von Versailles bis Giverny

31.03.2026 Dienstag

Versailles liegt hinter uns. Ein Stück darf die AB befahren werden, bis wir wieder das Ufer der Seine und seine engen Schleifen erreichen und uns daran entlang hangeln auf schmalerem Sträßchen. Der Fluss ist im Verlauf stellenweise sehr breit, Lastkähne schippern dahin, Fabriken liegen an, ein Kraftwerk streckt seine Schlote in die Höhe. Idyllisches Flusstal geht anders. Marode präsentieren sich auch die kleinen Straßenörtchen. Man riecht quasi die Feuchte und den Schimmel, der sich in den Wänden befinden muss. Es liegt aber auch am Regengrau, klar, wäre der Himmel blau, würde man es als „wild romantisch“ bezeichnen können. So eben nicht. Aber Kirschbäume stehen in voller Blüte, Glyzinien zeigen schon lila Farbe. Na, wer sagt‘s denn. Sogar eine blutrote Rose zeigt sich. Im Städtchen Vernon liegt nämlich eine blütenweiße Rosen-Arosa vor Anker und erhellt das Ufer.

Hier wechseln wir zum anderen Ufer, um kurz darauf im Dörfchen Giverny anzukommen. Auf einem weitläufigen Parkplatz, auch für Busse und PKW, dürfen Womos in einem Bereich kostenlos übernachten. Wir richten uns für eine Nacht ein. Ein anderes Womo parkt schon. Ansonsten Stille über den weiten Wiesen im breiten Flusstal zur Seine hin. Im Dorf gegenüber liegen das Haus und der berühmte Garten des Malers Claude Monet, sein Zuhause, das er sehr geliebt hat, in dem er sich verwirklichte und in dem er gestorben ist. Man kann alles besichtigen. Und das ist der Plan für morgen, denn glücklicherweise beginnt morgen am 01.04. die Saison, und nach Winterpause ist alles wieder für Besucher offen. Hervorragend! Timing ist doch alles beim Womo-Reisen. 

Eine Erkundungsrunde per Rad unternehme ich zum paar Minuten um die Ecke liegenden Monet-Haus, um herauszufinden, ob und wie man heute schon an Tickets kommt. Auf der Website gab‘s keinen wirklichen Hinweis. Sehr beschaulich ist es auf der Dorfstraße. Alte kleine Steinhäuser säumen den Weg mit üppig blühenden Rabatten. Künstler-Spuren findet man natürlich an jeder Ecke, sei es durch Plakate, Hinweise, Einrichtungen, Galerien und Ateliers. Am Eingang zum Monet-Grund wird auf einen QR-Code hingewiesen, über den ich eTickets bestellen kann. Direkt vor Ort versuche ich es, Besuchstag 01.04. um 12.30 Uhr wird angeboten. Nehm ich, werde aber am Punkt „Payment“ ausgebremst, Kreditkartennummer muss eingesetzt werden. Also flott zum Womo zurück, fehlende Daten eintragen und ab on air damit. Postwendend kommen 7 Bestätigungsmails und die Tickets. 

Happy darüber, dass wir für morgen die Tickets im Sack haben, starte ich nun eine Tour nach Vernon über die am PP vorbeiführende Voie verde, ein perfekter Radweg, um mir die Le Vieux-Moulin de Vernon, eine alte Mühle, Wahrzeichen des Städtchens Vernon, anzuschauen. Die Fahrt führt zwischen Wiesen und Weiden durch das Tal am Ufer der Seine entlang. 12 Grad und Regengrau heute ist nicht so prickelnd wie gestern 12 Grad und Himmelsblau, aber es macht trotzdem Spaß und die alte Mühle steht ansichtskartentauglich hochbeinig am Seine-Ufer mit einem feuerroten Krokodil an ihrer Seite. 

Auf der Rückfahrt biege ich links ab und fahre durchs Dörfchen Giverny. Wirklich reizend sieht es aus mit lauschigen Gärten an altem Gemäuer. Hier fand also Monet seine Inspirationen. Ich finde das sehr interessant und spannend und werde immer vorfreudiger auf das, was uns morgen erwartet. So geht es wohl einigen anderen auch, denn inzwischen haben sich noch weitere Womos eingefunden, und das läuft auch bis spät in den Abend so. 

01.04.2026 Mittwoch

Im Frühtau zu Berge wir ziehn falleraaaa … Saisonstart Monet … die ersten Reisebusse rollen an. Lasset die Spiele beginnen. Nach einer guten Nacht und einem längeren Auslauf für Chianga, die ja ausnahmsweise heute allein im Womo bleiben muss und nicht mit darf, schreiten wir gegen Mittag in Richtung Monet. Auf der Gasse kommen uns Grüppchen entgegen, die wohl ihre Besichtigungsrunde schon hinter sich haben. Einige Uniformierte stehen am Straßenrand, ständiger Funkkontakt nach irgendwo, auf Nachfrage weist man uns sehr freundlich den Weg für die Besucher, die ein eTicket haben. Schlangestehen am Ticketschalter brauchen wir also nicht. Sehr gut. Der Einlass funktioniert völlig entspannt, QR-Code der Tickets wird von Handy zu Handy gecheckt und los geht‘s. Wandelpfädchen und Farbenpracht überfallen uns quasi auf den ersten Metern. Du lieber Himmel! Welch eine Augenweide! Unsagbar schön! Wir nehmen erstmal die Richtung zum hinteren Gartenteil, dem Jardin d‘eau, da es sich im vorderen Bereich schon etwas auf den Gehwegen knubbelt. Diesen hinteren Teil des Grundstücks mit Bachläufen kaufte Monet damals zu seinem Garten hinzu. Allerdings verlief dort eine Eisenbahnlinie quer durch, die es heute nicht mehr gibt. Also musste eine Unterführung her. Durch diese bewegen wir uns nun hin zu dem weltberühmten Wassergarten und steigen ausgetretene Treppenstufen hinab und wieder hinauf. Schon leuchten uns die kräftigen Farben der Azaleen entgegen. Jetzt kommt Farbe ins Spiel. Aber sowas von! Absolut faszinierend präsentiert sich die Gartenanlage. Eine Blütenfülle liegt uns zu Füßen. 

Die weltweit bekannte Brücke über den Seerosenteich ist unübersehbar. Auch wenn der Jahreszeit geschuldet nur vereinzelt Seerosen ganz zaghaft winzige weiße Blütchen zeigen, und dadurch auf den ersten Blick wenig an die Monet-Gemälde erinnert, so ist der Anblick umwerfend. Also wenn ich mir vorstelle, dass exakt hier der Künstler gestanden hat, um sich Gedanken über seine Kunst, die der Inbegriff des Impressionismus ist, zu machen und während seines langen Malerlebens unermüdlich in seinem Garten auf der Suche war nach Möglichkeiten, die Veränderlichkeit des Lichtes und der Farben in vielen atmosphärischen Varianten und zu verschiedenen Tageszeiten darzustellen, dann bekomme ich Gänsehaut. 

Claude Monet (1840 geboren) verdanken wir die größten Werke des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Malerei war sein ganzes Leben. Er war besessen von Licht und Wasser, fasziniert von schimmernden Reflexionen im Wasser und den Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen dringen. Er richtete sogar sein Atelier auf einem Boot ein, um verschiedene Blickwinkel zu entdecken und den hypnotisierenden Wellen so nahe wie möglich zu sein. 

Seine Persönlichkeit wird als unangenehm beschrieben. Das macht mich nachdenklich, da er so von seiner Statur und vom bärtigen Gesicht her etwas Gutmütiges und Geduldiges ausstrahlt. Aber so kann man sich täuschen. Er war wohl sehr mit schlechter Laune unterwegs, schwer zu ertragen, egoistisch und im Ort Giverny nicht sonderlich beliebt. Als Kind muss er schon sehr unruhig und ein schlechter Schüler gewesen sein, er zeichnete lieber Karikaturen in seine Hefte. 

Eigentlich wollte er Portraitmaler werden, hatte u. a. auch mit seinem berühmten Portrait seiner Frau Camille durchschlagenden Erfolg in Paris 1866. Allerdings entdeckte er, während er Frauen in Gärten malte, seine Liebe für die Natur und das Licht sowie für die zerbrechliche Gestalt von Landschaften und Farben. 

In den letzten beiden Jahrzehnten seiner Karriere widmete er sich ohne Unterlass der Malerei des berühmten Seerosenteichs, den er hier in seinem Haus entworfen und angelegt und die Seerosen gezüchtet hatte. In einem außergewöhnlichen Gemälde nach dem anderen hielt er die ständig wechselnden Beziehungen zwischen Wasser, Spiegelungen, Atmosphäre, Blumen und Licht fest, die die Oberfläche des Teichs in jedem Moment veränderten. Die ersten Gemälde der Serie wurden sofort gefeiert, als Monet sie 1909 ausstellte. 

Trotz der enormen Erfolge zu Lebzeiten entsprach Monet dem Klischee des verfluchten Künstlers. Die Malerei bot ihm kein komfortables Leben. Die Zeiten, in denen eines seiner Werke „Meules“ (Heuhaufen) bei Sotheby's in New York für 110,7 Millionen Dollar ersteigert wurde, waren nicht angebrochen. Monet war während eines Großteils seines Lebens pleite, lieh sich Geld von Freunden, war gezwungen, wieder bei seinen Eltern einzuziehen und von seiner Frau Camille getrennt zu leben, um zu überleben. Sein Vater gab ihm nur wenig Geld und seine Tante versorgte ihn. Unterstützt wurde er auch von einem bekannten Kunsthändler, den er 1870 in London kennenlernte und von dem Sammler-Ehepaar Hoschedé, mit denen Claude und Camille sogar zusammenlebten. Und darauf gründen sich auch sehr komplizierte und turbulente romantische Beziehungen.

Monet war zweimal verheiratet: Seine erste Frau, Camille, war an Tuberkulose gestorben, seine zweite Frau Alice starb und auch sein ältester Sohn. Monet selbst wurde 86 Jahre alt und starb 1926 an Lungenkrebs. Nach seinem Tod weigerte sich sein enger Freund Clemenceau, ihn mit einem schwarzen Tuch bedeckt zu sehen und ersetzte es durch bunte, geblümte Vorhänge. 

Buntes und Geblümtes begleitet auch uns auf unserem beeindruckenden Spaziergang, egal ob im Wassergarten oder im Hausgarten. Wir haben solch einen Blüten-Blumen-Farbenrausch noch nie und nirgendwo gesehen. Ein Erlebnis! 

Der Rundgang durchs Haus und der Blick in einzelne Zimmer und auf die vielen Gemälde und Fotos an den Wänden geht leider zu schnell, da man sich in der Besucherschlange durch die zwei Etagen und das enge steile Treppenhaus schön im Gleichschritt vorwärts bewegen muss, ohne mal irgendwo innehalten zu können. Aber so ist das nun mal an Orten, die von vielen Menschen aus aller Welt besichtigt werden wollen. Das sollte nicht daran hindern, es auch zu tun. 

Mit letzten Blicken auf Haus und Garten verabschieden wir uns mit begeistertem Kopfschütteln und Farbflirren vor den Augen, die uns unterdessen sowieso fast rausgefallen wären. Und wir können jetzt sehr gut die Monet nachgesagte Selbstbezogenheit nachvollziehen. Wie sonst hätte er sich die nötigen Freiräume für solch eine Kreativität gepaart mit unbändiger Schaffenskraft und -freude freischaufeln können … und seine Gartenschaufel gegen seinen Pinsel tauschen können und wollen ?

Am späteren Nachmittag zieht es uns nochmal an die Luft. Das Wetter hat heute stabil gehalten, Regentropfen fielen nicht. Das Areal der benachbarten alten Mühle Le Vieux Moulin de Chennevières umrunden wir. Ein sehr beeindruckendes Anwesen, das sicher mit Liebe gepflegt wird und dasteht seit 1818 als Zeitzeuge einer Zeit, in der es hier etliche Mühlen und Waschhäuser gab. Bemerkenswert ist, dass die Mühle 1901 von einem Amerikaner gekauft wurde, der, wie man lesen kann, sich ein „charming flower-filled home“ mit einem großen Atelier einrichtete. 

Auf weitere ausländische Mitbürger stoßen wir auf unserem Spaziergang durchs Dorf, nämlich auf dem Friedhof der L‘église Sainte-Radegonde, als wir vor einigen Gräbern getöteter blutjunger Soldaten mit wehenden Fahnen darauf stehen. Angesichts der aktuell angezettelten Kriege ist es schrecklich, die Namen zu lesen. Es schaudert einen. Und der sehr schlichte Kirchenraum kann auch nicht helfen, es wäre auch zu viel verlangt, obwohl er ganz bestimmt schon viel Trost spenden konnte, macht man es fest an den tief abgelaufenen Bodenplatten. Kein Wunder, die Kirche steht in Teilen seit dem 11./12. Jahrhundert auf Initiative von Radegund, einer Tochter eines Königs aus Thüringen, die keine Nonne werden durfte, sondern mit einem Clothaire verheiratet wurde. Dieser wiederum tötete ihren Bruder, woraufhin Radegund ihn verließ und Kirche und Kloster gründete, wo sie anno 587 mit fast 70 Jahren starb. Eine starke Frau ihrer Zeit. Ebenfalls liegt hier begraben die Familie Monet. Das Grab ist gepflegt und üppig mit bunten Frühlingsblumen bepflanzt. Es würde Monet gefallen. Und damit endet unser Ausflug nach Giverny, tief beeindruckt.

02.04.2026 Gründonnerstag

Bus an Bus wird ausgekippt. Menschentrauben strömen über den Spazierweg der Wirkungsstätte des großen Meisters Monet entgegen. Die werden staunen, so viel ist sicher. Wir strömen auch einem nächsten Ziel entgegen und verlassen den gastlichen Ort mit der sehr passenden und dazu noch kostenlosen Übernachtungsmöglichkeit. 

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