von Vatteville-la-Rue bis Le Perrey

09.04.2026 Donnerstag

Bei wunderschönem Wetter, unseren Schlafplatz unter blühenden Bäumen in Vatteville-la-Rue verlassen, gondeln wir sage und schreibe 10 km zum nächsten Etappenziel durch die ländliche Gegend über schmale Landstraßen, noch schmälere Forstwege im Forêt Domaniale de Brotonne und vorbei am leuchtenden Gelb der Rapsfelder. 

Irgendwo biegen wir ab und verschwinden über eine schmale Zufahrt zwischen zwei gemauerten Backsteinpfosten hinter einem Eisentor und stehen vor einem schönen alten Wohnhaus einer Apfelbauernfamilie. Ja, so hatten wir uns das vorgestellt. Eine ältere Frau stellt sich als die grand mère vor und plaudert auf Französisch los, obwohl wir signalisieren, dass wir der Sprache nicht wirklich mächtig sind. Aber das ist nicht weiter tragisch, denn ihre sehr freundliche Einweisung ist verständlich. Sie geleitet uns über den kompletten Bauernhof, zeigt hier und da, überall könnten wir stehen. Wir wählen die Wiese an der Schafweide mit Blick auf die Apfelbäume. Sehr idyllisch und fast romantisch ist es hier, ein Plätzchen zum Luft ablassen und verschnaufen.

Gegen Abend unternehme ich einen Erkundungsgang. Alles ist freundlich und wohlgesonnen, einschließlich der vielen Hoftiere, wobei ich mir bei den Truthähnen nicht ganz so sicher bin. Die gurgeln schon bedrohlich und plustern sich angeberisch auf. Der junge Bauer und seine Frau, sehr höflich, begrüßen uns. In einem großen Fass ist eine Toilette installiert, na ja, eher ein Plumpsklo, in dem man über die Hinterlassenschaften bereitstehende Sägespäne streuen soll. Gut, wir sind ja insoweit Selbstversorger und inhäusig tätig. Eine Dusche ist auch vorhanden, sie sei defekt, aber bis zum Abend habe er sie repariert. Wir wollen ihn nicht bremsen, aber auch das erledigen wir im Womo, wie üblich. 

10.04.2026 Freitag

Früh strecken schon die Schäfchen ihre Köpfe aus ihrer Scheune raus. Sie sind sehr zutraulich, kennen es wohl, dass aus Womos kletternde Menschen Essbares herüber wachsen lassen. Wir starten bei Himmelsblau, aber eisigem Wind, zur Erkundung des nahen Städtchens Pont Audemer. Kleine Städtchen haben oft einiges an Überraschungen zu bieten. So auch jetzt. Denn die knapp 10 km bis dorthin entpuppen sich schon als fordernd. Geht es auch zunächst schnurgerade auf einem wie mit Lineal gezogenen Asphaltsträßchen durch zugiges Ackerland und ein schönes Dörfchen, in dem scheinbar in jedem Haus ein Hund zur Familie gehört, dahin, erwartet uns bald eine tiefe Senke, in der das Städtchen zu liegen scheint, und es geht richtig steil abwärts von den Höhen. Jetzt erstmal nicht an den Rückweg denken, sondern laufen lassen.

Offenbar treffen wir sofort das Herz der Stadt, denn über eine Brücke über das Flüsschen Risle hinweg, sehen wir schon Marktstände. Hier ist heute Markttag, so ein Glück. Hintereinander reihen sich die Händler beidseits der Hauptstraße. Da haben wir viel zu gucken. Also auf ins Gewühl. Gewühl ist zwar relativ, auch wenn keine Tausende von Marktbesuchern unterwegs sind, so wird es aber wenn man Räder schiebt, flott beengter und man muss Muße und Geduld haben. Die stellt sich jedoch sofort beim Schlendern ein, denn das Angebot an Fisch und Meeresgetier überwältigt einen.

In langen Kühltheken bietet man Fisch jeder Art, Schalentiere aller Größen und schon fertige Fischsalate und Pasteten fein dekoriert auf dicker Eisschicht an. Hinter der Theke stehen etliche Verkäufer, die jeden Wunsch erfüllen. Vor der Theke bildet sich die erwartungsfrohe Käuferschlange. Das Beobachten selbiger ist schon erlebenswert, sofern man den Blick überhaupt vom Warenangebot abwenden kann. 

Weiter geht‘s mit der Fleischerei- und Wurstabteilung. Dicke Würste und Terrinen lachen einen an. Deftig geht es zur Sache. Ganze gebratene Haxen warten, gekochte Schinkenstücke ebenfalls, und meist brodelt noch irgendwas in riesigen Töpfen. Das dazu passende Brot lacht einen am Nachbarstand an und scheint „nimm mich“ zu rufen. 

Die Pilzhändlerin hat alle Hände voll zu tun. Mehrere Sorten bietet sie an. Und sie scheint exzellente Ware zu haben, denn die Käuferinnen warten geduldig in langer Reihe. Und dies alles vor einer wirklich zauberhaften Häuserkulisse. Käse wird ebenfalls angeboten. Den Zusatz „von hier“ braucht es nicht. Man sieht, dass es sich bei den Händlern um Menschen handelt, die ihre Lebensmittel selbst geerntet, fabriziert oder gefangen haben. Da liegt der Luxus auch schon mal in schnöder Plastikkiste, nämlich die Auster, oder der Ziegenkäse nur auf Pergament ohne Gedöns. An einem nächsten Stand duftet es himmlisch aus einem besonders riesigen Topf. Mannomann, und weckt vor allem Appetit oder einfach nur die pure Lust. Der Topfrand ist voll mit karamellisierter Milch, so scheint es. Unter einer dickeren dunklen Schicht quillt stockiger Reis hervor. Ich nehme an, es ist ein im Ofen gebackener Milchreis. Über den könnte ich sofort herfallen. Aber ich beherrsche mich, muss es meiner Gesundheit zuliebe, leider leider. Der Anblick allerdings ist herrlich. Das muss reichen. Das Leben ist ungerecht.

Überhaupt geht es sehr locker zu. Wir haben den Eindruck, viele kennen sich, freuen sich am Markteinkauf bei bestem Wetter und plauschen hier und da. Männer sitzen in Cafés, Gläschen Wein vor sich, neue Männer kommen dazu, begrüßen sich mit Handschlag. Der Markt ist ein Treffpunkt, er hat gewiss sehr lange Tradition. 

Eine der nächsten Ecken verschafft mir Ablenkung. Zu schön sieht es hier aus am Flüsschen. Zudem beobachte ich einen Hundefriseur durch sein Schaufenster, der gerade einen Cocker Spaniel dazwischen hat. Zwei kleine Terrier stehen mit den Vorderfüßen auf der Fensterbank und beobachten genau das Geschehen auf der Gasse. Wir müssen lachen. Ich staune über die Hingabe des Friseurs. Er redet fortwährend mit seinem Kunden, schnibbelt und frisiert, das sieht echt lustig aus. Halt ein Friseur, die quatschen einen doch gerne mal zu. Und weiter hinten hat sein Kollege gerade einen weißen Westhighland Terrier in der Wanne und badet ihn, bereitet ihn quasi vor für‘s Waschen und Legen. Süß alles, wie die Ecken und Gässchen im Häusergewirr überhaupt. Sehenswert alles. 

An einem Stand lässt Marokko grüßen. Msemen wird angeboten, Tajine und süßes Gebäck. Aber die Wehmut nach diesem faszinierenden Land hält sich irgendwie in Grenzen. Wir kennen so Vieles von unseren langen intensiven Touren, aber in diesem Winter hat das Wetter den Leuten dort, und den Touris natürlich auch, das Leben echt schwer gemacht mit schlimmen vernichtenden Überflutungen und Schneefällen immenser Masse. Das war wirklich nicht mehr lustig. Mit diesen Gedanken besuche ich kurz noch die Kirche, dann zieht es uns weiter.

Pont Audemer hat was, gefällt uns wirklich gut mit seinen Gassen, durch die sich das Flüsschen windet, seinen Plätzen und Straßen. Es wirkt authentisch, man ist Teil des alltäglichen Lebens hier. Mit diesen schönen Eindrücken treten wir den Rückweg an, und mit treten ist auch treten gemeint, denn kräftig in die Pedale müssen wir schon treten, sehr kräftig, um uns wieder auf die windigen Höhen Richtung unserer Cidrerie zu schwingen. Aber es klappt, ohne Notarzt.

11.04.2026 Samstag

Genug der Landluft. Heute ziehen wir weiter. Im Ort besorge ich noch Baguette. Allerdings muss ich Geduld haben, die Kunden stehen Schlange nach Backwaren. Aber was hier schon wieder alles in der und auf der Theke liegt in dieser kleinen Dorf-Boulangerie. Nicht zu glauben! Und zu Preisen, auch nicht zu glauben! Ein Mann vor mir holt zwei kleine Kuchen ab, ein Baguette dazu, zahlt fast 70 €, und das klaglos. Ich frage mich, wie die Leute das hier machen, denn die Bausubstanz lässt häufig nicht auf hohes Familieneinkommen schließen. Auch wenn die Törtchen und Torten einfach nur hinreißend aussehen, derart aufwendig und unterschiedlich verziert sind, und daher natürlich ihren Preis kosten müssen, aber welcher Geldbeutel erlaubt den Kauf? Diese Frage wandert mit ins Womo und geht mit auf den Weg zur nächsten Station.