11.04.2026 Samstag
Ein Örtchen in der Nähe reizt. Le Bec-Hellouin, das berühmte Le Bec-Hellouin, ein Kleinod mit großer Abtei, nie von gehört. Macht nix. Es gehört zum prestigeträchtigen Verband der 168 schönsten Dörfer Frankreichs, der plus beaux villages de France. Voilà, wir wollen sehen. Gerade mal 30 km schlängeln wir uns über Land.
Ach, diese kurzen Sprünge von A nach B sind einfach toll und der Zielpunkt, ein kostenloser SP am ehemaligen Bahnhof, schnell erreicht. Verraten hat sich Le
Bec-Hellouin schon von weitem durch seinen hellen Turm hier im idyllischen Tal zwischen Rouen und Lisieux. Und bei Durchfahren des Örtchens zeigt es sich bereits von schöner Seite.
Am SP angekommen, sind die Handvoll Womo-Plätze belegt, überwiegend von parkenden PKW. Da machste nix. Wir warten etwas ab, richten uns dann aber auf einem Wiesenstück gegenüber ein. Der Blick ist schön, Pferdekoppel vor mächtiger Abtei. Hier halten wir es aus.
Ein Spaziergang zum Dorf folgt. Mal sehen, wie lange das Wetter etwas zulässt. In nur paar Minuten sind wir schon mitten im Geschehen. Ja, ein zauberhaftes Dorf ist es, eher ein Dörflein, ein kleines Dörflein, sehr kleines, aber sehr putzig.
Sträßchen und Häuserreihen sind mit ihrem Fachwerk und den lauschigen Gärtchen wunderschön, die irgendwo erwähnten zahlreichen Trödellädchen nicht aufzuspüren bzw. geschlossen. Der Rundgang ist wirklich sehr schnell abgeschlossen, die Impressionen wiederholen sich, wie mir meine Fotos später erzählen.
Einen Blick können wir noch rund um die berühmte Abtei Notre-Dame du Bec und in den inneren Bereich werfen. Es herrscht Totenstille. Aber die Benediktinermönche, die Besucher auch herumführen, leben ja ohnehin in Stille nach dem Grundsatz „ora et labora“, ein Leben in Arbeit und Demut. Das war gewiss auch mal anders in den mehr als 1000 Jahren seit Gründung der Benediktinerabtei, die zu den einflussreichsten Klöstern der Normandie aufstieg und großen spirituellen Einfluss nahm, die Äbte hier vom Ufer des Flüsschens Risle sogar das Amt des Bischofs von Canterbury innehatten.
Umschauen kann ich mich noch in einer kleinen Chocolaterie, die geöffnet hat. Und unser Rundgang findet dann durch hernieder prasselnde Regengüsse ein flottes Ende. Am Womo angekommen und trockengelegt, entscheiden wir uns für Weiterreise. Es ist noch früh am Tag.
Zufällig hatte ich vor ein paar Tagen in Google maps entdeckt, dass es tatsächlich einen Ort gibt, der Camembert heißt und ganz in der Nähe liegt. Also den Bogen wollen wir dann auf alle Fälle schlagen. Das klingt zu verlockend. Auf dem Weg dorthin liegt das Städtchen Vimoutiers und bietet einen wiedermal kostenlosen SP ziemlich in der Nähe eines Camembert-Museums an. Genau das Richtige für uns an diesem feuchten Tag. Bereits im ersten Kreisverkehr rollen die Milch-Tank-Laster vorbei. Emsig wie Bienen fahren oder verlassen sie einen Milch verarbeitenden Betrieb. Auf manchen prangt unübersehbar das Logo „President“, im Camembert-Land sind wir in jedem Falle. Wir parken auf dem SP, der für 4 Womos Platz hat, aber unsauber ist und an der Hauptstraße liegt. Egal, es wird reichen für eine Nacht.
Los geht‘s zum Museum. Eine freundliche Frau begrüßt uns fast erschrocken, wir seien heute die ersten, und vermutlich einzigen, Besucher. Sie schmeißt ihren Beamer an, ein Filmchen wird uns vorgeführt. So gut eingestimmt durchlaufen wir die Stationen von Kuh zu Milch zu Käse zu Holzschachtel in den wenigen Räumen. Es ist sehr interessant, und die alten Gerätschaften sind toll anzusehen.
Überschaubar ist die Ausstellung, was sich aber nicht von der Abteilung der Etiketten sagen lässt. Eine Unmenge wurde in all den Jahren gestaltet und fand Verwendung. Einfach irre irgendwie, vor allem die aus den Kriegsjahren. Kameraden in Schützengräben begrüßen winkend den Kameraden, der mit einer runden Schachtel Camembert winkt und unterm Arm eine ganze Kiste anschleppt. Es hat mich fasziniert, welch hohen Stellenwert der Camembert zu haben scheint, wie er wahrhaft Teil des Lebens der Menschen in der Normandie ist.
Draußen wieder angelangt, hat sich der Regen verzogen, es wird heller. Da es auch jetzt noch nicht spät ist, vertrödeln wir unsere wertvolle Zeit nicht auf diesem öden SP hier, sondern starten durch die paar Kilometer bis Camembert über ein schmales Landsträßchen im heimeligen Hügelland mit kleinen Gehöften und großen Kühen. Über eine steile Straße erreichen wir einen Platz vor der Marie mit rundum maximal 10 Häusern. Hier sollte man lt. Internet über Nacht stehen können. Das erscheint uns fragwürdig und zudem erheblich zu schräg. Ein Kastenwagen käme damit wohl zurecht, aber ein größeres Womo hier den Leuten vor der Nase aufzubocken, das wollen wir nicht.
Wir fahren wieder nach unten, dort hatten wir beim Rauffahren eine schöne besser passende Parkmöglichkeit direkt an einem großen Gedenkstein gesehen. Hier lässt es sich gut an. Schöner Blick nach oben zur Käserei, zur Kirche, rundum Wiesen und Weiden mit glücklichen Kühen und vor der Haustür auf fein gemähter Fläche einen großen Teich und Nutzvieh, zwei Plastikkameraden, aber sehr witzig, so echt, dass Chianga etwas zweifelt.
Alles Käse oder was? Ja, da wo Camembert draufsteht, ist auch Camembert drin. Nämlich jede Menge Informationen und sehr Anschauliches, nimmt man den kleinen Anstieg nach oben ins Dörflein in Kauf. Die Käserei hat zwar heute am Sonntag geschlossen, aber neben der Mairie hat das Maison du Camembert, eines der maximal wohl 10 Häuser, geöffnet. Vorher hält uns eine schrankgroße Vitrine am Straßenrand auf, darin eine auf ersten Blick schwarzhäutige Frauenfigur, lebensgroß, notdürftig eingehüllt über offener Bluse und hervorblitzenden Brüsten in bunte derbe Stofffetzen. Eine schwarze Madonna? Provokant? Hypermodern? Oder was will der Künstler uns damit sagen? Auch der Name der dargestellten Frau sagt uns nichts. Sie muss aber von Bedeutung sein, sie hätte sonst gewiss nicht einen Platz in dieser disponierten Ortslage. Welche No-name-Frau kommt schon in Vitrinen? Ich nehme jetzt mal das vorweg, was sich uns zu dieser erstaunlichen Frau im Laufe der nächsten Stunden eröffnet: ….. folgt …..
Dann wollen wir mal eintreten ins Maison du Camembert. Und man riecht sofort: hier kommt Käse ins Spiel. Schön gemacht ist die Ausstellung mit Informationen zu den vier Käsesorten der Region, die auch in einem Kühlschrank auf Käufer warten. Allerdings ist es eher nur ein Museumsshop mit vielen Souvenirs, wie sich das gehört. Den erkunden wir zunächst. Eine größere Reisegruppe tut dies ebenfalls, hat dazu noch die angebotene Verkostung gebucht und schlemmt andächtig mit vielsagenden Blicken sehr konzentriert vor sich hin.
Wir wechseln das Haus, dazu die Straßenseite und begeben uns unterhalb der Kirche ins eigentliche Museum, das Musée du Camembert, das heute von 10 bis 11.30 Uhr geöffnet hat. Auch hier finden wir wirklich sehr anschaulich präsentiert und informativ jede Menge zum Thema Camembert. Das kurze Filmchen zu Beginn ist hilfreich und veranschaulicht gut den Werdegang von Kuh bis ins Spandöschen, vor allem aber im Laufe der vielen Jahrzehnte, in denen der Camembert seine Liebhaber gefunden und der Region zu Ruhm und Ehre und hoffentlich auch Auskommen verholfen hat.
Eine Fabrikationsstraße ist aufgebaut, eine Maschine aus deutschem Unternehmen zur Herstellung der bis heute typischen Spandosen ist zu bestaunen und nicht zuletzt ein witziger historischer Verkaufswagen, quasi ein Bo-Frost Ur-ur-ur-ur-Großvater, und natürlich unzählige Etiketten, von denen es über 200.000 gibt, wie dem Informationsblatt in Deutsch entnommen werden kann.
Und das alles, weil eine harmlose, aber offensichtlich neugierige und für die damalige Zeit wohl extrem couragierte junge Marie Harel sich mühte, ausprobierte, nicht rastete, um diesen Käse auf die Beine zu stellen. Sehr nachdenklich schmunzelnd, aber anerkennend stehe ich am Schluss der Ausstellung vor dem großformatigen Bild, das die hochnoble vielköpfige Gesellschaft rund um Napoleon zeigt, als ihm erstmals der Camembert kredenzt wird. Der Zug, mit dem der Imperator reiste, ist wohl Synonym für den Zug, also den Siegeszug, den der Camembert der Marie Harel dann bis heute mit Dampf voll durchzog.
12.04.2026 Sonntag
Natürlich verläuft die Nacht in Ruhe und Frieden, ein herrliches Plätzchen ist das hier. In Saisonzeiten wird das anders sein. Nach einem kleinen Spaziergang packen wir auf und rollen über das schmale Sträßchen aus dem Tal, wo Milch und Camembert fließen, heraus und unserem heutigen Tagesziel entgegen.
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