09.03.2026 Montag
Es ergibt sich keine andere Idee, daher wird der Ortswechsel vollzogen, auch weil das herrliche Frühlingswetter heute und morgen noch anhalten soll. Wir verlassen daher den sehr gastfreundlichen SP in Pünderich und machen uns auf den Weg Richtung Trier. In Mehring bietet sich ein SP in perfekter Lage an, mal sehn, ob der schon offen ist. Das Panorama der an der Route bzw. am anderen Moselufer liegenden Orte ist schon wunderschön, vor allem jetzt in der Morgensonne. Es wundert nicht, dass Touristen die Gegend lieben. Reil und Traben Trarbach zeigen sich eben von der besten Seite, bevor im ansonsten hübschen Kröv einer einen blanken Popo versohlt direkt am Straßenrand. Hier ist der Name Programm, wobei ich mal nachschlagen müsste, woher eigentlich dieser irgendwie witzige Name der Weinlage kommt: Kröver Nacktarsch. Sicher hat der Name auch lustigen Ursprung.
Irgendwo wechseln wir wieder das Ufer, fahren ein paar Kilometer Autobahn und nähern uns flott dem Weindorf Mehring. Das Moseltal hat uns wieder, der Fluss zieht leicht in blauen Nebel gehüllt verhangen dahin und wirkt dadurch irgendwie mystisch. In Mehring scheint die Sonne, nicht nur, weil wir schon von weitem einige Womos auf dem SP entdecken können. Perfekt, vor dem Ort nach rechts ab und ufernah in erster Reihe eine freie Lücke erhaschen. Wir richten uns ein, plaudern rechts und links mit der netten Nachbarschaft und genießen die Frühlingssonne.
Am Nachmittag mache ich mich auf, während Chianga und Wim „Augenpflege liegend“ betreiben. Es locken Aussichtspunkte in den hinter dem Ort aufsteigenden Weinbergen. Mal sehn, bis wohin mein Rad und ich steigen können. Maps sagt, es geht mit starker Steigung, Radroute unproblematisch. Schon im Ort muss ich mir in einer Baustelle ein Absperrgitter zur Seite räumen, damit ich das Rad durchschieben kann. Fängt ja schon gut an. Aber dann biege ich in die Weinbergswege ab. Aussicht und Draufsicht ins Moseltal werden immer schöner. Es macht total Spaß, auch wenn der Weg mittlerweile holprig wird und ein am Hang wühlender Bagger kurze Zeit pausieren muss, um mich vorbei zu lassen. Das Ende des Weges naht, in einer scharfen Kurve soll ich nach links abbiegen. Klar, nach rechts bietet sich nur eine Schussfahrt senkrecht durch den Rebenhang an. Aber nach links, na ja, auch nicht übel: es führt nur eine steile schmale Treppe aus Schiefergestein nach oben. Wie unpassend für Radfahrer. Was soll‘s, dann genieße ich eben auf halber Höhe eine Pause auf der Abbruchkante in der sonnenbeschienenen kleinen Aussichtslaube mit Weinfass - man könnte schließlich schlechter sitzen - und bestaune das tief unten schippernde Boot, die Telegraaf IV, die mich wegen ihrer Farbe an ein Postschiff oder einen amerikanischen seetauglichen Schulbus erinnert. Aber die seitliche Aufschrift amüsiert eher weniger: „Flussbestattung“ steht da. Tja, ob ich die Mosel als letzte Ruhestätte wählen würde? Jedenfalls tuckert dieser gelbe Dampfer am Abend direkt am SP vorbei, diesmal von der anderen Seite, die wunderlicherweise die Aufschrift trägt: „Mosel-Spaß-Ticket - Hochzeit Geburtstag Betriebsausflug“. So ist das Leben eben. Freud und Leid. Innig miteinander verbunden. Und dazu schickt uns der Abendhimmel, weil wir vermutlich gerade in der „Freud-Phase“ sind, ein herrliches Abendrot.
10.03.2026 Dienstag
Der heutige Tag braucht etwas, ehe sich der Morgennebel lichtet und die Sonne zum Vorschein kommt. Wim macht die Räder parat. Im Mehringer Ortsteil auf der anderen Moselseite liegt eine Station der Römischen Weinstraße, die wir uns anschauen wollen. Mittlerweile ist der Himmel blau, aber sehr frisch ist es um die Nase. Da kann man die Reißverschlüsse bis oben hin ziehen. Über die Brücke geht‘s hinüber, mit dem Segen des mir bisher gänzlich unbekannten St. Medardous, einen kleinen Stich in einem Wohngebiet nach oben, und schon erblicken wir zwischen schmucken Einfamilienhäusern das teilweise wieder aufgebaute Gebäude aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., den römischen Gutshof Villa Rustica. Er zählte einst mit seiner bebauten Fläche von 28 x 23 m zu den großen und prächtigen Gutshöfen des Trierer Landes. Fein verputzt war er, ausgestattet mit ausgefallenem Dekor, Wandmalereien und Mosaiken. Und man kann nur staunen, welches Material dafür verwendet wurde wie z. B. grüner Diorit aus den kaiserlichen Brüchen in Ägypten, den man auch in der Trierer Basilika fand. Hier lebten gut gestellte und hoch angesehene Gutsherren. Das zeigt sich auch anhand der Fundstücke, die auf sehr feine Tischkultur schließen lassen. Man trank aus kleinen Bronzetassen und aß von dunkelblauen Tellern mit goldenem Weinranken-Dekor. Silberne Zahnstocher-Ohrlöffelchen dienten zur Körperpflege, der man sich in einer ausgedehnten Badeanlage mit eigener Wasserleitung und Heizanlage widmete. Eine Latrine fehlte nicht, sogar einen Ankleideraum gab es. Nobel nobel, und vor allem extrem ausgeklügelt, was die Sanitär- und Heizungsbauer damals so werkelten.
Wir schleichen eine ganze Zeit lang durch und um die Gemäuer und Fundamente, was übrigens kostenlos und ganztags möglich ist. Weitläufig ist es nicht, aber man kann sehr schön Gedanken nachhängen und staunen, auch über die Vollpfosten, die wohl annahmen, ohne ihre Schmierereien auf Infotafeln und Gemäuer ginge es nicht. Ein Besuch ist aber absolut lohnenswert, uns gefällt es sehr gut. Und mit einem Blick auf das große Gemälde der Fassade des Gasthauses gegenüber ziehen wir irgendwann weiter.
Wir bleiben auf dieser Uferseite und folgen dem Radweg Richtung Longuich, denn da habe ich eben in maps entdeckt, dass eine weitere römische Villa in den Weinbergen liegt und auch ganztags besichtigt werden kann. Von diesem Ufer aus hat man einen schönen Blick auf Mehring mit dem alten Fährturm und irgendwann auf unseren SP. Unterwegs Nähe Riol kommen wir vorbei an zwei antiken Statuen und einer Figur des Heiligen Franz von Assisi, der über eine Stelle der Mosel wacht, die von den Fischern wegen Untiefen sehr gefürchtet war. Seit 1802 steht er nun da, wacht, behütet die Fischer. Auch der dottergelbe „Freud-und-Leid-Dampfer“ liegt auf diesem Stück vor Anker, bis er sich wieder mit einer trauernden oder feiernden Gesellschaft in Bewegung setzen kann. Vermutlich wird auch beides gleichzeitig darauf stattfinden können.
Vor Longuich schlagen wir uns nach links in die leicht ansteigenden Höhen der Weinberge und erreichen die Römervilla Urbana, ebenfalls errichtet im 2. Jahrhundert n. Chr.. Bzw. sagt man besser, wir stehen hier in exponierter Lage vor den ausgegrabenen Überresten und der rekonstruierten Badeanlage der Villa, die ursprünglich mit rund 100 m Breite und 28 m Tiefe immense Ausmaße hatte, die aber nicht freigelegt wurden. Die Badeanlage allein war sicher schon eine Wellness-Oase, verfügte über ein Kaltbad (frigidarium), ein Heißbad (caldarium), ein Warmbecken (tepidarium), ein Schwitzbad (sudatorium) und einen Feuerungsraum (praefurnium). Die Wannen von Kaltbad und Heißbad sind noch nahezu vollständig erhalten. Über Reste des Heiz- und Abflußsystems, die den technischen Fortschritt der Römer eindrucksvoll belegen, kann man auch hier nur Bauklötze staunen. Dieses römische Landgut, ehemals auch verputzt und mit offenen Wandelgängen, war prachtvoll ausgestattet. Man verwendete schwarzen und weißen Marmor, und wenn man „musste“, ging man auf die Latrine, die mit Brauchwasser aus den Becken gespült wurde. Die Wasserleitung ins Tal regelte dann alles Weitere. Alles in allem wohl ein idealer Ort, um mit schönster Aussicht komfortabel und genussreich zu verweilen. Carpe diem eben.
Diese Station auf der Straße der Römer lohnt einen Abstecher, und erstaunt und überrascht lassen wir uns, nachdem unsere selbstverständlich überaus kunst- und kulturliebende Chianga wieder ihre Kutsche bestiegen hat, nach unten in den Ort Longuich rollen.
Immer dem Kirchturm entgegen ist das Ziel. Nach Überqueren der Landstraße und um ein paar Ecken herum stehen wir auch vor der Kirche. Das goldverbrämte schmiedeeiserne Tor ist nicht verschlossen, dafür das Kirchenportal schon, was mich total ärgert. Ich frage mich, ob in solchen Dorfkirchen soviel Unwesen getrieben wird, dass man sie am helllichten Tag hermetisch abriegeln muss. Nun denn, Wim winkt schon zum nächsten Ärgernis, einem Schaukasten. Darin hängt u. a. eine lange Liste der Unternehmungen 1. Halbjahr 2026. Also nicht, dass mir daran nur das fehlende „r“ in der breiten Überschrift fehlen würde, nein, mir fehlt auch ein entsprechender Terminkalender für die Frauen. Scheinbar existiert aber nur der „Männerteff“, ein „Frauentreff“ kam nicht zustande. Während ich so schmunzelnd darüber nachdenke, kommen wir an einem alten Teil eines ehemaligen Klosters vorbei, der zu Wohnzwecken schön umgestaltet wurde. Davor steht ein interessant gestylter Würfel, beschriftet auf allen Seiten, den man mit Hilfe eines Rades drehen und wenden kann. Hier findet sich die vermutliche Erklärung für das Fehlen eines „Frauentreffs“. Die Frauen des Orts werden sich hüten, sich in „Treffs“ zusammenzufinden, zu tief wird das Grauen sitzen, zu finster die Angst herrschen. Denn, man höre und staune, stehen wir doch hier an diesem Würfel am „Erinnerungspunkt Hexengedenken“! Der Ort Longuich galt in der Zeit des Hexenwahns Ende 16. bis Mitte 17. Jahrhundert als „Hotspot“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier war die Hexenverfolgung besonders ausgeprägt und viele Frauen starben nach unmenschlicher Folter auf dem Scheiterhaufen. Bestialisch wurden die Frauen gehetzt und verheizt. Aber lesen können wir, dass man auch Männer, die nicht in den Kram passten und der Hexerei bezichtigt wurden, verfolgte und tötete. Ja, lang ist‘s her. Aber ausgemerzt aus Hirnen einzelner ist diese Art gewiss noch nicht. Trotzdem muss ich lachen über meine sicher nicht ganz plausible Erklärung des „Männertreff“ ohne „r“.
Wir wenden uns wieder dem Radweg zu, setzen in Schweich über und besuchen einen Supermarkt. Dem irren Duft aus Fred‘s Hähnchengrill können wir uns nicht entziehen. Ein Gockel wandert ins Körbchen, Abendessen gesichert. Und ab zurück zum SP geht es zum Teil entlang der Moselstraße, aber auch schön durch die Weinäcker. Das Wetter hat sich deutlich verschlechtert, es nieselt und sprüht, aber die paar Kilometer zum Womo sind flott abgerissen. Ein Tag mit viel Überraschendem liegt hinter uns und jetzt wird Gemütlichkeit im Womo genossen und überlegt, wie es morgen weitergehen könnte. Paar Tage hätten wir noch, aber abwarten, was der Wetterfrosch vorhersagt.
11.03.2026 Mittwoch
Der Wetterfrosch kann nichts Positives mitteilen. Regnen soll es bei stark sinkenden Temperaturen. So entschließen wir uns zur Heimreise. Bei dem Wetter und trotz gemütlichem Womo ist es doch zuhause einfach angenehmer, vor allem, wenn das Zuhause nur knapp 70 km entfernt liegt. Wir brechen also unsere Zelte hier in Mehring ab, fahren oberhalb Trier über die luxemburgische Grenze, an der Sauer entlang und tanken das Concördchen in Echternach voll zum günstigeren Preis als in Deutschland. So hat sich die Rückfahrt doch noch gelohnt, obwohl wir unseren Plan, evtl. noch eine Nacht in Echternach und eine im wild-romantischen Müllertal zu verbringen, sollte sich im Tagesverlauf Wetterbesserung einstellen, verwerfen. Egal, die Ziele laufen uns nicht weg. Und so rollen wir zufrieden auf heimischem Hof ein.