von Meknes ins Vallee du Ziz

Mittwoch 19.02.2020

Früh werden wir wach, unsere gestrige sportliche Betätigung hier in Meknes war wohl doch nicht so kräftezehrend. Durchtrainiert, wie wir mal nun sind, müssen da schon einige Kilometer auf dem Rad abgerissen werden, und zwar ohne „e“ vorm „bike“, um Nachts wie ein Stein zu liegen. Nein, Blödsinn. Wir sind ja nur gechillt unterwegs, wir cruisen eher. Kleine Verzögerung gibt es, da die Sat-Schüssel klemmt und nicht einfahren will, sich stattdessen auf dem Dach platt auf den Rücken legt und keinen Ton mehr von sich gibt. Wim klettert uns auf’s Dach, er ist ja so schmal und elastisch, der passt durch jede Luke, selbst wenn ich nicht von unten nachdrücke. Nach Einsprühen mit irgendwas richtet die Schüssel sich Gottlob wieder auf, klappt sich, wie es sich gehört, Fall erledigt. Ich schreibe schnell eine kurze Kurzgeschichte für unser Reisetagebuch, lade Fotos hoch und maile es an den Caravan Club, der unsere Reportagen veröffentlicht. Wegen irgendwelcher Probleme mit meinem ipad, das mir ständig fehlenden Speicher signalisiert und rumbockt, obwohl ich reichlich Platz in der icloud gekauft habe, muss ich die Fotos auf einen alten Laptop laden, habe also nur sehr umständlich Zugriff darauf. Das ist sehr ätzend und macht keinen Spaß. Ständig liegt der schwere Laptop herum mit Kabel und Gedöns. Echt Mist. Wie kann man nur so unprofessionell unterwegs sein, wo das doch alles äußert wichtig ist, was ich hier tue. Ich muss schmunzeln, wie so oft bei diesem Thema. Aber Hobby ist eben Hobby. Und vor 10 Uhr können wir tatsächlich schon starten. Durch die hohle Gasse, durch die wir uns im Abendschimmer gequetscht haben, geht es auch wieder zurück. Adieu Bab El Mansour, Adieu Meknes. 

Wir nehmen die N16 Richtung Azrou. Ortsende Meknes ist an einem Kreisverkehr eine Gasanstalt. Womos parken davor, wir dann kurzentschlossen auch. Wir lassen unsere Flasche füllen, kaufen eine rote marokkanische, lassen beide füllen, kostet 270 DH. Aber: an dieser eigentlich hochoffiziellen Station verlangt der Meister zunächst 380 DH, erntet von mir einige Empörung, sieht wohl mein erbostes Gesicht, und tippt in seinen Taschenrechner 270 DH. Unglaublich. Und das ist sicher noch um einiges zu teuer. Wir handeln eigentlich nie bzw. kaum, wenn uns ein Preis angemessen erscheint, dann ist es auch gut. Wir wissen natürlich, dass ein Tourist immer und überall mehr bezahlt, als ein Marokkaner. Aber 40 € für Gas ist schon eine Ansage. 

Meknes ist umgeben von vielen Weinfeldern. Das Klima hier ist meist gemäßigt, die Reben gedeihen wohl gut, und der Wein ist nicht übel. Gehört haben wir, dass die Trauben von einigen Weinbergbesitzern nach Frankreich zum Keltern verfrachtet werden. Vielleicht ein Grund dafür, dass der Wein aus Meknes recht teuer ist. Die ersten Dromedare stehen plötzlich und frühstücken am Straßenrand. Viel Viehzeug wird über die vierspurige Straße transportiert, in den Plantagen blüht es, auch die Hochbeete zur Zwiebeltrocknung können wir zu hauf sehen. Dazwischen überall kleine ärmliche Gehöfte, die annehmen lassen, da könne niemand drin wohnen, aber von wegen, Wäsche flattert, ein Huhn saust herum, Qualm steigt aus erbärmlichen Rohren gen Himmel. Es ist kalt, auch wenn die Sonne sehr warm durch die Frontscheibe scheint. 

Wir klettern durch Steineichenwälder unbemerkt auf 1400 m mit einem gigantischen Ausblick auf einer Anhöhe. Gefaltet liegen Bergmassen im Nebelschleier vor uns. Märchenhaft schön. Etliche Baustellen mit provisorischen Fahrbahnen können wir nur im Schritttempo befahren. Vor Azrou zeigen sich die ersten Zedern, diese riesigen Bäume, die wie Giganten oder Gruselgestalten in der Gegend herum stehen. Schafe werden gehütet, Tausende und Abertausende, die auch das letzte Fitzelchen Grün vertilgen. 

Azrou, das wir noch nicht kennen, sieht ordentlich aus, lebhafter Verkehr und übliches Gewusel der Menschen hier. Ganz auffällig ist in dieser Region, dass die Häuser Dächer haben, Satteldächer wie wir sie kennen. Ich mag diese Art hier nicht. Die Marokkaner sind sehr stolz auf ihre Region um Azrou und Ifrane. Auf uns wirkt das alles sehr unauthentisch und richtig fehl am Platz. Aber Geschmäcker sind ja verschieden.

Weiter geht die Route in Richtung Midelt. Dies ist nun eine Strecke, die wir aus der Gegenrichtung schon mal gefahren sind. Schwere Holzlaster kommen uns entgegen. Im Affenwald stehen einige bunt gestriegelte Pferdchen, drumherum eine Menge Asiaten, dazwischen ein paar Affen. Dann schluckt uns die Endlosigkeit einer kargen Hochebene auf knapp 2000 m. Das Wetter ist grau, Schneefetzen sind das einzig Helle, was man sehen kann. Wirklich trostlos. Mit diesem trüben Sinn fahren wir im Verlauf an wirklich armseligen Unterkünften vorbei, an Menschen, die mit Schlappen in der Kälte unterwegs sein müssen. An einen kleinen See wollten wir Rast machen oder sogar über Nacht bleiben. Aber bei dieser Witterung ist das keine Option. 

Auf der uns schon bekannten Passhöhe scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wir drehen eine kleine Runde mit den Hunden, die nichts Eiligeres zu tun haben, als eine Ziegen- und Schafsherde in Aufruhr zu versetzen, was dem freundlichen Hüter aber nicht das Geringste ausmacht, er lacht sich halb schlapp. 

Jetzt kommt das Teilstück der Route, das uns jedes Lachen nimmt. Hier stand am Straßenrand vor Jahren das kleine Nomadenmädchen, Frost draußen, Schneefelder, unterhalb eigentlich menschenunwürdige Plastikplanen- und Zeltverschläge. Das Mädchen trug einen Lappen von einem Pulli und winkte scheu. Ja, wir sind Verfechter des Nichtbeschenkens aus dem Womo. Ja, dabei bleibt es auch. Ja, man kann auch nicht immer anhalten. Und ja, man erzieht sie zum Betteln. Und ja ja ja. Aber damals habe ich schon so weinen müssen bei diesem Anblick, der mir nie aus Kopf und Herz gehen wird. Und ich schwor mir, wenn ich nochmal dort fahre, und ein Kind steht da, bekommt es reichlich von mir. Tja, heute ist kein Kind dort. Die Zedernriesen schweigen. Dann die nächste Strapaze für Herzen, für Herzen von Hundemenschen. Ich weiß nicht so recht, woran es liegt, dass hier, wie von uns nirgendwo anders gesehen, auf relativ kurzer Strecke derart viele Hunde am Rand liegen. Sie sind recht groß, sehen auch nicht direkt ausgehungert aus, haben dichtes dickes Fell, meist gefleckt. Sie schauen einem direkt in die Augen, bis ins Mark. Sie wirken friedlich und duldsam. Es ist eine Tortour für uns. Wohlgemerkt, man redet hier von an die 40 Hunden auf eben wenigen Kilometern. 

Lange vor Midelt wähnt man sich in der Wüste. Unwirkliche, menschenverachtende Region, schmuddelige Nester, trostlos und öde, obwohl wir lange, einsame Strecken sehr mögen. Ja, auch so kann Marokko sein. 

Wim quälen Schulterschmerzen, wir wollen daher heute nicht so lange fahren. Midelt bietet nicht viel. Am Hotel Kasbah Asmaa am Ortsausgang darf man über Nacht stehen. Mangels Alternative beißen wir in diesen faulen Apfel und schlucken den Frosch und machen die Faust in der Tasche und beißen die Zähne zusammen, und was nicht noch alles. Und jetzt passiert etwas, das so unglaublich ist, dass man nicht annehmen kann, dass es wirklich wahr sein könnte. Wir stehen ca. eine halbe Stunde mutterseelenallein auf dem Parkplatz an diesem Hotel. Bazou und Chianga haben erste Hundebegegnungen friedlich hinter sich, ich stelle gerade mal wieder die Pfanne auf den Herd, das Öl darin wird langsam heiß. Plötzlich lärmt es um uns, über uns, gewaltig, als würde unser Dach wegfliegen. Und im nächsten Moment landet ein Hubschrauber unweit neben uns. Das kann doch nicht wahr sein. Kommen jetzt schon die Gendarmen im Hubschrauber, um uns an einen sicheren Ort zu eskortieren? Haben wir etwas ausgefressen? Du lieber Himmel! Unfassbar, aber wahr! Ich nehm vorsichtshalber die Pfanne vom Herd. Fünf Soldaten klettern aus dem Ding, schauen alles an, klettern auf‘s Dach, fixieren die Rotorblätter. Das wäre dann heute das zweite Mal, dass ich Männer beobachte, die auf Dächern rumklettern. Tage gibt's. Polizeiautos kommen an, wichtige Persönlichkeiten in dunklen größeren Wagen. Gepäck wird umgeräumt. Um uns kümmert sich keiner. Scheint wohl kein Truppenübungsplatz hier zu werden. Wir erfahren, dass mit dem Hubschrauber wohl etwas nicht stimmt, quasi Notlandung. Gut, dass er es noch gerade so neben uns geschafft hat und sich nicht direkt mit an den Tisch gesetzt hat. So bruzzele ich die spanischen Rippchen mit Tomaten und Oliven mal weiter. Sie müssen weg, wer weiß, was noch geschieht. Während die Hunde und Wim etwas Augenpflege betreiben, werden 10 Soldaten in Mannschaftswagen angekarrt, fette Geländewagen sind angerückt, dazu reichlich Polizei. Jedenfalls stehn wir nun hier unter militärischer und polizeilicher Obhut. Auch gut. Und die Rippchen schmecken köstlich. 

Weiber-Donnerstag 20.02.2020

Der perfekte Security-Dienst sorgte für einen ruhigen tiefen Schlaf hier oben auf 1500 m. Nein nein, wir haben niemals Angst hier in Marokko, egal wo wir nächtigen. Aber es ist schon witzig, zu sehen, dass der Helikopter immer noch einen Steinwurf entfernt steht, etliche Soldaten sich aus diversen Autos schälen, deren Nacht sicher kaum vergleichbar ist mit der unsrigen. Anständig werden wir gefragt, ob wir gut geschlafen haben. Angesichts dieser Sicherheitsleute sei das ja kein Problem gewesen, sage ich, und alle lachen. Kalt war es in der Nacht. Wir schlafen zwar fast immer ohne Heizung, aber in den frühen Morgenstunden wird heute mal eingeheizt. Es ist sehr neblig. Auch jetzt, wie gestern schon, halten sich die gewaltigen Bergmassive des Hohen Atlas bedeckt und blinzeln nicht mal mit einem Gipfel hervor. Geduld braucht man, wie in vielen Situationen hier in Marokko. Knappes Frühstück, der Fossilienhändler von gegenüber, der uns gestern einen Platz an seinem Haus angeboten hat, begrüßt uns freudig und legt seine Hand auf‘s Herz. Wir reisen ab, die Soldaten salutieren. Ein wenig beschleicht mich ein „Angela-Merkel-auf-Staatsempfang“-Gefühl. Und dann geben wir uns dem Motorschnurren und der N16 hin. 

Die Sonne schafft es bald, die nebulösen Zustände schleichen sich, und die ganze Pracht der schneebedeckten 3000er zeigt sich. Immer und immer Traumbilder. 

Über den Tizi-n-Tairhemt klettern wir auf knapp 2000 m, rollen dann durch grandiose weite Landschaft über eine karge Hochebene hinab ins palmenbestandene Tal des Oued Ziz, vorbei an malerischen Lehmdörfern. In einem Ort sitzen die Störche in ihrem Nest auf dem Turm der Moschee, möglicherweise das Paar, das dort auch schon vor 3 Jahren brütete. 

Wir fahren dem Tunnel der Legionäre entgegen. Ab hier führt der Ziz Wasser, das steinige, ausgewaschene Flussbett ist allerdings nicht so voll wie bei unserem ersten Besuch vor drei Jahren. Den schön gelegenen, aber schon besuchten Stellplatz Jurassique-Park nach Durchfahren des Legionärstunnels lassen wir rechts liegen. Unser Ziel ist weiter hinunter in die Schlucht, dem Flusslauf folgend, ein SP in Aoufouss in den Ziz-Oasen. Auch wenn wir das Ziz-Tal schon zwei Mal durchfahren haben, hat es rein gar nichts von seiner faszinierenden Schönheit verloren. Das kann man sich getrost mehrfach „antun“. Es ist irgendwie der Inbegriff von Fremdartigkeit, dieses dunkelgrüne, wedelnde Palmkronendach am Fuß der rostrot leuchtenden Tafelberge, die die Fluten des Flusses Ziz über Jahrtausende hinweg aufgebrochen haben.

Lehmdörfer liegen verschachtelt an der Straße, breit gestreckt jeweils soweit, wie das Tal es hergibt. Sattes Grün leuchtet uns aus den Oasengärten entgegen. Aus Kaminen steigt Rauch. Die Bevölkerung ist auf den Beinen. Es herrscht richtig viel Verkehr, auffällig viele Womos kommen uns entgegen. Reisebusse kippen an Aussichtspunkten ihre Ladung aus, Menschen strömen mit Kameras an den Rand der Terrassen, knipsen, sind wieder im Bus verschwunden, und weiter geht die Fahrt. Wie gut, dass wir eigenbestimmt mit eigenem Bett unterm Allerwertesten unterwegs sein können. Solche Reisen lassen viel Dankbarkeit zu. 

Hinter einer Anhöhe breitet sich links der riesige Barrage Hassan Addakhil aus, ein Stausee, der fast bis nach Errachidia reicht. Diese Stadt habe ich gar nicht so aufgeräumt in Erinnerung, wie sie sich jetzt zeigt. Manchmal gewinnt man eben falsche Eindrücke. Heute jedenfalls würde uns ein etwas näheres Kennenlernen interessieren, aber wir erledigen nur einen Geldwechsel und was noch? Natürlich Brot besorgen, was, wie sich später rausstellt, knüppelhart ist. Wim kommt nämlich stolz mit 5 Broten zurück, er habe nur 4 gewollt, der Mann habe ihm aber freundlichst 5 zum gleichen Preis eingepackt. Der Grund war klar. Bei solch einem Handel muss man ein schlechtes Gewissen haben. Da hilft auch nicht, noch ein staubtrockenes gratis draufzulegen, es sei denn, der Händler nimmt an, wir wollten Paniermehl draus machen. Viele Marokkanerinnen drücken auf die Brote, testen also zu Zustand. Das wird künftig auch so gemacht. In Errachidia wimmelt es von Soldaten und Kasernen und Hochsicherheitstrakten in modernen Gebäuden hinter Stacheldraht. Hier in Grenznähe zu Algerien ist das gewiss für das Land nötig. 

Hinter der lebendigen Stadt liegt auf 1000 m eine absolut karge, sandig-steinige Hochebene, die nicht einmal mit Bergen umgrenzt ist. Nichts, einfach nichts. Aber dann erkennt man im platten Land Linien. Beim Näherkommen erhascht man Blicke auf Linien, die parallel zueinander verlaufen, allerdings mit breitem Abstand. Die Erde ist aufgebrochen. Wir fahren quasi auf dem Plateau eines Tafelbergs, der vom Fluss Ziz aufgebrochen und tief gespalten wurde. Und dann kommt die Stelle, an der tief weit unten ins Tal, in die Schlucht geguckt werden kann, Blicke auf ein Dreieck aus Palmen. Einfach gigantisch. So verläuft die Straße meist etwas oberhalb des Tals, am Hang der rostroten Berge entlang, eine Aussicht spektakulärer als die andere, man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. 

Im Oasendorf Aoufouss fahren wir ans andere Flussufer zum CP Hakkou, der sich einfach finden lässt. Durch ein schönes Tor zwischen Lehmmauern rollen wir auf den gut belegten Platz. Hier kann man sich wohlfühlen, das sieht man sofort. Sehr freundlich weist uns jemand von der Familie ein. Den unteren, schöneren Teil werden wir vorsichtshalber nicht befahren, der Schotter scheint uns nicht fest genug. So stehn wir nun auf einem Lehmplatz direkt am Berber-Zelt an der Rezeption. Passt auch. Von den blauen Bergen kommend, sind wir nun da, wo der Pfeffer wächst. Neben uns steht nämlich ein Pfefferbaum in voller, zarter Blüte. 

Morgen ist Freitag, also obligatorisch Couscous-Tag. Da würde die Familie für alle Gäste Couscous zubereiten. 25 DH pro Nase. Gerne können wir mitessen. Das planen wir dann mal so ein, wie schön. Gegen Abend bietet man den Frauen an, in den Oasengärten eine Art Klee zu pflücken für das morgige Mahl. Also auf. Die Felder, in denen der Klee hoch steht, sind wohl nicht geeignet. Davon fressen die Tiere. Dann gibt es Beete, in denen steht der Klee nur noch wie abgefressen. Hier pflücken wir die kleinen jungen Hälmchen ab, stecken sie in einen Sack der beiden Frauen, die uns begleiten. Trotz des Geschnatters der vielen Frauen liegt eine sehr beschauliche Abendstimmung über den Oasengärten, die richtig gut tut. 

Freitag 21.02.2020

Heute wird getrödelt, höchste Zeit, mal einen Tag zu verbummeln. Das Wetter ist herrlich. Still ist es hier. Alles strahlt. So vergeht der Vormittag mit Duschen in dem ordentlichen Räumchen des CP mit heißem und reichlichem Wasser, das übrigens mit Holzfeuer aufgeheizt wird. Gedanken darüber, ob wir nun die Fahrräder auspacken oder noch nicht, versickern, es wird nichts unternommen. Fotografisch widme ich mich dem Berber-Zelt. Die aus Ziegen- und Kamelwolle gewebten Bahnen in verschiedenen Farben sind fein vernäht mit schönen Mustern. Licht fällt hindurch, kaum vorzustellen, dass die Nomaden in kalten Winterzeiten darunter leben können. 

Gegen Mittag guckt das Frauen-Trüppchen in der Küche vorbei, wie sich die Zubereitung des Couscous so anlässt. In einer riesigen Plastikschüssel wird er immer wieder mit den Händen verrührt und aufgelockert. Leider habe ich verpasst, was vorher hinein kam, vermutlich warmes Öl. Einem Teil des Couscous wird der Klee von gestern beigemengt und auf einem Holzfeuer am Berber-Zelt durchgewärmt. In einem großen Topf kochen 4 Hühner vor sich hin. Zwei Kinder kommen aus der Schule, begrüßen alle rundum mit Küsschen und Umarmung. 

Am frühen Nachmittag wird zu Tisch gebeten. An langer Tisch-Reihe mit bunten Tischdecken sitzen wir dann alle in der Sonne beisammen, sicher an die 30 Personen, und harren der Dinge, die da kommen. Und wie die kommen! Was die Männer schleppen können, schleppen sie heran. Die Servierschalen aus Ton sind ohnehin schwer wie Blei, und dann noch der aufgetürmte Couscous darauf. Alle stürzen sich auf die Köstlichkeit. Der Klee-Couscous wird separat angeboten und schmeckt ebenfalls sehr gut. Da wir im Kreis von Franzosen sitzen, fehlt auch der Wein nicht. Alles in allem eine lustige, schöne Erfahrung trotz unserer Aversion gegen Gruppenveranstaltungen jeder Art.

Samstag 22.02.2020

Hier herrscht eine Ruhe rundum, die wir so kaum in Marokko kennengelernt haben. Ein einziger Hund bellt hin und wieder den Mond an, das war‘s aber auch. Die Nacht war sternenklar und frisch, auf fast 900 m nicht verwunderlich. Heizen wir eben, Eisbein zum Frühstück muss nicht sein. 

Einer der vielen Brüder, die den CP betreiben, kommt mit 2 Gläschen Tee. Die Franzosen versammeln sich morgens zum kostenlosen Teetrinken irgendwo. Es war wohl aufgefallen, dass wir nicht dabei sind, deswegen wohl der „Room-Service“. Das ist ja wirklich bemerkenswert. 

Mit dem Vater der vielen Jungs hier auf dem Platz komme ich ins Gespräch. Er spricht hervorragend Deutsch. Als junger Mann ist er Mitte der 60er Jahre nach Dortmund gegangen, hat später leider einen Arbeitsunfall erlitten und musste ein halbes Jahr im Krankenhaus bleiben. Mitte der 70er Jahre kehrt er wieder in die Heimat zurück. Er habe 10 Kinder, bekäme nun eine Rente, habe ja den Platz hier, seine Gärten noch, wäre zufrieden mit seinem Leben und seiner Familie. 

Der Tag plätschert dahin. Neben uns rollt ein schwerer Steyr mit Getöse ein, Wim macht Räder und Anhänger startklar. Wir radeln links runter über die schmale asphaltierte Straße. Links liegen Häuser verschiedener Bausubstanz in sehr unterschiedlichen Erhaltungszuständen und Oasengärten hinter Lehmmauern, rechts erahnt man Nomadenlager in der kahlen Weite, von Bergen umgrenzt. In diesem Niemandsland liegen viele Haufen Brennbares, dicke Palmstämme, aber auch jede Menge Geäst. Vermutlich stammt alles aus den Oasengärten, denn hier wächst kein Baum, kein Strauch. Verschiedentlich sind Esel angepflockt, Männer laden Gestrüpp in die Packtaschen. Frauen legen gewaschene Wäsche zum Trocknen auf Haufen aus Schilfrohr. Ich frage mich, ob das nicht erheblich einfacher mit Wäscheleinen am Haus zu bewerkstelligen wäre. 

Einige Radfahrer begegnen uns. Wir mit unserem Aussehen auf den schnellen Rädern mit den Hundeanhängern .. da will man sich nicht so wirklich ausmalen, was so ein älterer Mann auf einem Klappergestell von Fahrrad denkt, wenn er überholt wird. Aus den vorbeifahrenden Fahrzeugen winkt man uns zu. Eine Gruppe Bauarbeiter lässt alles fallen und johlt uns freudig und anfeuernd hinterher. Wir wollen es wenigstens so deuten. Eigentlich herrscht die freundlich gesonnene Stimmung, die wir von Marokko kennen und lieben. 

Die Straße führt nun durch einen Ort. Für europäische Verhältnisse irgendwie ein fassungslos machendes Bild, eher „Zustände“ als „Verhältnisse“. Kinder wirken abweisend und sammeln sich blitzartig in großen Gruppen, Frauen verschwinden ohne Regung stark verschleiert von einem dunklen Hauseingang im nächsten, in einem Lädchen wird Wim, der nach einem letzten Brot greift, ignoriert, im nächsten erhält er äußert reserviert und ungewohnt unfreundlich ein Brot, beim Mineralwasser hört es dann aber auf. Ja, was ist das denn? Jedenfalls eine ganz neue Erfahrung. Wir fühlen uns sehr unwohl. Daran ändert leider auch der sehr freundliche Mann nichts, der direkt neben mir und meinem Rad und meinem Anhänger aus seinem klapprigen Pickup ein Kalb und mehrere Schafe und Lämmer auslädt, die erstmal orientierungslos muhend und blöckend um das Auto und um mich hoppeln und bocken, ehe er sie endlich einfangen und hinter einem Rohrsichtschutz in sein Haus bringen kann. 

Und noch etwas ist passiert heute, anders als sonst, unglaublich: ich habe vergessen, die Speicherkarte in meine Kamera zu stecken - sie steckt noch im Laptop. Mist! Daher gibt es kein Foto von unserer Oasenradtour, aber in dem Dorf hätte es vermutlich sowieso Ärger gegeben, wenn ich auch noch meine Kamera gezückt hätte. Nur ein kleines ipad-Filmchen von Wim + Rad ist geblieben. 

Wir freuen uns über das Brot und radeln irritiert zurück. In der Sonne schlürfen wir ein Gläschen Wein und plauschen mit den Leuten aus dem LKW, die zum ersten Mal in Marokko sind. Mal sehn, abends will die marokkanische Familie für alle eine Suppe kochen, Musik soll auch gemacht werden. Wir wären bereit, meine Kamera auch. Und es wird der „Knaller“ des Tages. Nahrungsaufnahme Berber-Suppe, deren Fan wir nie werden, erfolgt wieder in der Schar der französischen Mitcamper an langer Tischreihe. Eine bunt flimmernde „Discokugel“ wird in eine Ecke geklemmt, und dann geht die Post ab. Die trommelnden Strahlemänner der Familie hier mit ihrer Art und Weise, uns zu amüsieren, Witze zu erzählen, zum Lachen und Klatschen zu bringen, war klasse. „Ein Kamel fällt in der Wüste in einen Brunnen, wie kommt es da wohl wieder raus?“ Antwort: Nass! Alt, aber egal, alle verbindet in diesem Moment ein- und derselbe Humor. „Un wenn dat Trömmelsche jeit ... dann stonn m‘r all parat ...“ passte hervorragend zum heutigen Karnevalssamstag, ja, es gipfelte sogar in wilden Polonaisen und Tänzen der versammelten Mannschaft. „Kölle alaaf“!

Sonntag 23.02.2020

Während wir so in den Morgen hinein trödeln, erfahren wir beim obligatorischen „Tee am Bett“, dass heute Souk in Aoufouss ist. Also Räder klarmachen, Hunde rein, Ladung sichern. Knapp 5 Kilometer geht‘s über die verkehrsarme N16. Gelegentlich ruft uns einer freundlich zu, Gehupe und Winken versöhnt nach den gestrigen Erlebnissen. Ach, wir sind ohnehin nicht nachtragend. Et kütt wie et kütt. Was soll man auch bei solch einem Königswetter, vorbei rauschend an palmengesäumten Flussufern, grüblerisch radeln. Dieser saftige Tag wird jetzt erstmal gepflückt. Passt gut, denn im Schattentheater des Souks findet sich einiges, das reif und frisch lockt. Die Frauen sind gehüllt in schwarze Tücher mit bunten Borten und Stickereien. Eigentlich sind das die Gewänder, die mir am besten gefallen. Jede Region hat ja da so ihre Eigenart. In der Oase Figuig z. B. waren die Frauen in weiße Tücher gehüllt. Wim wartet mit den Rädern am Rand des Souks. Carmen, die Frau aus dem LKW, deren Mann sich mit einem Infekt rumschlägt und daher nicht mitgeradelt ist, und ich „shoppen“: Gurken, Tomaten, Zucchini, Eier, Paprika. Einen silberfarbenen Teekessel kaufe ich. Den wollte ich schon immer. Und jetzt ist - so ohne Wim - die Gelegenheit günstig. Die Frauen kennen das vielleicht, diese Problematik. Am Radparkplatz zurück, signalisiert mir ein Dreikäsehoch mit richtig frechem Ausdruck, dass er Gebühren haben möchte für‘s Parken. Na sowas, Bürschlein, da fragst Du aber die Richtige. Nach Abnehmen meiner Sonnenbrille und strafendem Blick war der Kleine schnell kuriert und das Thema vom Tisch. Wim hat unterdessen etliche Gespräche mit Marokkanern geführt über Hunde und Räder und Reisen. Wie das hier eben so ist ... immer wird man gefragt, woher man kommt, wohin man geht, ob das Land einem gefällt. Man muss derlei Austausch mögen, vielleicht nicht jedermanns Sache, uns gefällt es und macht einen Großteil der Faszination aus. 

Langsam radeln wir zurück. Scheint der Asphalt auch gut und die Fahrt wenig holprig, so bleibt sie nicht ohne Folgen. Von den 10 Eiern, in einer Plastikdose transportiert, überleben nur 4. Praktisch, Essen auf Rädern, ich muss nur die Schalen aus dem Geschleime rausfischen, Salz und Pfeffer hinzu, Deckel wieder drauf, schütteln und braten. Zwischenmahlzeit Rührei geritzt. Abends ist Premiere: Angrillen. Couscoussalat an importierten Schwenksteaks, richtig gut, die passende Basis für einen themenreichen, lustigen Abend.

Rosenmontag 24.02.2020

Vom blauen Himmel und vom lauen Lüftchen heute morgen würden wir gerne was abgeben an all die Jecken, die schon parat stehn, sich dem Rosenmontag hinzugeben und zu feiern. In Köln wird, so hörte man, einiges wegen Unwetter abgesagt. Ein Leid für den „Zoch“ und seine Jecken. 

Unsere Nachbarn mit dem - wie wir gestern Abend lernten - Expeditionsfahrzeug, so nennen sich diese motorisierten, überdimensionalen Wüstenspringmäuse mit Reifen bis zu meinem Hals, packen auf und ziehen weiter gen Wüste. Klar, dass der LKW schon mit den Gummihufen scharrt, der muss raus, der will in den Sandkasten, der will spielen. Wir verabschieden uns herzlich, war ein schönes Zusammentreffen hier. So schnöde zurück gelassen, fällt mir die Schmutzwäsche ein, die sich dann mit mir auf den Weg zur platzeigenen Waschmaschine macht. Toplader, na ja, nicht grad eine Alternative zum eben abgefahrenen höher gelegten Tieflader, aber der Toplader gibt alles, und ich kann nach 30 Minuten in die Trommel greifen, topentladen und tiefenentleeren. Waschmaschinentechnisch wissen nun die Hausfrauen unter uns Bescheid, Tiefenentleerung ist hier, im Gegensatz zu Aufbaubatterien im Womo, äußerst wichtig, denn wie oft übersieht Frau die sich geschickt eingekeilte nasse Socke in der hintersten Ecke der erhöhten Stege in der Trommel. Und dann gerät flott der Hausfrieden in Gefahr, weil die Hausfrau zwar alle Tassen im Schrank, aber nicht alle Socken im selbigen hat und unter üblichen Vorwürfen dem Mann anlastet, er habe wieder mal seine schmutzigen Klamotten nicht ordentlich zusammen gesammelt, es fehle schon wieder eine Socke. Möglicherweise fördern das Vogelgezwitscher in den Palmkronen und das Geplätschere der Wasserrinnen in den Oasengärten solcherlei Gedanken beim Wäscheaufhängen auf platzeigener Leine zwischen Lehmmauern. Warum sonst sollte ich jetzt über so einen Scheiß nachdenken. Kann auch sein, dass sich allmählich im Zuge fortschreitender Entschleunigung eigentümliche Gedankenspiele anbahnen. Spielen, ja, das wär‘s jetzt. Spielen mit meinem neuen Ball, dem gläsernen, „Lensball“ nennt er sich. Also Kamera und Kugel einsacken und ab in die Gärten. Es ist der erste Einsatz. Heute ist der passende Tag. Rosen finde ich zwar keine, wäre auch zu aufgesetzt heute am Rosenmontag, aber andere Schönheiten der Oase, die sich spiegeln lassen. Zeit mit so etwas zu verbringen, ist Luxus. 

Ich bespreche auf dem Rückweg noch etwas mit Nachbarsesel, dann wird Wäsche abgehangen mit leichter, frischer Lehmduftnote. Statt Kölsch gibt’s Campari Orange, statt Schnäpschen ein Minzteechen. Wim jagt und erlegt später zwei Brote, ich hänge mit den gesammelten Ball-Bildern ab. Schönes Leben! Rollenverteilung klar, später auch, Wim grillt nämlich ;-). Und die Schwenksteaks sind lecker, zur flimmernden Kölner Karnevalssitzung hätten wir hier ohnehin keinen Mettigel hinbekommen.

Dienstag 25.02.2020

In unserem Womo-Nachtlager war‘s nachts nicht so kühl wie bisher. Der Morgen zeigt sich schon sommerlich, richtig warm und windstill ist es, ein Tag zum Laufen lassen eben. Wasser steht heute auf dem Programm. Gut, zunächst einmal wird die Platz-Dusche aufgesucht, wirklich gut, heiß und reichlich, mit ganz viel Platz unterm Palmstrohdach. Wir erzählen ein wenig holprig mit unseren neuen französischen Nachbarn, die seit 6 Jahren ständig im Womo leben. Sie kredenzen uns ein Gläschen Wein, Madame hat heute Geburtstag. Das ist doch eine wirklich nette Geste. Ein Stündchen genieße ich nochmal die Oasen-Atmosphäre auf der Jagd mit Kamera nach Piepmätzen. Aber es sind nur wenige unterwegs, es ist Mittagszeit, kaum Gezwitscher hörbar. 

Wo wir schon mal beim Thema „Tieraufnahmen“ sind, bugsieren wir unsere beiden in diese tolle „Location“ direkt neben uns. Bazou und Chianga posieren im Berber-Zelt, und natürlich habe ich ein Foto für sie. 

Und eine Runde weiter sind sie auch, dürfen nämlich mit zum großen Shooting am Oued Ziz. So wunderschön ist es zwar nicht, wenn man bedenkt, welchem atemberaubend schönen Flusslauf wir auf dem Weg in die Oase Iche begegnet sind, aber für‘s Erste genügt es, macht Spaß, erfrischt und füllt angenehm unseren Tag. Die Hunde können leider nicht so lauffreudig am und im Wasser sein, es ist ein reines tiefes Kiesbett, schlecht für die Pfoten. Wassertreten geht gerade noch so. 

Auch das Radfahren über die sandige Piste hinab zum Ufer klappt mit voller Anhängelast perfekt. Ein wenig Schiss habe ich schon, aber ein vorzeitiges Absteigen wird verkniffen, auch weil ich durch‘s Wasser fahren und nicht hindurch schieben will. Ich muss doch mal an die Apotheken Umschau schreiben und einen Mutmach-Artikel mitsenden für eine der nächsten Ausgaben: „Trotz neuer Hüfte - mit dem Klapprad durch die Fluten“ oder „Wenn Schulterschmerzen plagen, einfach Klappradfahren wagen“ oder oder oder. 

Im Ort 4 km weiter besorgen wir, na was wohl? Brot. Wim kauft es im gleichen Laden wie gestern. Der Mann begrüßt ihn schon mit Handschlag. So ist das hier. Wir kaufen außerdem 2 Telefonkarten. Man kann sie angeblich sehr einfach per sms freischalten lassen. Na, ich bin gespannt. Das wäre hervorragend. Neben dem Handylädchen hat ein Metzger seine Auslage. Auf einem Tisch davor liegt ein kohlrabenschwarzer Rinderkopf. Man hat ihm eine Tasse dazu gestellt. Ob‘s Spaß oder Brauch ist, kann heute nicht ergründet werden. Das komplette Fell des Tieres liegt auf der Straße. Gegenüber flämmt ein Mann die sorgsam nebeneinander am Bordstein angestellten 4 Unterschenkel des Rinds mit einem Flammenwerfer ab. So erklärt sich uns auch der Geruch nach Huf, der um die Ecken waberte. Die Gassen, in denen auch der Souk stattfand, sind total uneben mit sehr großen knubbeligen Steinen. Sie glänzen etwas, man hat das Gefühl, entweder stolpert man oder fliegt hin, weil man ausrutscht. Überall sitzen Menschen und erzählen. Obwohl ja in dieser Gegend ganz sicher häufig Touristen sind, haben wir das Gefühl, man schaut uns an, als seien wir Weltwunder. Aber ebenso haben wir vermutlich aus der Wäsche geguckt, man bedenke nur, unvorbereitet fällt dein Blick auf einen verrußten Rinderkopf auf dem Gehsteig. 

Mit unseren eingesauten Rädern fahren wir zurück. Abreise morgen überlegen wir, aber wir können auch noch einen Tag verweilen.

Mittwoch 26.02.2020

Ja, was soll man sagen, ich sitze hier, es ist Abend, und hinter uns liegt ein Tag, der wieder in kein Schema passt. Unerwartet, überraschend. Gegen 14 Uhr dachte ich noch: „Was für ein Faulenzertag!“. Es ist richtig heiß, kein Lüftchen, wir lümmeln nur herum. Außer einem kurzen Hundegang hat sich nichts getan. Gut, die Bettwäsche steckt in der neuen Platz-Maschine, die die Brüder gestern angeschleppt und angeschlossen haben. Sie ist fertig, ich schreite in Zeitlupe zur Leerung und anschließend in den Lehmmauergang zur Wäscheleine. Abdal, einer der Brüder, kommt herbei und lädt uns für den Nachmittag zum Tee in das Haus seiner Mutter ein. Na sowas, seine Mutter würde sich sehr freuen. Ich bin begeistert, Wim ebenfalls, natürlich folgen wir der Einladung. Die Hunde werden nochmal ausgeführt und anschließend im Womo sonnen- und wärmegeschützt „zwischengelagert“. Abdal fährt mit seinem rasanten schwarz-weißen R4 mit Goldglanz vor. Er holt uns ab. 

Die Reise geht ein Dörfchen weiter. Wir quetschen uns in dieses Geschoss mit Revolverschaltung, eine Längsstange unterm Auto fällt ab, noch ehe wir die Türen geschlossen haben. Scheint aber nichts Wesentliches zu sein, wir düsen los mit einem irren satten Sound, und spätestens beim Überfahren des ersten Huckel beschleicht mich das Gefühl, gleich mit der rückwärtigen Sitzbank durch das Bodenblech zu sacken. Aber falsch gedacht, umsonst besorgt, wir kommen heil an. In langer Häuserreihe öffnet sich eine Eisentür, und wir stehen in einem mit bunten Ornamenten gefliesten Hof. Durch eine offene Tür kann man in einen langen Raum schauen, der mit schönen blau-goldenen Polstern ausstaffiert ist, vermutlich der Salon, in den Gäste geführt werden, ähnlich wie im Haus der Familie am Stausee. 

Aber wir folgen einer jungen Frau durch einen dunklen Flur, der uns direkt ins Wohnzimmer der Familie führt. Davor ziehen wir unsere Schuhe aus. Hier sitzen schon Abdals Mutter, eine junge Frau mit Baby, und zwei weitere ältere Frauen auf Polstern direkt auf dem Boden. Wir lassen uns nach Begrüßung auf die rundum an den schmucklosen Wänden liegenden Polster fallen. In der Mitte steht ein kleiner quadratischer Holztisch, an der Wand über uns hängt ein Fernseher, am Raumende steigt ein Kaminrohr aus einer sehr kleinen Feuerstelle hinauf zur hohen Decke und verschwindet vermutlich nach außen. Eine Gasflasche mit Aufsatz heizt einen Wasserkessel auf, ein Tablett mit Füßen steht bereit mit weiteren Silberkännchen und vielen Gläschen. Eine Frau lässt sich davor nieder und beschäftigt sich mit der Tee-Prozedur. Wir werden ständig freundlich angelächelt, Abdal übersetzt, wie sehr man sich über unseren Besuch freue. Bald wird eine Schale mit etlichen dünnen Pfannkuchen serviert, die Frau reißt die Fladen in Stücke, man streicht etwas von einem dunklen Dattel- oder Pflaumengelee darauf, rollt es, verschlingt es. Köstlich. Eine Schale mit Nüssen kommt dazu und eine Platte mit kleinen Kuchenstücken, die schön zitronig und saftig sind. Zuckersüßer Tee wird immer wieder nachgegossen. Wir lassen es uns gut schmecken, werden auch immer wieder angehalten, kräftig zuzulangen. Das Baby wird liebevoll herumgereicht, wandert von einer „Tante“ zur anderen, wird gehätschelt und beschmust. Einige kleinere Kinder spielen im Haus, hin und wieder schaut mal eines zu uns herein. Nachdem wir satt sind, wird in der Damenabteilung ein Tischchen aufgestellt, Tee, Kuchen und Fladen werden aufgetragen, aber kein Gelee, seltsam. Alle Frauen sitzen um den Tisch herum, manche sogar ohne Polster direkt auf dem Boden, und essen. 

Wir verabschieden uns, Abdal chauffiert uns zurück. Allerdings hält er im Ort nochmal an. Hier wird mitten im Dorf eine neue Moschee gebaut. Er möchte uns diesen alten Ksar zeigen, mit uns durch dieses Labyrinth aus hohlen, dunklen Lehmgassen gehen, in denen wir nur schemenhaft Türen erkennen können, die in die Behausungen und Ställe führen. Einige Familien lebten noch hier, erzählt er uns, er habe als Kind mit seinen Freunden in diesem Ksar gespielt, kenne jede Ecke. Problematisch seien manche Nachbarschaften, es gehe häufig um die unterschiedlichen Hautfarben. Das macht uns - und sichtlich auch ihn - traurig. 

Ich muss sehr aufpassen bei jedem Schritt durch die Gassen, dass ich nicht stolpere oder den Hang, den wir zu der verfallenen Mauer mit Zinnen hinabsteigen, hinunter rutsche. Birkenstock sind nun mal wenig geländegängig. Aber wer konnte denn sowas ahnen. Hier auf einem Hügelchen an den Zinnen, habe er als Kind jeden Abend gesessen, erzählt uns Abdal. Es sei sein Lieblingsplatz gewesen wegen der faszinierenden Aussicht. Sehr beeindruckend, das zu hören, von diesem spaßigen, immer strahlenden Temperamentsbolzen. 

Einige Bewohner begegnen uns, man begrüßt sich, wir erhalten Einladungen zum Tee von offenen, freundlich strahlenden Menschen. Kinder lächeln uns schüchtern an, aus manchem Hauseingang strömt ein leckerer Duft nach frisch Gebackenem. Wir begegnen einem Eselchen, das offenbar das gleiche Haarshampoo wie Wim benutzt. Einen Brunnen zeigt Abdal uns und schöpft tief unten Wasser. Dieser Brunnen sei für alle Haushalte im Dorf, nur dieser eine. Auf ein Kreuz an der Wand neben der Moschee macht er uns aufmerksam. Hier sei mal eine Kirche „von unserem Gott“ gewesen. Darüber werde ich aber mal irgendetwas ergoogeln. Ende des Rundgangs erkläre ich ihm, dass diese Dunkelheit in den Gassen doch sehr gruselig sei. Wir alle machen Spaß damit. Und Abdal fragt uns dann, wie wir uns in Marokko fühlen. Das war einfach zu beantworten. Er findet es schade, dass viele Europäer Vorurteile hätten und davon ausgingen, dass man ihnen hier etwas antue. Sehr nachdenklich macht so etwas, aber es ist sehr wertvoll, dass auch solche Themen Themen werden, allein dafür lohnt sich schon jede Reise. 

Gefühlsmäßig geschafft knattern wir zum Womo zurück. Sein Bruder erwartet uns schon mit der vormittags bestellten Tajine, die wir uns heute für den eigentlich letzten Abend gönnen wollen. Aber ich denke, wir hängen noch einen Tag dran. 

Donnerstag 27.02.2020

Wie die Zeit vergeht, hoffentlich heute mal unspektakulärer. Auf dem Platz ist An- und Abreise, es herrscht nach Tagen des Stillstands plötzlich Aufbruchstimmung. Die französischen Mitcamper sind offenbar in Kleingrüppchen hier. Man „kennt“ sich nach den Tagen, winkt sich zum Abschied. Hier haben wir wirklich sehr offene, liebenswürdige Franzosen kennengelernt. Uns liegt es wirklich fern, irgendein Verhalten eines anderen anzuprangern. Aufgefallen ist uns nur auf unseren Reisen durch Marokko, dass zum einen unglaublich viele Franzosen hier überwintern, dass sich diese zum anderen in sehr sehr großer Zahl sehr sehr arrogant, überheblich und furchtbar ansprüchlich den Marokkanern gegenüber benehmen. Da hat es uns schon einige Male auf die Palme getrieben, und Palmen gibt es hier ja viele. Allerdings haben die aktuellen Begegnungen unsere Ansicht wirklich zum Positiven ändern können. Auch unsere französischen Nachbarn, die seit 6 Jahren in ihrem Womo leben, sprachen von sich aus dieses Thema an, was uns sehr erstaunt hat. Sie klagten auch über das abweisende Verhalten ihrer Mitbürger den Marokkanern gegenüber. Vielleicht ist aber auch die Stimmung auf diesem Platz so herzlich, so zuvorkommend und freundlich, dass einer Arroganz total der Boden entzogen wird, ehe sie überhaupt aufkeimen kann. Die fleißige Familie tut alles, damit man sich richtig aufgehoben und wohl fühlt. Hundeauslauf gibt es kilometerweit, alles lässt sich im Örtchen besorgen, einen Wochen-Souk gibt es, Radfahren ist herrlich durch die Oasen am Ziz entlang, Couscous am Freitag wird toll und lecker angeboten, der Berber-Suppen-Abend mit Trommeleinlagen ebenfalls, frisch gebackenes Brot wird offeriert, Tee am Womo und, nicht zu vergessen, unaufdringlicher, herzlicher Familienanschluss. Warum schreibe ich das alles? Tue ich doch sonst nicht. Wir sind doch keine CP/SP-Tester. Aber den Camping Hakkou in Aoufouss müssen wir einfach wärmstens empfehlen. Morgen geht es trotzdem endlich weiter, aus eigentlich 2 oder 3 Tagen wurden ein paar mehr, was sehr schön war. Die Räder stehen noch bereit, also wird aufgesattelt zur Oasenrundfahrt. Es ist fast 16 Uhr, entsprechend viele Frauen und Kinder sind in den Hauseingängen und Gassen unterwegs. Die Hausarbeit ist scheinbar verrichtet und man steht oder sitzt oder geht in großen Grüppchen zusammen und erzählt. Idyllische, fremdartige Bilder, die sich so auf dem Rad noch viel hautnaher aufsaugen lassen als aus dem Womo heraus. Das Sträßchen verläuft durch grandiose Landschaft, rechts die satt grünen Oasen, links die rotbraun leuchtenden Tafelberge. Kleine baufällige Würfelhäuser und wie angefressen aussehende Lehmmauern machen alles sehr malerisch. Ein wirklicher Genuss, unter diesem Himmelsblau durch diese paradiesische Natur zu cruisen und nur Freude zu ernten. 

Die Flussoase ist in diesem Gebiet sehr breit, hindurch müssen wir, wollen am anderen Ufer zurück radeln. Zum Teil ist richtig Dschungel um uns herum, Grün, Grün, Grün. Ein paar Menschen begegnen uns, alle halten ein Schwätzchen. Eine alte Frau, gestützt auf einen Stock, kommt langsam entgegen. Sie sei müde, käme vom Arzt, hätte Schmerzen, bedankt sich mehrfach bei mir für meinen wohl mitfühlenden Gesichtsausdruck. Immer und immer wieder wird man nicht nur verbal, sondern viel mehr emotional angesprochen. Wir begegnen hier so viel „Mensch“. 

Über den Ziz hinweg erreichen wir die N16, es herrscht reger Verkehr, aber wir nehmen die breite, allerdings sehr holprige Eselsspur. Die Ausblicke auf die sich schlängelnde breite Flussoase sind einfach atemberaubend schön. 

In Aoufouss besorgt Wim noch Wasser. In Windeseile bin ich wieder umringt von einer Bubenschar. Auch das ist immer wieder ein Phänomen, die scheinen blitzartig vom Himmel zu fallen. Ich muss die Wildesten schon energischer davon abhalten, sich mit Hundegebell um die Anhänger zu scharen. Also der ohnehin wenig vorhandenen Kinderliebe unserer beiden Bellos ist das nicht förderlich, aber was will man machen. 

Zum Womo geht’s nun zackig. Die Einladung zum morgigen Couscous müssen wir ablehnen. Reisetag steht an, Wim packt außen, ich innen. Fußball am Abend im TV fällt irgendwie aus, Wim findet jedenfalls nichts. Möglicherweise wurden die Spiele abgesagt als Vorsichtsmaßnahme wegen der vielen Corona-Fälle, die es leider zu beklagen gibt, nun auch in Deutschland.