Anreise bis Thorn

31.10.2025 Freitag

Es trifft sich gut, dass Wim eine neue Winterjacke braucht. Da kommt uns Roermond in den Sinn, dieses Outlet Center, obwohl wir gar keine Outlet-Center-Fans sind. Aber wir könnten es anpeilen am morgigen Samstag, Allerheiligen, auch wenn vermutlich die Hölle los sein wird, denn gefühlt das komplette Rheinland mitsamt Ruhrgebiet gibt sich gerne an solchen Tagen die Einkaufstüte und dem grenzenlosen Shopping-Vergnügen hin. Wir machen‘s. Unser ältester Sohn freut sich darüber, will er gleich auch mit seiner Freundin den Katzensprung vom nahen Düsseldorf aus über die Grenze unternehmen, um gemeinsam einen Tag in Roermond zu verbringen. Also starten wir frohen Mutes am späten Vormittag auf unsere heutige 180-km-Etappe mit Ziel Thorn, ein kleines Städtchen in unmittelbarer Nähe zu Roermond. Wenn’s gut läuft und mit etwas Wetterglück lässt es sich heute noch erkunden, bevor es dann morgen auf Winterjackensuche geht. Die bewaldeten Höhen der Vulkaneifel, die in die belgischen Ardennen übergehen, sind schnell durchfahren. Trotz fehlender Sonne leuchtet die Landschaft in bunten Herbstfarben und gibt alles. Über Malmedy und Verviers führt uns die AB bald aus Belgien heraus und vor Maastricht nach Holland hinein. 

Auf der AB geht‘s weiter Richtung Venlo. Vor Roermond wechseln wir das Ufer der Maas und kommen schnell in den Ort unserer Wahl. Hier soll es direkt am Zentrum einen PKW-Parkplatz geben mit 3 Womo-Plätzen. Wenn das mal gutgeht. Drei sind wenig, noch weniger, wenn man bedenkt, dass heute Freitag ist und das Örtchen wohl sehenswert. Nach etlichen Kurven durch kleine Gässchen mit noch kleineren Häuschen, die schon richtig Lust auf einen Spaziergang machen, rollen wir durch eine wunderbare Allee auf einen linker Hand liegenden großen Parkplatz. Und tatsächlich erhaschen wir eine Lücke im Womo-Bereich. Nur ein anderer Mitcamper steht schon hier. Perfekt. Blick auf Landgut voraus, hinter uns die Kirche, wunderschön. So lieben wir das doch. 

Chianga zeigt sich nach Begehung auch sehr zufrieden mit dem direkten Umfeld, das Wetter hält, einer Erkundung des Fleckens steht nichts im Wege. Auf dem Weg zur Dorfmitte kommen wir zunächst vorbei an einem schönen Kunstwerk, das auf ewig an die Thorner Musikkunst erinnern soll. Dann erreichen wir die Abtei, die für den Ort von grundlegender Bedeutung ist. 990 n.Chr. von einem Grafen am Rande eines Sumpfes gegründet, entwickelte sich die Abtei in den folgenden Jahren zu einem elitären Kloster für unverheiratete Frauen, allerdings nur für solche aus höchstem Adel. In den umliegenden Fürstentümern galt es bald als Zufluchtsort für junge adlige Damen zur Vorbereitung auf die Ehe. Der große Zustrom aus ganz Europa sorgte für ein rasantes Anwachsen des Dorfes. Schon im Jahr 1007 erhielt es Markt- und Mautrechte, wurde 1150 offiziell Fürstentum und war damit der kleinste souveräne Staat im Heiligen Römischen Reich. Kaum zu glauben, schlendert man hier so nichtsahnend über das blankgewetzte Pflaster rund um den Abteikomplex, den ich mir nur auf die Schnelle anschaue. Wim und Chianga hingegen verharren fast andächtig vor einer Geißbock-Skulptur und strahlen. Ja, da schlägt doch datt echte kölsche FC Häzz höher und lässt grüßen ;-). Einem Geißbock, einem Hennes, muss gehuldigt werden, egal wo, alles andere wäre Sünde.

Und weiter geht‘s irgendwann hinauf auf den Abteihügel, auf dem die ehemalige Abteikirche in Zeiten, als die Stiftsdamen, angeführt von einer königlichen Äbtissin, den unabhängigen Kleinstaat regierten, durch kluge Investition der reichen Einkünfte zu einem echten Palastkomplex heranwuchs. Darüber hinaus besaßen die Stiftsdamen umfangreiche Besitztümer im heutigen Nord-Brabant, im niederländischen und belgischen Limburg und sogar in Deutschland. Der kleine Staat hatte sogar seine eigene Gerichtsbarkeit und prägte seine eigene Währung. Erstaunlich sind wiedermal für uns diese historischen Hintergründe. 

Aber wie sich im Lauf der Jahrhunderte zeigt, so kommt man meist nicht ungeschoren davon was Hab und Gut angeht. So auch im Fall des Städtchens Thorn. Nach der Besetzung durch Napoleon im Jahr 1794 nämlich, ja, da änderte sich einiges, und das jähe Ende der Residenz der adeligen Stiftsdamen nahte. Damit endete gleichzeitig auch abrupt die Rolle des Stifts als hochadliges Zentrum auf europäischer Ebene. Alle Besitztümer der Fürstäbtissin und des Stifts wurden vom französischen Staat beschlagnahmt und an Meistbietende verkauft. Die Stiftsgebäude und der Palast erlitten das gleiche Schicksal. Sie wurden von den neuen Eigentümern abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen. Nur die Abteikirche blieb vom Abriss verschont. Wenn die Gemäuer in den historischen Gassen reden könnten … 

So tut sich uns beim beschaulichen Spaziergang ein wenig die bewegte Geschichte der Stadt von mehr als 1000 Jahren reich und faszinierend auf, schwankt zwischen Gedanken an das Gewesene, an fürstliches Klosterleben ebenso wie an Zelebrieren der Feste in der Jetzt-Zeit, z. B. Halloween, das sich heute auch noch irgendwie abspielen muss, denn reichlich Deko zu diesem Motto neben geschmackvoller Herbstdeko und schönem Sortiment in einigen kleinen Lädchen können wir entdecken. 

Aber was hat es nun mit dem Beinamen der Stadt „die weiße Stadt“ auf sich? 

Wieso diese einzigartige Atmosphäre und dieses Erscheinungsbild mit den charakteristischen weiß gestrichenen Fassaden der Gebäude, die die Stadt schmücken? Nun ja, man las, dass mit dem Vormarsch der Franzosen die adligen Damen flohen, sie nahmen Reißaus. Zurück blieben die armen Einwohner, die sich natürlich in den großen verbliebenen Häusern mit ihren großen Fenstern niederließen. Zu dieser Zeit wurden Steuern je nach Fenstergröße festgelegt. Die Entwicklung von Steuermodellen und -grundlagen zeugt doch seit jeher immer wieder von extremer Kreativität. Und diese enorme Steuerlast konnte die arme Bevölkerung natürlich nicht stemmen. Not macht erfinderisch: Die Fenster wurden zugemauert, weitestgehend oder total, der „Betrug“ verschwand unter einer dicken Kalkschicht, wodurch die Gebäude ihre charakteristische weiße Farbe erhielten. Und das bis heute. Um einiges bereichert schlurfen wir zurück zu unserem Concördchen. 

Gegen Abend breche ich nochmal auf mit Rad Richtung Maasufer, das vom SP aus nach wenigen Metern über die Waterstraat durch die Allee hinter einem Deich erreicht ist. Nach rechts biege ich ab und komme an einer toll angelegten sandigen Badebucht, MRT Beach, in der Saison ist Eintritt fällig, vorbei. Kurz dahinter beginnt auch schon das Naturschutzgebiet De Koningssteen. Das Gebiet ist eines der ältesten Naturentwicklungsprojekte entlang der Grenze Maas, die dort die natürliche Grenze zu Belgien bildet. Grenzüberschreitend und über breite Roste hinweg befinde ich mich nun in Belgien, was den unzähligen Wasservögeln und friedlich grasenden Rindern und Pferdchen ziemlich egal ist. Hier kann man sich den Wolf wandern, aber auch Radfahren ist trotz herbstlicher Witterung in der aufziehenden Abendstimmung sehr schön. 

In großem Bogen und durch ein nächstes Dorf umrunde ich Thorn, an von Abendsonne beschienenen Rebenäckern vorbei. Wir wunderten uns schon im Städtchen heute mittag über einige Wijn-Lokale und Winzerhöfe. Aber hier in der Region Zuid-Limburg kennt man eine große Wein- und Bierkultur. Daher finden sich neben vielen großen und kleinen Bierbrauereien auch Winzer, da Weinanbau gut möglich ist wegen der ausgezeichneten Mergelböden und der - wie man sagt - guten Sommer. Irgendwie im Nirgendwo stehe ich plötzlich auf meiner Weiterfahrt vor einer Kapelle, wobei der Bau ziemlich ungewöhnlich ist. Auf Anhieb sieht es aus wie ein Wohnhaus. Aber seitlich schließt sich die Kapelle an, die Tür steht offen, und im Inneren tut sich ein prächtiger Kirchenraum auf. Es ist die Kapel Onder De Linden (Loretokapelle). Nachlesen konnte ich später, dass eine Clara Elisabeth van Manderscheidt-Blankenheim, Kanonisse des Stiftes in Thorn, in ihren Stiftungsbriefen beschrieben hat, dass sie diesen Bau 1673 zu Ehren Gottes und der Gottesmutter anordnete. Die beeindruckenden Deckenmalereien erwartet man nicht, auch die seitlich angebrachten, verzierten Hörner geben mir Rätsel auf. Ob es Stoßzähne sind, ich kann es nicht erkennen, ein Fall für Google später. 

Auf der Route zurück nach Thorn radele ich an etlichen kleinen Gedenkstätten, Kapellchen, am Wegesrand vorbei. Es scheint eine Pilgerroute zu sein. Jedenfalls findet gerade Erleuchtung statt, sei es durch das weihnachtliche Lichtermeer eines Gartencenters oder die gerade flammend untergehende Abendsonne hier über dem 2500 Einwohner zählenden Thorn, das von 1818 bis 1920 sogar zu Deutschland gehörte, und das wir morgen verlassen werden. It‘s Shopping-Time. 

01.11.2025 Samstag Allerheiligen

Nach guter ruhiger Nacht startet der Tag regenverhangen. Heute werden wir die Regenschirme auspacken müssen. Wir verlassen unser Nachtlager und begeben uns auf die kurze Strecke von rund 15 km bis zum Outlet-Center Roermond. Na, das haben wir aber nicht gekannt: Baustellen! AB- und Schnellstraßenzufahrten gesperrt, völlig idiotische Umleitung durch dieses Maasland-Gebiet, durch das in weiten Bereichen nur Wanderwege führen. Letztlich wären wir mit Rad schneller in Roermond gewesen als jetzt mit dem Womo. Aber hilft nix, und irgendwann - nach 1,5 Std. - kommen wir natürlich auf dem für Womos vorgesehenen Parkbereich auf dem riesigen PP nach galanter Wegweisung durch einige Warnwestenmänner an. Fängt ja schon gut an alles. Unsere Idee, evtl. hier die Nacht zu verbringen, finden die Lotsen nicht gut, das sei verboten, man müsse bis 24 Uhr weg sein. Gut, richten wir uns eben darauf ein. Es folgt ein sehr vergnüglicher Shopping-Tag in Gesellschaft unseres Sohnes und Freundin, trotz Regenströmen und Besucherströmen sind wir rundum zufrieden, und es hat echt Spaß gemacht. Zum Abendessen möchte Timo mit uns nach Thorn, er kennt das Pfannkuchenhaus dort. Kein Problem, wir manövrieren uns zurück zum morgens verlassenen SP, treffen uns am Lokal, aber: alles voll, kein Tisch. Zwei weitere Versuche in der Nachbarschaft scheitern, einer glückt aber, wir kommen unter und speisen lecker. Und morgen ziehen wir aber wirklich weiter.