von Paris bis Versailles

29.03.2026 Sonntag

Ich las, dass Louis XIV. und Marie-Antoinette am 06.10.1789 für die 20 km Fahrt mit ihrer Kutsche von Paris bis nach Versailles 6 Stunden brauchten. Wir werden das heute bei unveränderter Entfernung hoffentlich schneller erledigen mit unserer Kutsche und deutlich flotter in die Heimat des Sonnenkönigs gelangen. Kaum haben wir das Ufer gewechselt, wird es sehr hügelig. Das hätten wir so nicht erwartet und staunen nicht schlecht. Der nächste Ort hat schon nichts Städtisches mehr an sich. Kleine Häuser, kleine Läden, und vor den Boulangerien bilden sich Baguette-Käufer-Warteschlangen, wie man sie an Sonntagen in Frankreich häufig sieht. Der sehr guten CP-Beschilderung folgen wir, überqueren einen total breiten Boulevard, an dessen Ende sich vermutlich Hochadeliges befindet und kommen ruck zuck am CP an. 

Das Einchecken ist wieder blitzartig erledigt, Bestätigungsmail mit Buchungsnummer zeigen, alles ok und rein mit uns. Die vergebene Parzelle liegt am steilen Hang, sehr unschön, daher wähle ich eine andere in den Niederungen, die tatsächlich nach etwas Hin und Her an uns vergeben wird, obwohl der CP ausgebucht ist. Auch hier, wie in Paris, sind Unmengen freier Lücken zu sehen, aber das wird sich wohl gegen Nachmittag extrem ändern. Anders als in Deutschland beginnen die Osterferien in Frankreich erst an Ostern, aber sehr viele Deutsche sind unterwegs, wie wir schon in Paris sehen konnten. Ich werde mal schleunigst ausfindig machen, wo wir über die Osterfeiertage unterkommen wollen und können, um blöde Überraschungen zu vermeiden. Für heute jedenfalls können wir ein schönes Plätzchen belegen, richten uns ein und sitzen tatsächlich mal faul in der Sonne.

Der Zustand dauert nicht lange. Wim und Chianga ziehen sich zurück ins Schlafgemach, ich schwinge mich auf mein von Wim schon fürsorglich parat gemachtes Rad. Die Gegend werd ich mir mal anschauen, prüfen, was rund ums Schlösschen so mit Rad und Hund möglich ist. Bei sonnigen 12 Grad starte ich, trügerisch diese Zahl, denn ein eisiger Wind pfeift, und ich bin froh, mein Stirnband im Körbchen dabei zu haben, was ich mir flott unter den Helm anziehe. Es sind nur knapp 4 km bis zum Schloss, der CP liegt sehr günstig, und über ein paar schmale Straßen komme ich schon auf den breiten Boulevard. Ich bin gespannt, was sich da gleich auftut, die pompöser werdenden Bauten lassen schon Großes erahnen.

Und da liegt es nun vor mir, volle Breitseite, das Schloss, Château de Versailles, ein monstermäßiger Bau. Bis zur Ankunft des Sonnenkönigs war Versailles nur eine Ansammlung armseliger Hütten in einem hufeisenförmigen Tal, umgeben von Wäldern. Der breite Boulevard findet hier sein Ende, wie könnte es auch anders sein. Auf einem großen Vorplatz reihen sich rechts rüber Busse, dazwischen fluten Menschen, mittig ein überdimensionales Tor, schwarz-gold, so kann sich das weiter dahinter liegende Zaun-Tor-Schmiedeeisen-Meisterstück in komplett Gold besser abheben. Klingt etwas spöttisch, stelle ich fest. Und ja, überdeutlich spüre ich, dass dieses Schloss nix für mich ist. Prunk im Überfluss, nahe am Protz, das ertrage ich derzeit nicht. Eine Besichtigung, die man ja eigentlich machen sollte, fällt flach. Aber wer ist schon „man“? Im Zweifel ist „man“ nicht ich. 

Nach einigem Staunen und Wundern halte ich mich links rüber, erreiche an einer verschlossenen wundervollen Nebeneingangstoranlage vorbei durch eine Gasse mit hoch aufragenden, wohl historischen Häuserzeilen ein schnurgerades Landsträßchen, das der Mauer der Schlossanlage folgt. Möglicherweise erreiche ich auf diesem Weg die Schlossgärten und finde einen Einlass irgendwo zur Rechten. Also mal radeln und gucken. 

Und siehe da, nach ein paar Kilometern kann ich rechts adliges Geläuf betreten bzw. beradeln, denn Radfahren ist erlaubt. Herrlich, darauf freue ich mich jetzt sehr. Leicht abschüssig fahre ich auf einen Teich zu, also ich dachte, es sei nur ein Teich, aber es ist ein Arm des riesigen Bassins, das wie ein überdimensionales Kreuz im Schlossgarten liegt. Unfassbare Weiten tun sich auf. Ja ja, man weiß, Schlossgärten sind selten Kleingärten. Aber sowas. Unglaublich weitläufig alles. Riesig riesig riesig. Es verschlägt einem die Sprache, wirklich. Und alles hervorragend gärtnerisch gepflegt. Und die Menschen amüsieren sich, fahren mit kleinen weißen Booten auf dem See, sausen mit Elektrowägelchen, die man ausleihen kann, kreuz und quer auf den Gehwegen herum. Die Gärten von Versailles wurden von Ludwig XIV. als ebenso wichtig wie das Schloss angesehen. Heute sind die Gärten vielleicht sogar berühmter als das Schloss selbst und genießen weltweiten Ruhm. Von den jährlich 10 Millionen Besuchern kommen allein 7 Millionen wegen der Gärten, die Hunderte verschiedener Bäume, Blumenbeete, Lustgärten, Pavillons, eine Orangerie, Kolonnaden, Skulpturen, eine Grotte, zahlreiche Teiche, einen Kanal und natürlich viele Springbrunnen aufweisen. Und fast alles im Garten aus der Zeit des Sonnenkönigs ist bis heute erhalten geblieben. Man liest, dass der König jedes Projekt selbst begutachtete, dass er sich intensiv mit dem Projekt befasste und jedes Detail mit eigenen Augen sehen wollte. 

Zur Rechten zieht mich etwas Goldenes magisch an: Apollo. Männer in Gold, ja, das hat irgendwie was. In einem separaten großen runden Teich dümpelt er, „Le char d’Apollon“, eine 1671 vollendete, vergoldene Skulptur des griechischen Gottes Apollo, der in einem Streitwagen aus dem Wasser hervor steigt. Fontainen sprudeln noch nicht, umspielt das Wasser das goldene Ensemble, sieht es sicherlich märchenhaft aus. All die vielen Springbrunnen und Skulpturen, auf die ich treffe, stellen meist Götter und ihre Mythen dar und sind voller Symbolik. Ludwig XIV. liebte Wasserfälle und Springbrunnen. Es ist bekannt, dass er einen Großteil seiner Zeit in den Gärten von Versailles verbrachte. Täglich unternahm er Spaziergänge und investierte viel Zeit und Geld in die Gestaltung des Anwesens. Denn er, der Durchgeknallte, wollte nicht nur die Natur, sondern auch den Horizont seiner Macht unterwerfen. Daher ist auch seine große Vorliebe für Springbrunnen und Wasserspiele und eingefasste Bassins nicht verwunderlich, denn sie boten ihm die Möglichkeit, das Wasser zu beherrschen, und beherrschen, das wollte er. 

Ich überlege kurz, aber der Reiz, das komplette Bassin zu umrunden, ist groß, obwohl scheinbar alle Welt auf den Beinen ist. Klar, Sonnenschein, Sonntag, da will man sich berechtigterweise solche Eindrücke und Erlebnisse gönnen und auch mal in den Genuss des Lustwandelns kommen in diesem historischen Kulturerbe, einem Meisterwerk barocker Landschaftsarchitektur, einem Symbol für Macht und Glanz, in dem sicher jedes Gewächs der grünen Pracht faszinierende Geschichten von Machtkämpfen, Liebe und Intrigen erzählen könnte. Anno 1661 begannen die Arbeiten an den Gärten von Versailles, etwa zur gleichen Zeit wie die Arbeiten am Schloss, sie dauerten rund 40 Jahre. In dieser Zeit arbeiteten vom König ernannte Architekten, Bildhauer, Maler und Bauinspektoren am Projekt. Die Anlage war eine monumentale Aufgabe. Große Mengen an Erde mussten bewegt werden, um den Boden zu ebnen und terrassierte Bereiche zu errichten, Brunnen und Treppenanlagen zu bauen und den Grand Canal an Stellen auszuheben, an denen es zuvor nur Wiesen und Sümpfe gab. Bäume wurden aus verschiedenen Regionen Frankreichs herbeigeschafft. Tausende von Männern, manchmal sogar ganze Regimenter, arbeiteten an diesem gewaltigen Projekt mit.

Keine Ahnung, wie weit es letztlich ist so rund um das Bassin, jedenfalls weit. Die Ansichten sind phantastisch. Hier feierte man rauschende Feste in der Blütezeit von Versailles. Die Gäste wurden mit Schauspielen, Musik und Feuerwerken verwöhnt. Sogar Seespektakel wurden nachgestellt, bei denen Schiffe mit Kanonen und Feuerwerkskörpern ausgestattet waren. Auf dem großen Kanal fuhren Gondeln, die Ludwig XIV. eigens aus Italien mitgebracht hatte.

Am Ende der Umrundung wieder bei Apollo angekommen, hangele ich mich noch hinauf bis quasi auf die Schloss-Terrasse und kann einen märchenhaft schönen Blick von oben genießen auf die Jardins de Versailles, die natürlich auch Quelle des Neids für Könige und Königinnen aus ganz Europa in der Barockzeit waren und als Vorbild für prächtige königliche Gärten in ganz Europa dienten. 

Um die Gestaltung zu erhalten, mussten die Gärten etwa alle 100 Jahre neu bepflanzt werden. Ludwig XIV. tat dies zu Beginn seiner Regierungszeit und das nächste Mal wurde es während der Regierungszeit von Napoleon III. erledigt. Nach den Schäden, die durch eine Reihe von Stürmen im späten 20. Jahrhundert verursacht wurden, darunter der verheerendste Sturm im Dezember 1999, wurde der Garten vollständig neu bepflanzt und erstrahlt nun in einem frischen, jugendlichen Look, wie man sagt, ähnlich wie er zur Zeit Ludwigs XIV. ausgesehen hätte.

Nach fast 3 Stunden verabschiede ich mich für heute von Statuen aus Marmor, von mit Patina überzogenen Skulpturen und Gefäßen, den Göttern und Putten und Engeln jeder Art und Größe, den Pavillons, den Quellbecken, den sich immer wieder neu auftuenden lauschigen Lustwandel-Ecken usw. usw. und nicht zu vergessen von den zahlreichen, bis unter die Zähne bewaffneten Soldaten, die mit Argusaugen das Geschehen beobachten und die Lage peilen. Nach knapp 25 km trudele ich wieder am Womo ein. Soviel zum „Mal-eben-eine-Erkundungsrunde-drehen“. Viel hab ich Wim natürlich zu erzählen und schüre kräftig die Vorfreude auf morgen. Dann geht‘s gemeinsam los. 

30.03.2026 Montag

Wim holt Brot. Kenner meiner Berichte wissen, dass das früher immer der Fall und für Wim in Frankreich grundlegend wichtig war, das knusprig frische Baguette am Morgen. Es hat nachgelassen, er kann mittlerweile recht schmerzfrei verzichten, aber hier auf dem CP kann man am Vortag eines bestellen. Praktisch. Und Wim freut sich und genießt. Dennoch fehlt im Haushalt etwas, ein Utensil, dessen Nutzen bzw. Fehlen in Paris sehr deutlich wurde: ein Handyhalter für den Lenker. Bisher sind wir eigentlich immer nur mit Stadtplänen unterwegs gewesen. Aber ein kleiner Navi-Rüdiger via Google maps ist doch auch beim Radeln sehr bequem und hilfreich: Route starten, los. Aber es hilft nicht wirklich, wenn mein Handy mit laufendem Routenplaner zwar eingerichtet ist, im Fahrradkörbchen aber nur notdürftig aufgerichtet steht, dauernd durchs Ruckeln umfällt und ich während der Fahrt danach kramen muss. Sicher ist sowas nicht, vor allem nicht im Stadtverkehr und im vorgerückten Alter. In der Nähe ist ein Decathlon, die haben sowas. Also erstmal durch ein paar schöne Gassen im alten Versailles und 7 km hin ins Einkaufsparadies, flott rein, zack, schnell ein Modell gefunden, Montage vor Ort, Handy rein und entspannen. Zurück geht‘s zu den Schlossgärten, diesmal zu einem nördlichen Portal, Zutritt auch für Räder und Hunde erlaubt. 

Hier fahren wir vorbei am palasteigenen Bauerngehöft, an den Palästen Gran Trianon, dem Petite Trianon, dem Temple de l‘Amour, der Grotte de Marie-Antoinette usw. usw.. Auf all das können wir aber nur von außen Blicke werfen. Möglicherweise ist eine Besichtigung des kompletten riesigen Areals, natürlich mit Bassins und weiteren gärtnerischen und künstlerischen Besonderheiten, im Rahmen gebuchter Führungen machbar, was ich nicht weiß. 

Wir starten jedenfalls die Umrundung des Wasserbeckenkreuzes. Das Wetter ist entgegen der Vorhersage einfach phantastisch. Zudem ist es so still ringsum. Heute sind eben keine Sonntagsausflügler unterwegs, so dass wir ganze Passagen für uns alleine haben. Und auch Wim kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. So als Landschaftsgärtner hat er nochmal einen anderen Blick auf die Flächen. Hier müssen Heerscharen von Gärtnern und Forstwirten tätig sein, um all das in dieser Art zu pflegen und zu erhalten. Und schon kommt ein Traktor an mit schwerem ausladenden Balkenmäher hinten dran, der sich schon mal um eine Ecke des Gärtchens kümmert und sich über die ohnehin kaum hochstehende Rasenfläche hermacht. Der hat allein in diesem Bereich schon einen halben Tag Beschäftigung. Alles unfassbar. Wie sieht das wohl aus, wenn hier Garnisonen von Arbeitern mit Laubbläsern im Herbst die Flächen von herabgefallenem Laub befreien? Ich sagte bereits: alles unfassbar. 

Irgendwann kommen wir wieder am Apollo-Brunnen an. Hier dreht ein schwerer breiter Mähroboter seine Runden und säbelt alles schön gleichmäßig ab. Von diesem Platz aus führen etliche Wege zwischen hoch aufragenden Buchenhecken in alle Richtungen. Wir folgen einigen durch ein Gewirr von Plätzchen, schmalen und breiteren Pfaden, und am Ende wartet immer eine Überraschung, meist aus Marmor und Gold und Wasser. 

An den Bassins de Neptune und Dragon wird an den metallenen Figurengruppen und Verrohrungen gearbeitet, an einem anderen wunderhübschen kleineren Brunnen schrubbt eine Frau jede einzelne güldene Kornähre der Garben, auf denen ein zartes Weib mit Sichel ruht, umspielt von kleinen Putten. Da fällt mir wieder ein, dass der König angeblich jedes einzelne Detail begutachtet haben soll und sein „ok“ geben musste. Mannomann, der hatte zu tun, der arme arme Mann. Der war sicher froh, wenn er abends ins Bett und alle Viere von sich strecken durfte. 

Im oberen Teil zum Schloss hin werden wir plötzlich quasi gestellt von 2 Uniformierten auf eBike. Mit Rad sei es hier verboten, einen Blick in den Hänger werfend auch mit Hund verboten. Ich staune nicht schlecht. Gestern waren hier, mit mir, jede Menge Radfahrer unterwegs. Auch alle Elektrokarren kreisten hier oben herum. Die 2 Aufpasser beeindruckt das nicht. Es sei verboten. Boah, da hab ich gestern aber Schwein gehabt, dass ich mir das ganze Spektakel von der obersten Terrasse quasi vor der Schlosshaustür unbehelligt ansteuern und angucken konnte. Wir müssen heute jedenfalls unter behördlichem Geleit wieder nach unten und eine Ausfahrt nehmen in den Bereich, der für Radfahrer und Hunde frei zugänglich ist. Erwähnenswert ist, dass keine Beschilderung zu finden war bei unserer Einfahrt. Aber vielleicht haben wir auch ein Nebeneingangstor erwischt, das zufällig offen stand. Ich weiß es nicht. Jedenfalls treten wir den Heimweg an durch die feinen baumbestandenen und perfekt beschnittenen Alleen, vorbei an einem typisch für Versailles bemalten Stromkasten und kommen nach über 30 km wieder am Womo an. 

31.03.2026 Dienstag

Wir reisen heute weiter. Es passt gut, weil das Wetter nicht sehr freundlich ist. Allerdings sind es bis zur nächsten Etappe auch nur 70 km. Wetteränderung ist daher nicht zu erwarten. Durch eine sehr schicke Rue mit noblen altehrwürdigen Häusern ziehen wir an fröhlich bunt und frühlingshaft bepflanzten Rabatten vorbei und aus Versailles hinaus.