Radfahren ohne Ende durch lichte Wälder, Moor- und Heidegebiete, aber es wird schon langsam Abend, ein Happen im Mühlenrestaurant ist geplant. Sehr lecker speisen wir in schöner Atmosphäre. 

Und in der blauen Stunde erreichen wir Düsseldorf und verbringen einen schönen Abend und nächsten Morgen mit unseren Lieben dort, bevor es dann auf die letzte Etappe dieser kleinen Reise geht, nämlich nach Hause. 

Und beim Abendspaziergang über die Höhen der Vulkaneifel bleibt mir auch nichts anderes übrig, als jetzt zu schreiben: „Neeee, wie schöööön!“.