23.03.2026 Montag
Das plätschernde Flüsschen Vrigne liegt hinter uns, vor uns in 100 km die Stadt Reims. In der näheren Umgebung wollen wir einen SP auf einem Winzerhof anfahren und uns morgen per Rad aufmachen zum Sightseeing Reims. Schnell erreichen wir die mautfreie AB, die wir die Hälfte der heutigen Strecke nutzen können. Ich denke noch so darüber nach, dass derart viele totgefahrene Tiere am Straßenrand liegen, auch gestern schon, wie viel Wild es hier geben muss, als wir an einem toten Wildschwein vorbeifahren. Die Ardennen, ja, das Wappentier der Ardennen ist das Wildschwein. Und irgendwie erinnere ich mich, dass ein solches auch in überdimensionaler Größe irgendwo aufgebaut sein soll, quasi das Symbol der Wehrhaftigkeit der Region. Auf unserer Ardennen-Tour vor nicht allzu langer Zeit habe ich darüber etwas im Reisetagebuch geschrieben. Damals war es uns aber zu entfernt und sein Standort lag nicht an der Route. Und man glaubt es nicht, da taucht es doch plötzlich rechts am Rande der AB auf, riesig, ein Kawenzmann, der auf den Namen „Woinic“ hört, und über den es Folgendes zu lesen gibt: „Mit einer Höhe von 8,50 m, einer Länge von 14 m und einer Breite von 5 m ist Woinic das größte Wildschwein der Welt! Das Symbol der Ardennen, das für Kraft, Mut und Solidarität steht, wird hier durch eine eindrucksvolle, 50 to schwere Metallkonstruktion verkörpert, die ein Werk des Künstlers Eric Sléziak ist. Eine monumentale Realisation, die für ihre Fertigstellung 11 Jahre und 12.000 Arbeitsstunden erforderte! Das Riesenwildschwein steht seit dem 08.08.2008 auf der Raststätte der Autobahn zwischen Rethel und Charleville-Mézières.“ Da haben wir Schwein gehabt, kann man nur so sagen.
Es schließt sich ein Landstrich an, über den schmale Landstraßen führen, vereinzelt liegen Dörfchen im weiten Ackerland. Hier hat die Landwirtschaft mit Ackerbau zu tun. Unfassbare Weitsicht in grün-weiß bietet sich uns. Die gepflügten Flächen zwischen den schon froschgrünen Feldern sehen aus, als hätten Riesen ihren Waschtag und ihre weißen Bettlaken zum Trocknen ausgelegt. Unfassbar hell ist die Erde und blendet richtig in der Frühlingssonne. Ja, im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt - wie wahr, auch wenn aus den Rösslein über die Jahre hinweg Pferdestärken starke Traktoren geworden sind, von denen uns einzelne auf den schmalen Landsträßchen begegnen oder wie auf einem anderen Planet zwischen blauem Himmel und weißer Erde einsam in endloser Weite dahin ziehen.
Auch die Dörfer wirken surreal, aber typisch französisch. Denkt man noch, dass da nirgendwo Leben ist, die Häuser stark heruntergekommen sind, wuselt es doch auf den Gassen, klemmen Baguettes unter Armen, sind Straßencafés gut besucht und vor allem die zahlreichen Memorials perfekt gepflegt, auch wenn‘s um die Häuser manchmal wie bei Hempels aussieht. Es hat Charme, es bewegt einen, uns jedenfalls immer wieder.
Krass ist daher der Übergang vom reduzierten enthaltsamen Leben zum absolut mondänen noblen Dasein, Arbeits- oder Lackschuh. Denn wie aus dem Nichts tauchen plötzlich Weinhänge auf. Champagner gedeiht hier. Und damit man das auch nicht übersieht, tauchen die Domainen auch schon auf. Feine Adressen mit goldenen Lettern. Hier prickelt und perlt es. Wir freuen uns auf den SP. Und werden herb enttäuscht. Tja, vor Pleiten ist man unterwegs nicht sicher. Der hochgelobte SP in einem kleinen Dorf entpuppt sich als höher gelegener Hinterhof in einer Wohnstraße, der nur über einen nicht befestigten sehr steilen Stich mit Aufsetzgarantie erreicht werden kann. Er besteht aus scheinbar einem einzigen Platz, belegt von einem Mitcamper, im Hintergrund eine Gerätescheune und davor ein Traktor. Das dazugehörige Einfamilienhaus ist noch neueren Datums, kein Mensch zuhause. Da staunen wir nicht schlecht. Schnell wird wieder durchgestartet. Vor Jahren waren wir mal Mitglied von France Passion, unsere 5 Versuche, auf netten SP zu nächtigen, gingen sämtlich in die Hose. Ich könnte schwören, dieser hier hat sich auch in diese Liste aufnehmen lassen. Egal, abhaken, weiter.
Wir fahren Reims, das Herz der Champagne, direkt an. Zentrumsnah soll es hier eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit auf einem PP geben, den wir auch schnell erreichen. Es ist quasi der Stadion-PP, rundum vielbefahrene Straßen, aber ein Park und das Ufer des Canal de la Marne à l‘Aisne grenzen an. Ein paar Womos stehen schon. Wir finden trotz vieler Bäume mit tiefer hängendem Geäst eine passende Lücke.
Das Wetter ist herrlich, mittlerweile 22 Grad, ideal also für eine Erkundung der Stadt per Rad, zu der wir aufbrechen, nachdem alle Wertsachen im Fahrradkorb stecken und das Concördchen verriegelt und verrammelt ist. So zentrumsnah Stehen hat doch was, denn um zwei Ecken und über die Brücke, und schon kommt das prachtvolle Juwel der Stadt, das Meisterwerk gotischer Kunst, in dem 33 französische Könige gekrönt wurden, die Cathédrale Notre-Dame, in den Blick, gerahmt von wunderschönen Hausfassaden, ein wirklich toller Anblick beim Draufzufahren.
Wie üblich, besichtigen wir die Kathedrale im Schichtbetrieb. Sie steht für jedermann kostenlos offen. Im Inneren wird der Blick sofort angezogen von der Helligkeit des Kirchenschiffes und den wundervollen Buntglasfenstern, welche zum grössten Teil aus dem 13. Jahrhundert stammen. Sie haben nichts von ihrer Farbenfreude und Strahlkraft verloren, und man kann sich kaum sattsehen. Ganz besonders „gefangen“ halten mich die von Marc Chagall gestalteten blauen Buntglasfenster, Wim begeistert sich für die moderneren Varianten. Es ist alles zusammen ein Erlebnis.
Ein Erlebnis ist auch die ganze Runde durch die Stadt, die an jeder Ecke mit historischem Flair überrascht und die Spuren der bewegten Geschichte zeigt. Im Ersten Weltkrieg wurde mehr als die Hälfte von Reims zerstört und danach wieder aufgebaut, was sich bis heute im Stadtbild bemerkbar macht. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims unterzeichnet. In Zeiten wie diesen wäre es allerhöchste Zeit, wieder in irgendeiner Stadt allumfassende Friedensverträge zu schließen. Wir können es nicht ändern, alles Grübeln hilft nichts, helfen können uns die neuen Bilder und Eindrücke dieser Reise, eine Medizin gegen Trübsal und Resignation und Verzweiflung angesichts der Unfassbarkeit über Entscheidungen einzelner herrschsüchtiger alter Männer und ihrem arschkriechenden Gefolge. Genug davon. Das Leben will gelebt - und geliebt - werden. Und das klappt momentan vorzüglich. Ausführliche Beschreibungen der sehenswerten Punkte in Reims erspare ich mir aber, das kann Google erheblich besser. Daher nur die Fotoreihen.
Place Drouet d'Erlon mit Fontaine Subé und Fontaine de la Solidarité
Les Basses Promenades
Square Colbert
Les Hautes Promenades
Square de la Porte de Mars
Porte de Mars
Memorial Monument aux Morts du Square de Reims
Porte de Paris mit Kiosque á Musique
und Cirque de Reims Konzerthaus und Theater
Place de l’Hôtel de Ville Rathaus
Da, wo der Boulevard Pommery in einem großen Kreisverkehr mündet, da, wo Pommery draufsteht, da ist auch Pommery drin. Begleitet einen in Porto der Sandemann, so ist man in Reims umwirbelt vom perlenden Gesöff, dem Champagner und seinen Caves. Wir ziehen vorbei, es ist schon spät, genug für heute. Zu erwähnen bleibt noch die vorbildliche Straßenführung für Radfahrer. Völlig unbehelligt und bevorrechtigt kann man in Reims mit Rad unterwegs sein, egal ob in Parks oder Gassen. Das ist sehr entspannend und herrlich. Und morgen zieht es uns wieder ins Ländliche, so viel steht schon heute fest.
24.03.2026 Dienstag
Starker Verkehr mit entsprechender Geräuschkulisse schallt am Morgen zu uns herüber. Aber zentral gelegene Stadtplätze haben das nun mal so an sich. Uns macht es nichts aus, wir wollen hier ja keine Woche verbringen. Gestern Abend gesellten sich noch einige Womos dazu. Früh brechen manche auch schon wieder auf. Wir haben heute nur 80 km bis zur nächsten Station, können uns also Zeit lassen und starten gegen 11 Uhr.