02.11.2025 Sonntag
Heute sieht die Welt schon anders aus, der Regen hat sich verzogen, herrlich strahlend präsentiert sich der Morgen an diesem Sonntag. Wir brechen auf und verlassen das interessante Örtchen Thorn an der Maas entlang Richtung Norden.
Weit wird es aber nicht sein. Wir wollen versuchen, endlich mal eine Lücke auf dem SP im Jachthafen in Hanssum zu ergattern. Bei zweimaligen Versuchen in Vorjahren ist uns das bisher nie gelungen, immer alles voll. Aber man steht dort so schön. Also hoffen wir das Beste in diesen grauen November-Zeiten und schlängeln uns nach rund 20 km durch den Ort Neer, über den Kirch- und Rathausplatz, durch etliche Gässchen und hinunter zum Maasufer zum Jachthafen Hanssum. Auf dem Deich hinter dem schweren Schleusentor zum Schutz vor Hochwasser überblickt man den kompletten Hafenbereich. Nun gut, riesig ist er nicht, aber man hat all die wenigen Lücken für Womos voll im Visier. Praktisch und glücklich, denn ein paar sind frei. Heute gelingt es, hier vor Anker zu gehen. Wunderbar. Hier ist alles hervorragend und extrem ordentlich, und einen sehr freundlichen Hafenmeister gibt‘s noch on top. 2 Tage darf man bleiben. Strom, Wasser alles am Platz. Per QR-Code zahle ich für 2 Nächte, klappt problemlos. Eine Mail bestätigt postwendend die Buchung und gibt sofort den Code für freies WLan an, also wirklich vorbildlich. Und das alles unmittelbar am Ufer der Maas. Aufatmen, alles im Fluss!
Eine Stunde später zieht es uns schon auf‘s Rad und durch die Gegend. Bei diesem Wetterchen muss man an die Luft. Ziel ist eine in Neer gelegene Mühle, die Friedesse Molen, eine aus dem Jahr 1717 stammende Wassermühle. Inzwischen sind die hölzernen Mühlblätter durch eiserne ersetzt, denn die Mühle mahlt noch immer auf die altmodische Art und Weise Weizen, Buchweizen und Mais zwischen Mühlsteinen und mit Wasserkraft. Allerdings von November bis April nicht, da hält sie Winterschlaf. Das macht aber nichts. Wir gehen etwas herum und genießen die schönen Ansichten in dieser malerischen Lage, begeben uns danach zum kleinen auch an Sonntagen geöffneten Spar-Markt, stöbern herum und kaufen Lebensnotwendiges für Wim, wie z.B. Gefüllte Kuchen, holländische Leberwurst und Kruidnoten. Ein Regenschauer aus heiterem Himmel zieht einen wunderschönen Regenbogen nach sich, als wir zum Womo zurück radeln.
Nicht lange dauert es, und die Wetterlage wird wieder freundlich. Also wieder rauf auf die Räder, an der Maas entlang, denn im benachbarten Ort Kessel gibt‘s etwas zu bestaunen. Durch Felder und Wälder und sogar hügelig geht die Fahrt dahin. Zur Rechten liegt die Maas in breitem Bett, auf ihr herrscht reger Schiffsverkehr. Auf halber Strecke in Kessel-Eik folgen wir einem Womo-Schild. Mal sehn, welcher SP sich hier versteckt im Maas-Wald. Ein großes Gehöft tut sich auf, scheint ein schwerreicher Kartoffelbauer zu sein. Am Ende seines Areals liegt in gepflegter Parkanlage unter hohen Bäumen und hinter perfekter Zaun- und Einfahrtstor-Anlage mit diversen Sicherungen und Video-Kameras ein SP oder CP der Extra-Klasse, muss man schon so sagen. Also für Camper, die Hochsicherheitstrakte bevorzugen, wäre das hier die ideale Adresse. Wir wundern uns sehr, dass solch eine Anlage hier aufgebockt wurde, hier, im sumpfigen Gürtel zur Maas hin, Wildwuchs ringsum, unschönes Kiesunternehmen angrenzend. Hier muss kriminelle Energie zu Hause sein, von der wir so auf Anhieb aber nichts zu spüren bekommen. Und dennoch: nix wie weg hier! Hier ist es irgendwie gruselig, nicht nur die üppige Halloween-Deko in einem Vorgarten eines Hauses in Alleinlage mit Grabsteinen und an Bäumen gelehnten kopflosen Skeletten.
Bald empfängt uns aber wieder Idyllisches, nämlich bis auf einzelne Ausnahmen besonders schöne Häuschen im Ort Kessel. Noble Grundstücke mit Blick auf die Maas wechseln ab mit herrlichen Anwesen auch in zweiter Reihe. Hier lebt es sich scheinbar gut bis sehr gehoben gut, schließt man von Arealgröße, PKW-Modell und Einfahrtstordesign auf die Einkommensgröße der Haushalte. Riesige Hausnummern zieren riesige Häuser, mal wunderhübsch gemütlich im holländischen, mal im ausgefallen modernen Stil. Nach einer Runde Staunen geht‘s vorbei am alten Kern des Örtchens hinab zum Ufer und der Fähre. Wie in Holland an sonnigen Sonntagen häufig zu beobachten, knattern plötzlich einige Oldtimer über die Gassen zum Wasser hin und verschwinden bald auf der Fähre, die sie hinüber nach Beesel bringt. Für uns wäre das Übersetzen auch toll, denn direkt am SP verkehrt auch eine Fähre, allerdings ab November nicht mehr, so dass man doch einen weiten Umweg über eine Brücke in Roermond machen müsste. Zu viel für heute jedenfalls. Bedenken müssen wir auch immer noch Wim‘s Knie. Froh bin ich, dass es, das Knie, wenigstens schon die kürzeren Radstrecken mitmacht.
Am Zaun zum märchenhaften Kasteel „Villa Oeverberg“ drücken wir uns etwas die Nase platt, werfen einen Blick in die Ortskirche und setzen die Fahrt durchs Dorf fort.
Am Ende des Maasboulevard, der mit dem Rad nicht befahren werden darf, erhebt sich in sehr disponierter Lage das Kasteel de Keverberg. Das Schloss mit seiner reichen Geschichte gilt als architektonisches Meisterwerk und ist eines der ältesten Schlösser der Niederlande. Die Ursprünge liegen um das Jahr 1000, als die Grafen von Kessel das Mautrecht über die Maas erhielten. An der Kreuzung mit der Landstraße von Brabant nach Köln wurde auf einem künstlichen Hügel, einer Motte, ein Wachturm errichtet. Ende des 13. Jahrhunderts wanderte das ganze Arrangement vermutlich aufgrund von Schulden an ein anderes Adelsgeschlecht und kam nach Weggang des letzten adligen Besitzers Baron Keverberg Ende des 19. Jahrhunderts in die Hände von Mönchen. Im Herbst 1944 wurde die Burg aufgrund ihrer strategischen Lage von sich zurückziehenden deutschen Soldaten gesprengt und lag jahrzehntelang als Ruine in der Mitte des Dorfes Kessel, bis 2015. In diesem Jahr nämlich wurde das restaurierte "moderne" Schloss dank der Bemühungen vieler Freiwilliger wiedereröffnet. Und nun, wo früher die Grafen von Kessel residierten, werden heutzutage Feste und Parties veranstaltet und Versammlungen abgehalten.
Bis zum Dorfende drehen wir noch eine Runde, vorbei an alten typisch holländischen Backsteinhäusern. Es ist sehr beschaulich hier, obwohl das angesichts des touristischen Hot Spots Kasteel de Keverberg gewiss auch ganz anders sein kann. Der Rückweg wird angetreten. Wieder radeln wir direkt am Ufer der Maas entlang, durch kleine Wäldchen und weite Uferwiesen und genießen am Stellplatz zum beruhigenden Tuckern der vorbeiziehenden Kähne einen wunderschönen Abendhimmel.
03.11.2025 Montag
Freundlich begrüßt uns der nächste Morgen, da macht das Durchstöbern der breiten Blumenrabatte am Stellplatz viel Spaß. So im November freut man sich doch doppelt über jedes Blütchen. Leer ist es um uns herum geworden. Die Wochenend-Wohnmobilisten sind weg, die Rentner dürfen noch kleben bleiben. Das sind im Moment scheinbar nur wir.
Wir satteln auf, natürlich. Heute geht‘s mal in die andere Richtung. An Wildgehegen und großen Bauerngehöften vorbei radeln wir durch ursprüngliche Flusslandschaft mit vielen Wasservögeln und gelegentlich unter Zelten verborgen getarnten Anglern. Immer wieder schieben sich lange Schiffe scheinbar durch die Wiesen und ziehen auf der Maas dahin. Der internationale Maas-Radweg erstreckt sich über 1.050 Kilometer von der Quelle der Maas in Frankreich bis zur Mündung in Rotterdam und führt u. a. durch diese Gegend hier, die sich „Peel en Maas“ nennt. Der Fluss ist während der Radtour nie weit entfernt. Er fließt links, rechts oder unter einem hindurch. Man genießt wunderschöne unaufgeregte Natur und kann unterwegs noch viel mehr entdecken und bewundern.
Und das auch schon gleich im nächsten Maasdorf: Buggenum. Hier liegt direkt an der Straße das nicht öffentlich zugängliche Schloss Malborgh. Ein paar nette Schnappschüsse werden blitzschnell gemacht, fotogen ist das Anwesen schon, das, nachdem es ursprünglich wohl einer holländischen Familie gehörte, im 15. Jahrhundert in den Besitz eines Klosters gelangte, irgendwann um 1900 in einen schnöden Bauernhof verwandelt wurde und dem ab 1970 ein Arzt wieder zu antikem Glanz verhalf, wie man liest. Heute beherbergt es nur Büros. Zauber dahin. Für den sorgt dann aber der uns am Ortsende entgegen kommende Oldie VW Käfer. Man muss einfach die Augen offen halten.
Über Landsträßchen führt uns die Route zum nächsten Highlight: Kasteel Aldenghoor in Haelen. Sehr prächtig liegt es dort mitten im Ort in weitläufigen Parkanlagen, vollständig von Wassergräben umgeben, total intakt und kann besichtigt werden. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1212, als es noch ein befestigtes Anwesen der Adelsfamilie van Ghoor de Horne war. Im Laufe der Jahre lebten viele Adelsfamilien und Ordensleute auf der Burg. Die letzte adlige Bewohnerin Viola Hallman aus Deutschland, durch ihre zweite Ehe mit der deutschen Kaiserfamilie Hohenzollern verbunden, war Geschäftsführerin eines Stahlwerks und wurde 1979 zur Unternehmerin des Jahres in Deutschland gewählt. In den 1980er Jahren war sie daher ein potenzielles Ziel der anarchistischen gewalttätigen RAF. Die Sicherheitsvorkehrungen aus dieser Zeit sind noch immer im und um das Schloss zu finden. Heutzutage kann man hier übernachten, lecker essen, eine Party feiern und sogar heiraten.
Nun erstmal genug von alten Gemäuern, es zieht uns in die Natur. Da kommt das angrenzende Naturschutzgebiet Leudal gerade passend, das zwischen den Dörfern Haelen, Roggel, Neer, Nunhem und Heythuysen liegt und rund 900 Hektar umfasst. Neben den Bachtälern, die eine große biologische Vielfalt gewährleisten und die das Naturschutzgebiet bildeten, beherbergt das Gebiet auch schöne Sehenswürdigkeiten. Die Flüsschen Zelsterbeek und Leubeek schlängeln sich zwischen den Bäumen und haben im Laufe der Jahrhunderte tiefe Bachtäler mit einzigartiger Flora und Fauna eingegraben, dass sich sogar Schluchten gebildet haben. Wir radeln durch wunderschönen Wald mit Haselnuss, Birke und Weide. Leider bleibt uns der in den Ufermauern lebende Eisvogel, der in den Bächen Fische fängt, verborgen. Das liegt womöglich daran, dass ich unterinformiert hier herum radele und erst abends von seiner Existenz dort lese. Tja …
In diesem perfekt für Radausflüge und Hundefreilauf geeigneten Naturpark gibt es mehrere historische Denkmäler, wie z. B. eine alte Wassermühle, die von der reichen Geschichte von Leudal zeugt und plötzlich vor uns auf einer Lichtung auftaucht: die Leumolen oder im Volksmund auch Sint Ursula Molen genannt. Die älteste schriftliche Erwähnung der Mühle stammt aus dem Jahr 1558. Die Mühle war eine Getreidemühle, aber 1773 wurde eine Ölmühle hinzugefügt. Die Forestry Commission kaufte die Mühle 1956 und restaurierte sie. Sowohl die Getreide- als auch die Ölmühle sind heute wieder in Betrieb. Die Geschichte besagt, dass die französischen Besatzer 1796 eine Statue der Heiligen Ursula aus dem Besitz des benachbarten Klosters in den Bach warfen und die katholische Heilige anschließend an der Mühle angeschwemmt wurde. Ursula wurde liebevoll aufgenommen und gab der Mühle ihren Spitznamen. Die Patronin, eine Nachbildung, steht in einer Nische über der Tür. Die Originalstatue befindet sich im Historiehuis in Roermond. Es ist ein lauschiges Plätzchen hier, wir spazieren am plätschernden Mühlenbach entlang und über eine angrenzende Streuobstwiese, bevor es weiter geht.
Und die nächste Mühle kommt in Sicht, die St. Elisabeths Mühle, die 1240 gegründet wurde und eine lange bewegte Geschichte hinter sich hat. Sie war seinerzeit eine „Bannmühle“, den Ausdruck kannte ich noch überhaupt nicht. Das bedeutet, dass die Einwohner von Roggel gezwungen waren, ihr Getreide hier mahlen zu lassen. In den folgenden Jahrhunderten war das Schicksal der Mühle nicht wohlgesonnen. Sie wechselte oft ihre Besitzer, wurde von den Franzosen enteignet und verkauft, brannte irgendwann durch Brandstiftung ab, wurde durch Munition abziehender Besatzungstruppen zerstört, wurde aber immer wieder aufgebaut. Heute ist nur noch eine malerische Ruine übrig, die allerdings mit einer Wasserturbine zur Stromerzeugung dient und an eine glorreiche Vergangenheit erinnert. Die Ruine der St.-Elisabeth Mühle ist eine beliebte Touristenattraktion und ein stummer Zeuge der reichen Geschichte der Region. Sie ist ein Denkmal für den menschlichen Einfallsreichtum, den unaufhaltsamen Zahn der Zeit und die Kraft der Natur. Damit wir wieder zu Kräften kommen, gönnen wir uns im benachbarten Gasthof ein Stück Limburger Vlaai. Ja ja, das ist nicht einfach nur Kuchen, ne ne, da ist der Limburger sehr eigen. Es ist das typische Gebäck schlechthin hier in der niederländisch-belgischen Region, ein sehr flacher Hefeteig mit einer Füllung aus angedicktem Fruchtkompott und gilt als eine regionale Spezialität. Der Stolz darauf ging sogar so weit, dass niederländische und belgische Bäcker aus der Region Limburg sich erfolgreich darum bemühten, die Limburgse Vlaai als Spezialität mit Herkunftsbezeichnung von der EU anerkennen zu lassen. Diese erfolgte im Januar 2024. Ist sie für Außenstehende einfach nur Kuchen, ist sie hierzulande ein Heiligtum und wird zu allen erdenklichen freudigen wie traurigen Anlässen, bei letzteren mit dunklen Pflaumen, aufgetischt. Nun ja, das Stückchen schmeckt, aber ich will mal behaupten, dass jeder Eifeler Bäcker solch einen „Flodden“, wie er in der Eifel genannt wird, ohne jedes Gedöns in den Ofen und in seine Theke bringt. Jede Eifeler Hausfrau sowieso. Da wird ein schnöder Hefeflodden nicht als Heiligtum verehrt, er wird einfach nur verzehrt, basta. Mit dieser Erkenntnis radeln wir noch zum Sint-Elisabethklooster, schauen uns in Heythuysen die Sint-Antonius-Molen an und radeln zufrieden zum Stellplatz. Aber sowas von genug heute.
04.11.2025 Dienstag
Oh what a day … passend zu unserem Plan, Roermond einen Besuch abzustatten, diesmal aber nicht zwecks Shopping, diesmal City-Sightseeing. Bei feinstem November-Wetterchen besteigt Chianga schon mal noch bevor wir alles beisammen haben ihre Senfte, und wir starten. Die Maasauen wirken heute noch idyllischer, kein scharfer Wind beutelt, Kühe liegen in der Sonne, Pferdekoppeln und Wegkreuze passieren wir. Im Maasdorf Buggenum schmücken breite Streifen mit vor sich hin welkenden Hortensien nicht minder schön die Hausfassaden. In der Herbstsonne ein Gedicht. Im Verlauf radeln wir entlang einer Hauptstraße und am Rand der Autobahn, über hohe Brücken mit weitem Blick über die Maas und auf die Stadt Roermond zu.
Am anderen Ufer nehmen wir die Abfahrt nach rechts, links rüber liegt das Outlet-Paradies. Umgehend sind wir im historischen Zentrum. Auch hier dreht sich alles ums Einkaufen. Viele Geschäfte, Restaurants und Cafés befinden sich rund um einige schöne Plätze und entlang der Uferpromenade an der Roerkade. Hier findet man sowohl die großen Einzelhandelsketten als auch die traditionellen Fachgeschäfte mit häufig - irgendwie für Holland typischem - skurrilen Warenangebot. Wir radeln kreuz und quer durch die Gassen der alten Stadt, deren Ursprung bis in die Römerzeit zurückgeht.
Die Stadt mit ihren 56.000 Einwohnern ist eine Bischofsstadt. Dementsprechend gibt es viele interessante Gebäude und Kirchen. Schon eine Rundfahrt durch die Altstadt mit Fassaden aus verschiedenen Epochen der letzten Jahrhunderte ist sehr lohnenswert. Am Marktplatz steht ein sehr schönes Rathaus mit einem Glockenspielturm aus dem Jahre 1700. Nebenan lohnt ein Besuch der Kathedrale St. Christophorus und der Liebfrauen-Münsterkirche. Die Kirche selbst wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet und um 1850 umfangreich umgebaut und erweitert. Damals sehr umstritten war der Anbau der Türme durch den Architekten Pierre Cuypers, die heute nicht mehr wegzudenken sind. Vor der Kirche auf dem Münsterplatz steht der wunderschöne Musikpavillon von Cuypers. Er hat ihn im Jahr 1880 für seine Frau entworfen und bauen lassen. Noch heute wird er, dank seiner hervorragenden Akustik, gerne für Musikdarbietungen genutzt. Viele Menschen bevölkern den Platz, man sitzt wunderschön unter den großen alten Bäumen, selbst wenn sie wie jetzt ihr Laub schon überwiegend abgeworfen haben. In den schon üppig weihnachtlich dekorierten Cafés ruhen sich zahlreiche Besucher aus, trinken einen Kaffee. Eine murmelig-gemütliche Stimmung schnappen wir auf.
Wir begeben uns über die Brücke auf den Rückweg und fädeln uns auf der Autobahn auf der Radspur ein. Die riesigen Wassersportgebiete und Beach Clubs breiten sich beidseits der Brücke aus.
Über die Maas hinweg erreichen wir das Städtchen Horn, das wir bei der Hinfahrt rechts haben liegen lassen. Hier reizt der Besuch von Kasteel Horn am Ortsanfang. Die Burg bzw. Schloss Horn ist eine der ältesten noch intakten mittelalterlichen Ringwallburgen der Niederlande. Die Burg wurde auf einer natürlichen Anhöhe an der Maas errichtet. Der Name Horn leitet sich vom germanischen Hornjôn ab, was "Hügel oder Ecke in einem sumpfigen Land" bedeutet. Die Maas war die natürliche Trennung zwischen Horn und dem nahe gelegenen Roermond. Die Burg stammt wahrscheinlich aus dem 10. oder 11. Jahrhundert und war ursprünglich im Besitz sogenannter Raubritter, die durch die Erhebung von Zöllen auf der stark befahrenen Maas gehörige Einnahmen erzielten. Die Burg Horn wird erstmals 1243 in einem Brief erwähnt, brannte nieder, wechselte natürlich häufig die Besitzer und wurde im Jahr 1798 an Familie Magnée aus Lüttich verkauft. Diese Familie ist noch heute Eigentümerin des Schlosses. Der größte Teil der ursprünglichen kreisförmigen Anlage ist noch erhalten und von einem schönen Landschaftspark umgeben, der öffentlich zugänglich ist, so dass wir bei toller Herbstsonne schöne Blicke auf das alte Gemäuer erhaschen können, wie auch auf den vor dem Torgebäude liegenden Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert, der ursprünglich zur Burganlage gehörte.
Quer durch Horn hindurch mit für die Niederlande häufig auch total unterschiedlicher Bebauung und Häuserart, peilen wir noch den Molenweg an. Schon von weitem weisen uns die riesigen Mühlenflügel den Weg. Und gleich zwei Mühlen können bestaunt werden, die Kornmühlen Molen de Welvaart aus 1825 und die Molen De Hoop, die im Jahr 1817 aus Deutschland geholt wurde. Was man nicht so alles erfährt oder erradelt.
Der Rückweg führt uns, bevor wir den neugierigen Kühen auf den Weiden guten Abend wünschen können und unser Concördchen erreichen, noch an der kleinen Kapelle in Buggenum vorbei, die am Morgen verschlossen war. Maria Kapel präsentiert sich gepflegt, bescheiden, aber wundervoll, ein kleiner Zufluchtsort.
05.11.2025 Mittwoch
Der Herbst bietet alles auf, er wird prächtig golden. Wir bleiben noch einen weiteren Tag und wollen uns heute an der Schlösser- und Skulpturenroute Baarlo abarbeiten. Dazu radeln wir zunächst wieder das schon bekannte Stück am Maas-Ufer entlang und durch das Naturschutzgebiet De Musschenberg, das auf einem hohen Sandrücken wundervoll an der Maas liegt und von dem aus man einen herrlichen Blick über das Maastal hat. Dank der vielen Bäume und Sträucher ist es ein wahres Paradies für Vögel, vor allem Spatzen, im Dialekt “Mussen” genannt, deshalb der Name De Musschenberg. Danach kommt auch schon das Maasdorf Kessel in Sicht, das wir durchqueren.
Hinter dem Ortsausgang folgt der Radweg wieder dem Lauf der Maas. Wir ziehen durch weites Ackerland an vielen großen Bauerngehöften und Pferdekoppeln vorbei. Die Kohlernte ist in vollem Gange, das Herbstlaub strahlt nur so als gäbe es kein Morgen, was ja auch stimmt, denn die Tage des Laubs sind im Herbst nun mal gezählt.
Aus der Ferne schon können wir einen Blick auf eine historische Sehenswürdigkeit werfen, das Kasteel Huis Oyen. Wann das Haus errichtet worden ist, weiss man nicht. Fest steht aber, dass der erste Schlossbauernhof hier vor 1500 erbaut worden sein muss. Das Gebäude, das man hier sehen kann, stammt aus der Zeit um 1500-1550. Charakteristisch für dieses Gebäude ist der Renaissancestil: rote Ziegel wechseln mit schmalen gelben Mergelsteinen, auch Specksteine genannt. Es sieht schon sehr besonders aus. Das Haus Oyen ist im Privatbesitz. Besichtigen kann man nicht, aber zu lesen ist, dass es wohl gelegentlich offene Besuchstage gibt. Mich ärgert, dass das direkt an der Einfahrt zum noblen Gut liegende kleine Kapellchen, eine Marienkapelle aus dem 17. Jahrhundert, so sträflich heruntergekommen ihr Dasein fristen muss und scheinbar in Vergessenheit geraten ist. Sie gehört offenbar nicht dazu. Der Unmut darüber verfliegt aber schnell, denn der Wind frischt auf und fegt unschöne Gedanken und massenweise das Laub aus den Alleebäumen, die die Maas, die hier eine große Schleusenanlage zu bieten hat, säumen. Am anderen Ufer kommen Turmspitzen in Sicht, denen wir dann bei Erreichen des Fähranlegers ziemlich nah kommen. Sie gehören zur Dubbelkerk im drüben liegenden Klosterdorf Steyl, das seit jeher ein Ort ist, an dem Menschen Ruhe und Besinnung suchen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründete Pater Arnold Janssen in Steyl einen Missionsorden. Bald folgten zwei weibliche Ordensgemeinschaften, und es wurden ein Missionsmuseum, eine Druckerei und ein botanischer Garten eingerichtet. Über 150 Jahre später ist es ein, wie man nachlesen kann, „pulsierendes, eng verbundenes und unternehmerisches Dorf mit einem aktiven Vereinsleben und besonderen Traditionen, wo es immer etwas zu erleben gibt.“ Wir setzen allerdings nicht über. Heute steht uns unser Sinn nicht nach Besinnung. Uns genügt die sehr schöne Draufsicht von unserer Uferseite.
Wir biegen ab, tauchen ab, unter einem metallenen Brezelbogen hindurch zum Kastelen- en Kunstdorp Baarlo, ein altes Maasdorf, dessen Geschichte über 800 Jahre zurückreicht. Schmucke Häuschen und Gärtchen leuchten uns schon direkt in der Herbstsonne entgegen. Ein lustiger Picknick-Plaats ist schon belegt, Tisch gedeckt, Paar speist.
Um eine der nächsten Ecken herum nähern wir uns auch schon über die Kasteellaan einem nächsten pompösen Areal, dem Schloss D‘Erp Baarlo. Bewohnt von Kaisern, geplündert von Bettlern und nach verschiedenen Wiederaufbauten gehörte u. a. die Familie van Erp zu den wichtigsten Bewohnern. Diese Familie verließ das Schloss aber 1914, blieb jedoch Eigentümerin. Die Gemeinde kaufte das baufällige Schloss 1961 und restaurierte es 1974. Danach wurde es eine Zeit lang als Amtssitz des Bürgermeisters von Maasbree genutzt. Im Jahr 1993 verkaufte die Gemeinde das Schloss an Privatpersonen. So steht es nun da. Besonderen Glanz verleiht ihm momentan die wunderschöne Herbststimmung im frei zugänglichen weitläufigen Schlosspark mit flammenden Farben, Teichen und Tümpeln, Ziegengehege und süßem Dammwild.
Wir umrunden das Anwesen und schauen uns einige Skulpturen und die Watermolen an. Interessant ist besonders der am Ende gelegene Wasplaats De Sprunk. Der Name dieses Waschplatzes bedeutet (Wasser-)Sprung. Damit gemeint ist eine spontane Quelle. Das Wasser wird in einem Becken mit einem Überlauf gesammelt. Seit dem Mittelalter wurde diese Wasserstelle als Viehtränke genutzt. Das Vieh weidete in Herden auf den Wiesen und Auen der Maas und kehrte abends mit seinem Schafscherer ins Dorf zurück. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts wurde offenbar das Thema „Wäschepflege“ relevanter und der Sprunk diente dann als Dorfwaschplatz. Das heutige Gebäude stammt daher aus dem Jahr 1870. Die Dorfbewohner kamen mit Schubkarren und Körben voller Wäsche zum Sprunk, um hier ihre Wäsche zu waschen. Selbstverständlich wurden auch die wichtigsten Dorfnachrichten besprochen an solch einem geschäftigen Ort. Auch heute organisiert man noch regelmäßig historische Waschdemonstrationen. Während wir so durch die Gassen radeln und ein Päuschen in der Sonne auf dem Dorfplatz einlegen, denke ich an Marokko und die Frauen, die an steinigen Ufern in oft nur spärlichen Flussgewässern mit unendlicher Mühe und Kraft die Klamotten der Familie waschen, Decken und vollgesogene sicher bleischwere Teppiche durchwalken, auf Gebüsch trocknen, mit Eseln herbeigeschleppt und wieder abtransportiert. Schwerstarbeit, einfach unvorstellbar für unsereins.
Zeit zur Rückreise. Bei feinem Wetterchen genießen wir die letzten Stunden auf diesem ebenso feinen Plätzchen im Jachthafen Hanssum. Eigentlich darf man nur 48 Stunden hier stehen. Der sehr freundliche und bedachte Hafenmeister gab uns aber dankenswerterweise die Lizenz zur unbegrenzten Nutzung, mangels Zulauf. Und morgen wird die Welt anders aussehen, jedenfalls was unseren Standort anbelangt. Mal sehn …