Pünderich ~ Zell ~ Bullay

06.03.2026 Freitag

Also auf … es ist Freitag, das könnte wegen der sehr guten Wettervorhersage eng werden überall auf den Stellplätzen an der Mosel. Bedenkt man die Situation vom letzten Jahr, wo alles endlos rappelvoll mit Womos war, das Moseltal quasi damit geflutet wurde, sind wir happy, vor Mittag schon in die Pötte zu kommen und loszufahren. Über die Hochmoselbrücke, von der man eine grandiose Aussicht auf Fluss und Rheinisches Schiefergebirge hat, rollen wir von den Eifelhöhen mit 8 % Gefälle hinab zum Moselufer. Ziel ist ein sehr reizvoll angelegter SP am Moselufer im Örtchen Lösnich. Propper empfängt uns der erste Kreisverkehr. Man kann den SP schon erahnen. Allerdings, oh Wunder, keine Weißware zu sehen, nicht mal ein Kastenwagen. Da stimmt was nicht. Und siehe da, Wenden in 3 Zügen ist angesagt, da die Schranke zum SP geschlossen bleibt. Ob die Wiesen, obwohl deutlich höher als der Wasserstand gelegen, noch so vollgesogen und schwammig sind? Vermutlich ja! Also weiter, auch wenn wir enttäuscht sind. Wir setzen über und versuchen es am anderen Moselufer. SP gibt es ja schon wie Sand am Meer in dieser Region. Aber auch der nächste SP ist dicht. In Kröv wird unsere Hoffnung ebenfalls harsch zerstört, der Kröver Nacktarsch zeigt uns zwar nicht selbigen, aber die nackte Schulter, und verbietet mit Beschilderung die Zufahrt zum asphaltierten SP. Mist. Weiter geht‘s mit unserer Herbergssuche. Ein paar Möglichkeiten im Verlauf sind ebenfalls noch geschlossen. Au Backe, notfalls müssen wir es bei einem Weinbauern auf einem hoch gelegenen Gehöft versuchen, was uns aber nicht unbedingt zusagen würde. Da fällt mir der im letzten Herbst entdeckte SP vor Zell an einem Sportzentrum ein. Es war ein ziemlich oberhalb vom Moselufer gelegener Platz, teilweise nur schnöder Parkplatz. Der müsste doch eigentlich befahrbar sein. Also hangeln wir uns im engen Tal der Mosel über die Brücke in Traben-Trarbach Richtung Zell.

Unterwegs passieren wir das Örtchen Pünderich. Hier gibt es auch einen sehr großen und beliebten SP, allerdings auf großer Wiese direkt in einer engen Schleife der Mosel. Vor vielen Jahren, da war Chianga noch ein Welpchen von 12 Wochen, haben wir mit unserem Adria Womo ein Wochenende hier verbracht, Weinfest war, alles rappelvoll, und Sonntags kamen dann die Traktoren, um etliche Womos, auch uns, aus dem weichen Auengrund zu ziehen. Frontantriebler sind Mogelpackungen und häufig viel zu schwach auf der Brust, eine feuchte Wiese, das war’s dann auch schon. Aber dank der erfahrenen Weinbauern mit ihrem schweren Gerät verlief alles äußerst routiniert und perfekt, sieht man vom gewaltigen Flurschaden ab. Man hätte meinen können, eine Rotte urzeitlicher Monster-Wildschweine hätte sich am Moselufer zu schaffen gemacht. Mit oder besser gesagt trotz dieser Erinnerungen schlagen wir uns im Dorf nach links hinab und bewegen uns auf den SP zu, um mal zu gucken, ob was ginge. Freude über Freude, blitzt uns doch das Weiß eines Womos entgegen. Die Schranke ist geschlossen, aber Verbots- oder Warnschilder gibt es nicht. Nach Betätigen eines Knopfs an einem Automat öffnet sich die Pforte, hinein mit uns auf eine der vielen nicht mit Flatterband abgesperrten Parzellen. Perfekt. Wir stehen. Dorf im Rücken, rundum Weinberge, schroffe Felswände, dazwischen die Mosel, gegenüber die historische Bahntrasse, die ich im Herbst-Mosel-Bericht schon ausführlich beschrieben habe. Und über allem thront hoch droben die Marienburg. Hier werden wir es eine Zeit aushalten, auch wenn wir die Gegend bereits kennen. Überall sprießen schon die ersten Frühlingsblümchen, es summt und zwitschert. Gelegentlich schiebt sich ein Flussschiff vorbei oder eine Bahn über das alte Viadukt hinein in den ebenfalls uralten Tunnel. Beschaulich alles. 

Gegen Abend unternehme ich noch eine Radtour bis Zell. Der Uferweg zeigt deutliche Spuren des erst kürzlich hier herrschenden Hochwassers. Allerdings wurden Schlick und Schlamm schon sehr gut beiseite geräumt. Das Ufergebüsch hängt voller Plastikfetzen, dürres Geäst und welke Grasbüschel türmen sich zu Storchennest großen Ansammlungen in den Bäumen am Ufer auf. Es ist schon wahnsinnig, zu sehen, wie hoch die Fluten hier durchgeschossen sind. An vielen Stellen laufen Rinnsale und kleine Bächlein aus den Hängen über den gepflasterten Weg. Die Böden sind sicher klatschnass. Der nächste Ort Briedel ist nicht umsonst mit einer hohen Mauer geschützt. Hochwasserschutz muss in dieser Gegend betrieben werden, wobei die Anwohner damit vielfältige und leidvolle Erfahrungen haben. Der Radweg verwandelt sich im Verlauf in einen schmaleren Waldweg, führt über ein paar Huckel durch sehr wilde urige Flusslandschaft bis kurz vor Zell. Hier drehe ich um, genug für heute. Zwischen Gänsescharen unterschiedlicher Arten und vorbei an schon deutlich aufgeblühten Forsythien radele ich zurück. Ja, der Frühling kommt mit Macht. Deutlich wird das auch durch die vielen Menschen, die herum spazieren, auf den Bänken sitzen oder den Spielplatz bevölkern. Besser besucht ist inzwischen auch unser SP. Da haben sich doch noch ein paar zusammengefunden. Mal sehn, was der morgige Tag bringt. Schön wäre es, die Nacht nimmt den am Himmel alles vernebelnden Saharastaub mit und bietet uns dafür Himmelsblau an. Wäre schon was Feines.

07.03.2026 Samstag

Heute lacht uns ein freundlich blauer Morgenhimmel entgegen. Die Sonne greift durch und zerreißt die Saharasandschleier. Langsam lassen wir es angehen, sind aber am späteren Vormittag soweit und können auf die Räder. Mal sehn, wie es uns darauf ergeht nach der längeren Winterpause. Chianga hat wie immer keine Probleme, sie steigt in den Anhänger, als wäre sie gestern erst kutschiert worden. Gemächlich ziehen wir auf dem Moselradweg dahin. Ein paar Winzer mit ihren Traktoren begegnen uns, grüßen freundlich. Die meisten Reben wurden schon gestutzt und zurecht geschnitten. Meist ragen nur zwei Triebe aus dem knötrigen Rebstock, die an Drähten in kunstvollen Bögen fixiert oder nach oben gebunden wurden. Andere Äcker brauchen noch Rückschnitt und Pflege. Bald kommt Reil in Sicht, das wir auf der letzten Tour besucht haben. Wir setzen über ans andere Ufer. Eine Handvoll Womos steht heute, anders als gestern, im Ort, allerdings vor dem eigentlichen SP, denn der ist noch geschlossen. 

Wir folgen dem Radweg nun Richtung Zell, kommen also auf der anderen Flussseite an Pünderich und unserem SP vorbei. Die Rebenäcker ziehen sich zur Linken steil in die Felswände hinauf. Jede noch so kleine beackerbare Fläche wird genutzt. Bei immer schöner und wärmer werdendem Wetter halten sich die Blümchen in den Hängen nicht mehr zurück und bilden lange Teppiche in Rosa und Lila zwischen den einzelnen Rebstockreihen. Eine Augenweide ist der schon fast voll aufgeblühte wilde Kirschbaum, der betörenden Duft verströmt und zahlreichen summenden und brummenden Gästen was Leckeres zu bieten hat. 

Gegenüber dem Örtchen Briedel schlagen wir uns nach einem Päuschen in der warmen Sonne nach oben in die Weinberge, begleitet natürlich von herrlichen Ausblicken. Hoch droben auf dem Plateau gibt es ein Einkaufszentrum, u. a. einen Globus. Und dieser, folgt man der Begeisterung meiner Schwestern, hat einzigartige Leberkäsbrötchen auf Lager. Nun ja, maps befragt, scheint dieser Aufstieg durch die Weinberge mit „moderater Steigung“ zu bewältigen zu sein, besser jedenfalls als der Hauptstraße von Zell folgend. Wagen wir es. Moderat, unter der Klassifizierung haben wir schon manche Höhe erklommen, aber das hier so auf erster Tour im Jahr und Chianga-Mäuschen hintendran im Hänger, das ist schon eine Nummer. Abbruch, Päuschen machen oder Beatmungsgerät? Letzteres kommt nicht in Frage, da wir über diese Gerätschaft nicht verfügen, Ersteres kommt nicht in Frage, da Wim natürlich schon in den Genuss der legendären Leberkäsbrötchen kommen will, die ihm vor den Augen flimmern und die er unbedingt, so verfressen wie er ist, verschlingen will. Die Gier ist ein Schwein, sagte meine Oma immer, und im Schweinsgalopp zieht er durch, beinhart, allerdings mit deutlich grenzwertiger Schnappatmung. Das war jetzt echt hart. Aber die Höhenlage hat uns, der Globus kommt in Sicht. Wim wartet draußen, ich erledige ein paar Einkäufe, kaufe einen sauteuren Proteinriegel, da ich mal wieder auf Diät bin, und natürlich landen für Wim 2 Leberkäsbrötchen im Wagen. Das sind wirklich Brocken, Wahnsinn. Das große Brötchen schafft es gerade so, die locker 5 cm dicke Leberkässcheibe zu halten. Aber Wim kann den sperrigen Happen für den kleinen Hunger zwischendurch überwältigen, auch den zweiten, und Atemnot und Anstrengung sind vergessen. Ziele muss man haben, dann lebt es sich angenehmer, erfüllter, oder wie jetzt: gefüllter.

Zufrieden und mit 11 % Gefälle rollen wir rasant hinab ins Tal, den Moselfluten und der Brücke in Zell entgegen. Der Frühling lässt das schöne Panorama und die Hausfassaden leuchten. Wir schwenken hinter der Brücke an der Statue der „Zeller schwarzen Katz“ nach rechts ab auf den Radweg zurück nach Pünderich. Ein gut durch den Winter gekommener wohlbeleibter Nutria sucht im Ufergestrüpp nach Schmackhaftem, Schwäne ziehen vorbei, ebenso Kanufahrer. Irgendwo auf einer Moselinsel haben zahlreiche Reiher ihre Nester in hohen Weiden und Pappeln gebaut, sitzen darin und werden sicher brüten. Das Moselradeln ist doch sehr entspannend, wählt man nicht gerade die Höhenlagen.

08.03.2026 Sonntag

Ein schöner Frühlingstag bahnt sich an. Die Welt strahlt und das Gelb der Forsythien vor den Fachwerkfassaden im Örtchen Pünderich ebenfalls. Wir radeln Richtung Zell mit Ziel Bullay. Empfindlich kühl ist es am schattigen Ufer entlang, nur 11 Grad zeigt das Thermometer. Das ändert sich aber Höhe Zell im Sonnenschein schlagartig. Laue Luft und 19 Grad. Da läuft‘s von alleine und ohne Schlottern. Über eine recht schöne Promenade, an deren Ränder die Gastronomen schon eifrig ihre Bestuhlung aufstellen und Tische platzieren, ziehen wir dahin unter herrlichen Platanen, die so fein gestutzt immer wieder schöne Erinnerungen an unsere vielzähligen Osterferienzeiten an der Cotê d‘Azur wecken. So in der Sonne liegend wirken Fluss und Häuschen nochmal um einiges gemütlicher und ansichtskartenwürdig. 

Hinter Zell schließt sich das Örtchen Merl an, das unspektakulär aber malerisch schön im Moseltal liegt. Irgendwie liegt wohltuende Sonntagsruhe über allem. 

Leider führt dann der Radweg nach Bullay direkt an der Uferstraße entlang. Und auch der Ort an sich wartet nicht mit Besonderem auf. Unseren Plan, über das eiserne Monster, die „Doppelstockbrücke“, ans andere Ufer überzusetzen, lassen wir wegen der dort herrschenden totalen Schattenlage fallen.  

Auf der Sonnenseite radeln wir auf gleicher Route, jetzt aber ganz ufernah auf einem wie neu gepflasterten Weg, wieder Richtung Zell zurück. Hier wechseln wir die Seite und kommen bei immer noch warmem Sonnenschein quer durch die Weinberge wieder in Pünderich an. Und morgen werden wir wohl weiterziehen, sofern sich keine andere Idee ergibt.