13.04.2026 Montag
Unser gestriger Pilgerstopp in Lisieux zeigt Wirkung. Trotz anfänglich zunehmender Bewölkung lockert es auf, und wir ziehen dahin durch friedliche ländliche Gegend und gelb strahlende Rapsfelder. Heute steuern wir Caen an. Ganze 60 km trennen uns noch von der größeren Stadt. Eigentlich war ein Besuch nicht geplant, aber wo wir schon mal in der Gegend sind, darf es auch mal wieder städtischer zugehen. Von regnerisch zugehen war keine Rede. Dennoch fällt er vom grauen Himmel. Der Pilgeraufenthalt war eindeutig zu knapp oder nicht intensiv genug.
Bei starkem Wind und trübseligem Wetter finden wir den sehr aufgeräumten SP in Caen direkt, zeigen dem Lesegerät unsere CampingCard, die einem vom Automat für 5 € lebenslang ausgespuckt wird, laden etwas Guthaben nach, alles völlig selbsterklärend und problemlos, und suchen uns eine Lücke auf dem noch sehr freien Platz aus.
Da es aber schnell wieder aufklart können wir am späteren Nachmittag eine Runde um das direkt angrenzende Mémorial de Caen drehen. Es steht für die Befreiung der Normandie und dokumentiert dies mit Filmen und Fotos, Archivmaterial, O-Tönen, Multimedia und mehr. Das Mémorial, so lese ich, versteht seine Aufgabe nicht nur als Aufarbeitung der Geschichte und Einsatz wider dem Vergessen, sondern auch als Friedensarbeit. Daher sind auch die Konflikte des 20. und 21. Jahrhunderts dort Thema.
Wir wandern drumherum, irgendwie wie die Katze um den heißen Brei. Ehrlicherweise ist uns so gar nicht nach Kriegsdokumentationen zumute. Ehrlicherweise basiert dies rein garnicht auf dem Abwehrmechanismus „Verdrängung“ oder Schönreden. Die Berichte und Bilder der Jetzt-Zeit über Kriegsgeschehen sind zu präsent und ängstigend, als dass wir sie noch anreichern wollen mit denen aus früheren Zeiten. Es ist grausam, das was war, das was ist. Mit diesen Gedanken schleichen wir herum, lesen viele Inschriften, Namen, gedenken und schaudern.
Letztlich betrete ich doch noch das Innere des gewaltigen Komplexes. Ich bin doch irgendwie gespannt. In der riesigen Eingangshalle hängt und steht einiges, Bilder und Fotos verdeutlichen, O-Töne aus angrenzenden Kinoräumen mischen sich dazwischen. Genug. Ein Foto, drei kleine Kinder vor einem Panzer, und es reicht. Wir gehen zurück zum Womo und verbringen bedrückt den Abend.
14.04.2026 Dienstag
Neuer Tag, neues Glück. Heute wollen wir die Hafenstadt Caen durchkreuzen bzw. zunächst das Château de Caen, eine Burg, die um 1060 von Wilhelm dem Eroberer erbaut wurde, erstürmen. Sie befindet sich auf einem zentralen Hügel und gehört zu den größten Festungsanlagen Europas. Im Inneren beherbergt sind die Kirche Saint-Georges (12.-15. Jh.), der Gerichtssaal der Herzöge der Normandie (12. Jh.) sowie zwei Museen. Zunächst lässt sich die Radtour ab SP gut an bei bestem Wetter, gestaltet sich aber im Verlauf nicht besonders gut, weil sich die Navigation über Google maps als richtig schlecht erweist, was wir aber erst auf dem Rückweg feststellen. Na ja, ewig weit ist es nicht, und wir finden uns zurecht. Schließlich radeln wir über holpriges Pflaster direkt auf einen der massigen Burgtürme zu und parken und sichern unsere Räder nebst Anhänger. Chianga darf entsteigen und an Leine mitgeführt werden. Wie schön. Und die ersten Treppen und Gänge werden erklommen.
Dahinter tut sich ein weiter riesiger Raum auf. Viele Besucher spazieren herum. Ein tiefer Burggraben zieht sich dahin, in dem tief unten Schafe grasen. Etliche große Gebäude gibt es, Grabstellen, Skulpturen und Parkanlagen, Sitzbänke und einen Spielplatz. Alles ist sehr gepflegt und modern angelegt, für jedermann gut zugänglich. Man sieht, dass die Menschen sich wohlfühlen und Vergnügen haben an den Entdeckungen.
Vom großen inneren Raum der Burg gelangen wir über Treppen in verschiedenen Ecken auf Aussichtsgänge und Aussichtspunkte auf den Burgmauern. Catumagos = Schlachtfeld, wie die alten Kelten das heutige Caen nannten, liegt uns zu Füßen. Alt und Neu prägen das Stadtbild.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die imposante Festungsanlage heftig umkämpft und zu zwei Dritteln zerstört und von all den Bauten, die im Laufe der Jahrhunderte den Hügel erobert hatten, freigeschossen. Heute liegt der Mauerring auf einem Felskegel wie eine Insel im tosenden Verkehr der Hauptstadt der Basse Normandie.
Am Gouverneurssitz mit schön angelegtem Teich und Heilpflanzen- und Kräuterbeeten legen wir auf einer der zahlreichen Bänke ein Päuschen in der Sonne ein, bevor wir uns die Kirche vorknöpfen, die schön restauriert ist, aber nur noch aus den Außenmauern besteht. Man muss sich einfach vorstellen, welche und wieviele Messen hier gefeiert wurden oder wofür das alte Gemäuer herhalten musste.
Eine nächste Höhe muss erreicht werden, um die letzten Blicke auf die Festungsanlage und die Stadt zu riskieren. Sehr eigenwillige Tierwesen präsentieren sich auf hohen Säulen in einem kleineren Terrain und scheinen Spielgefährten oder Untergebene eines menschenähnlichen Wesens mit Stielaugen zu sein. Komisch irgendwie, aber auch anstoßend. Hintergrund dieses Werks ist uns nicht bekannt, was auch nicht tragisch ist. Zu allem und jedem braucht es nicht immer eine Erläuterung. Luxus ist, einfach so zu konsumieren.
Und dann geht‘s mit uns nach langer Besuchszeit hier hoch oben wieder nach unten in die Niederungen zum gemeinen Volk. Zur Rechten steht plötzlich auf hohem Sockel eine sehr interessante Skulptur. Mann und Frau hoch zu Ross. Dargestellt sind sie sehr dynamisch durch elegant zusammengefügte Metallstäbe. Es handelt sich um Wilhelm den Eroberer und seine Frau und große Liebe Mathilde von Flandern, mit der er mindestens 10 Kinder hatte, die seine Beraterin war, in seiner Abwesenheit die Regentschaft in der Normandie übernahm und 1068 sogar zur Königin von England gekrönt wurde. Sie war seine entfernte Cousine, der er ein Leben lang treu blieb, was zur damaligen Zeit unüblich war. Obwohl ich nur an dieser Skulptur vorbei zische, bleibt nicht verborgen, dass sie viel Ebenbürtigkeit verströmt, ein Paar darstellt, das miteinander auf Augenhöhe agiert und alles im Griff zu haben scheint. Realisiert wurde es vom hiesigen Künstler Claude Quiesse und im November 2022 installiert. Weniger aufsehenerregend geht die Fahrt weiter, denn es gibt nicht mehr sehr viel an historischen Bauten in Caen. Die La Rue Froide, eine der ältesten Straßen in Caen, haben wir im Visier, landen aber zunächst in einer breiteren Fußgängerzone, können uns aber kurz darauf in der schmalen Gasse unserer Wahl radschiebend fortbewegen. Ja, sie hat etwas, wenn auch wenig, aber wir sind ja auch verwöhnt von den zurückliegenden Eindrücken dieser Reise.
Es macht dennoch Spaß auf der Gasse, Kurioses zu sehen und Menschen zu beobachten. Und Leckeres gibt‘s natürlich auch, vor allem einen Bäcker, der richtig gut gebackenes Brot anbietet. Nach Wochen Hellgebackenem greift Wim gern jetzt mal zu und kauft ein dunkleres Brot.
Eine der nächsten Gassen, die La Rue Écuyère, wird gepriesen als gute Adresse für Antiquitäten. Wir finden nicht viel und nichts Berauschendes. Hier ist das Angebot sehr kläglich. Aber etliche Buchläden gibt es hier. Caen ist nämlich ein Paradies für Literaturliebhaber. Als Stadt des Buches verfügt sie über die meisten unabhängigen Buchhandlungen pro Einwohner in Europa, was auch darauf beruht, dass die Universität von Caen eine der ältesten Frankreichs ist.
Auf dem Rückweg stoßen wir auf einen riesigen Platz mit dem Palais de Justice, das pompöse historische Rathaus Hôtel de Ville und ein noch riesigeres Bauwerk. Es ist die Abbaye-aux-Hommes, neben der Abbaye-aux-Dames eine der beiden prächtigen Abteien, die Wilhelm der Eroberer der Stadt Caen seinerzeit stiftete, um Buße zu tun, wegen seiner von der Kirche verbotenen Ehe mit seiner Cousine. Wie fast alle Bauwerke der Stadt, so leuchten auch die Abtei und der gesamte Komplex goldgelb in der Sonne. Nicht umsonst nennt sich Caen auch „die helle Stadt“, da sie erbaut wurde aus der Pierre de Caen, einem hellen lokalen Kalkstein, der einst das Exportgut der Stadt war. Dieser Stein wurde ebenso in Englands Tower Bridge und im Tower of London, in der Saint Patrick‘s Cathedrale von New York und im belgischen Königspalast von Brüssel verbaut. Das ist sehr erstaunlich. So hat doch jeder Fleck auf dieser Erde etwas Besonderes zu bieten, manchmal eben erst auf den zweiten Blick. Und damit schließen wir das Kapitel Caen und radeln auf perfekten Radwegen komplikationslos zurück zum Womo. Warum am Morgen nicht gleich so?
15.04.2026 Mittwoch
Heute wollen wir weiter. So nah an der Küste kommt doch Sehnsucht nach dem Meer auf, obwohl wir gar nicht so erpicht darauf sind, uns immer nur an Küsten entlang zu hangeln, im Gegenteil. Das hat sich über die Jahre hinweg verändert, Meer ist eben Meer, Strand Strand, und das Hinterland hält so viel Abwechslung und Alternativen bereit. Auch unsere bisherige Strecke macht das für uns wieder sehr deutlich. Aber nun, wie gesagt, ist mal Meer dran. Wir verlassen Caen.