04.04.2026 Karsamstag
So, dann woll‘n w‘r mal … uns begeben Richtung Boucles de la Seine Normande auf die Route des Chaumières, die Route La Seine à Vélo und die Route des fruits in der Gewissheit, dass es für Einkäufe à la barrière noch zu früh im Jahr ist. Daher räumen wir erstmal unseren Liegeplatz im Port de Plaisance und laufen aus bis zum nächsten Supermarkt. Ein paar Dinge müssen noch beschafft werden, Ostermontag haben erfahrungsgemäß die Geschäfte geschlossen. Außerdem ziehen wir in ländliche Gegend, da sind die Möglichkeiten ohnehin begrenzt.
Schon bald hinter Rouen wird es sehr hügelig. Das Sträßchen steigt und fällt ganz ordentlich. Der Plan ist, der Seine zu folgen und tief in die erste Flussschleife hinunter Richtung Sahurs zu fahren. Klappt gut, statt bergauf und bergab geht es nun schnurgerade, dafür aber auf sehr schmalem Asphalt und durch dicht bewaldete Gegend. Auf der Route zu unserem heutigen Ziel liegen zwei Punkte, die wir uns ansehen wollen. Zunächst stoppen wir am Manoir de Villers, einem schmucken Schlösschen, eines der zahlreichen Prachtbauten, mit denen sich Adel und Klerus hier am Unterlauf der Seine Denkmäler setzten. Günstig liegt direkt daneben eine Parkmöglichkeit. Ungünstig ist aber, dass am Schloss alles verriegelt und verrammelt ist, wir uns wiedermal nur am Gitter die Nasen plattdrücken können. Schade, also weiter durch diese Ortschaft hindurch und schauen, wie es sich am Seine-Ufer sonst noch so wohnen lässt.
Entschädigt werden wir etwas dadurch, dass sich an der grauen zugezogenen Wolkendecke etwas zum Besseren zu verändern scheint, blinzelt doch der ein oder andere Sonnenstrahl hindurch und es zeigt sich stellenweise Blau, und das zunehmend, was hoffen lässt, denn unser nächstes Etappenziel kommt in Sicht, das Örtchen Saint-Martin-de-Boscherville mit seiner unübersehbaren Abbaye Saint-Georges-de-Boscherville. Sehr viel Verkehr herrscht plötzlich, rundum die Abtei sind alle Parkplätze belegt. Etliche Ordner stehen vor abgeriegelten Flächen, lotsen den Verkehr, und weisen uns sehr freundlich den Weg weiter nach unten. Ein größerer Asphaltplatz in den Wiesen tut sich auf, der sich auch prima als Nachtlager und den Besuch des Klosters eignet.
Gut untergebracht schreiten wir Richtung Abteikirche. Aha, hier löst sich das Rätsel der vielen Autos auf: heute ist Frühlingsmarkt im Jardin, dem Klostergarten, Hunde erlaubt, Eintritt 5 €, mittlerweile herrliches Wetter, strahlende Augen und wohlgelaunte Menschen um uns herum, was will man mehr an einem Karsamstag? Im Klostergarten der Klosteranlage, die eine der einst mächtigen Klöster am Unterlauf der Seine ist auf der Route des Abbayes Normandes, die in Rouen beginnt, den Schleifen der Seine folgt bis Le Havre und am Mont-Saint-Michel endet, sind viele weiße Verkaufspavillons aufgebaut. Da lässt sich heute aber Vieles bewundern.
Auch der bis hin zu einer Statue, die das Klostergrün beschützen soll, langsam ansteigende Klostergarten ist wunderschön, die Aussicht ebenfalls. Dicht an dicht hängen hier sicher die Birnen am Spalier. Weinreben fehlen selbstverständlich nicht. Wie an solchen Orten üblich, überfällt einen eine sinnlich beruhigende Muße, man geht nicht, man schreitet, man hört nicht, man lauscht, man guckt nicht nur, sondern lässt die Blicke schweifen.
Zu anderer Jahreszeit muss es hier sehr nach Provence aussehen, dann nämlich, wenn echter Lavendel den Klostergarten bedeckt. Dieses Kraut könne Dämonen vertreiben, glaubten einst die Menschen im Mittelalter. Die Mönche des normannischen Benediktinerklosters indes kannten die Heilkräfte des echten Lavendels. Sie holten die Aromapflanze aus dem mediterranen Süden zu sich ins Seinetal.
Damals 1114 hatten die Benediktiner nämlich die Überbleibsel eines älteren Augustinerklosters übernommen. Sie errichteten 1255 die prachtvolle Abteikirche, die als Meisterwerk der Romanik gilt, und legten hinter ihrem Mönchshaus diesen Küchen- und Heilgarten an, der Klosterküche und Klosterapotheke versorgte.
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Gartenarchitektur, passte sich den Moden der Zeit an und präsentiert sich heute als ein vier Hektar großer Gartentraum mit grünem Kreuzgang und akkurat geschnittenen Buchsbaumkegeln. Auf vier Terrassen gliedern sich die Blumenbeete und Obsthaine, Gemüsefelder und Heilpflanzen.
Der Abteikirche statten wir einen kurzen Besuch ab. Wie häufig, präsentieren sich Klosterkirchen sehr nüchtern und zurückhaltend, so auch diese des Saint Georges.
Unsere Weiterfahrt führt uns bald wieder ans Ufer der Seine, dem größten Fluss Nordfrankreichs. Rechts der Fahrbahn ragen steil die Kalkfelsen auf, durch die sich der Fluss seinen Lauf gebahnt hat. Die Häuser kleben am und im Gestein. Viel Platz ist nicht für Grund und Boden und Sträßchen. Es weitet sich aber in Richtung der mächtigen Schrägseilbrücke Pont de Brotonne, eine der wenigen, die die Seine im Unterlauf überspannen und über die wir uns hinüber schwingen ans andere Ufer, um durchs Seine-Tal mit seiner Flusslandschaft mit Wiesen und gestutzten Weiden zu unserem nächsten Ziel zu gelangen.
Mitten im Herz des Naturparks Boucles de la Seine Normande liegt unser SP La Palmeraie, der uns eher erinnert an Marokko oder zumindest die Côte d‘Azur. Aber auch hier gedeihen Palmen prächtig, wie sich unschwer schon bei Einfahrt auf das sehr gepflegte und extrem ordentliche Gelände feststellen lässt. Fein und großzügig ist es parzelliert, eine Lücke hat Sylvie, super freundlich, für uns reserviert. Das war nötig, denn ohne Reservierung hätten wir keinen Platz bekommen. Sehr happy wird der Rest des ereignisreichen Tages in der Sonne am Womo gegenüber einer Pferdekoppel verbracht bis die Lichter den Palmen und dem SP nochmal zu einem besonderen Glanz verhelfen.
05.04.2026 Ostersonntag
Österlich schön zeigt sich das Wetter nicht. Schade. Hat man einen warmen blauen Tag, wie gestern, schwupp ist man verwöhnt. Dennoch wird eine Jacke mehr angezogen und auf‘s Rad geschwungen. Vom SP aus radeln wir links am Seine-Ufer und später über die Landstraße. Mal sehn, was das Örtchen La Mailleraye-sur-Seine zu bieten hat. Schöne Häuser liegen vereinzelt in den Wiesen, eine Herde Kühe mit irren langen spitzen Hörnern kommt sofort an den Zaun galoppiert, stößt mit den Nasen an eine große leere Blechwanne, als wolle sie mir sagen, dass da was fehlt.
Im Ort herrscht Totenstille, kein Mensch unterwegs. Wir vermuten, Ostersonntag ist Familientag, da bleibt man zuhause und beisammen, vor allem, wenn das Wetter nicht zu einem Osterspaziergang verlocken kann. Da wir nicht den gleichen Rückweg fahren wollen, schlagen wir uns in die Büsche. Ich las, dass diese Gegend mit ihren Auenwäldern wie eine fast vergessene Landschaft wirkt und hier schon zahlreiche Werbefotos des “typisch“ ländlichen Frankreich geschossen wurden. Blaue, weiße und gelbe Blüten säumen den Waldrand, bevor uns der holprige Wald- und Wiesenweg durchs Sumpfland wieder zur Landstraße führt.
Zurück zum SP geht die Fahrt, allerdings planen wir um und radeln am SP vorbei, da wir uns noch die zweite Fähre in der Nähe vom SP anschauen wollen. Die erste fährt nämlich lt. Beschilderung nicht in Ferienzeiten.
An der Route liegen sehr hübsche Fachwerkhäuschen, eins gemütlicher als das andere mit meist absolut gehegten und gepflegten großen Gärten.
Und siehe da, diese Fähre fährt. Prima, dann werden wir morgen übersetzen auf das Land, in dem Milch und Honig fließen, oder besser: Cidre und Apfelsaft. Plan für morgen steht, der Abend kann kommen.
06.04.2026 Ostermontag
Für heute haben wir Frühlingswetter gebucht. Und es wird geliefert. Die Sonne hat schon richtig Kraft, schafft es aber kaum, zügig die fröstelnden Nachttemperaturen von manchmal nur 4 Grad hoch zu heizen. Dazu pfeift häufig eine steife Brise vom Meer kommend durch‘s Seine-Tal. Aber egal, Zwiebellook ist angesagt, damit haben wir ja Erfahrung. Die gestern bei trübem Wetter gefahrene Strecke zur Fähre mitsamt der Überfahrt über die Seine, die übrigens kostenlos ist, entpuppt sich heute unter dem strahlend blauen Himmel natürlich als etwas Besonderes, Ostern angemessen.
Am anderen Ufer der tiefen Seine-Schleife warten zwei weitere Besonderheiten auf uns. Zunächst ist das die Abtei von Jumièges und ihre Gärten im englischen Stil auf üppigen 15 Hektar. Majestätisch und von weitem sichtbar ragen die letzten Zeugnisse der normannischen Romantik mit ihrem Kirchenschiff gen Himmel. Nach der Revolution wurde sie zerstört, dennoch verlieh ihr Victor Hugo den Beinamen „schönste Ruine Frankreichs“. Gut, von außen frontal lässt sie so nichts vermissen, von innen vermissen wir letztlich alles, denn die Pforten werden gerade geschlossen, offen ist nur der kleine Shop, den ich mir kurz anschaue.
Anschließend gucken wir uns im Dörfchen um, sitzen in der Sonne und denken darüber nach, was sich hier wohl in touristischen Hochzeiten abspielen mag.
Danach geben wir uns der zweiten Besonderheit hin, nämlich der Route des Fruits, der Früchteroute. Sie läuft 60 km lang durch das tellerflache Land in dieser Schleife, die sich uns im Moment blühend präsentiert. Was haben wir ein Glück! Zwei Wochen eher und keine Blüte wäre zu sehen gewesen, 2 Wochen später und alle Blüten wären sicher braun oder schon abgefallen. Es ist Freude pur, das so zu erleben.
Wir fahren vorbei an endlosen Obstgärten mit kleineren und größeren Höfen. Ländliche Idylle pur, eben nicht getrimmt, immer mit einem Hauch französischer Lässigkeit. Damals waren es die Mönche der Abtei von Jumièges, die um den Wert der Kreidefelsen des Tals der Seine wussten. Sie erkannten, dass sich das herrschende Mikroklima, das zurückzuführen ist auf die Anwesenheit des Flusses, auf geringere Niederschlagsmengen und die weißen Kreideklippen, die die Wärme reflektieren und vor kalten Winden schützen, perfekt für den Obstanbau eignet und begannen, gemeinsam mit den Bauern der Seine, Obstbäume zu kultivieren.
Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel gibt es hier im Überfluss, wenn‘s denn an der Zeit ist. Wir nehmen jetzt mit den Blüten vorlieb, können noch keinem Obstbauern à la barriere, übern Gartenzaun, etwas abkaufen.
In vielen Gärten, wie überhaupt in der ganzen Gegend hier, sehen wir Nutz- und Haustiere aller Arten. Überall gackert es, schnattert, schnaubt und muht. Alles strahlt große Friedlichkeit aus. Ein wenig scheint die Welt hier still zu stehen, was sehr wohltuend auf einen wirkt. Kann auch am Cidre liegen, wer weiß. Jedenfalls wird der hier vielfältig eingesetzt. Ich las, man höre und staune, dass die normannischen Rinder mit ihren typischen rotbraunen Augenringen, wenn sie abends von den Sommerweiden am Seine-Ufer zurück in den Stall kommen, 15 Liter Cidre kredenzt bekommen und den tatsächlich trinken. Vier Monate lang dürfen die Ochsen den hausgemachten Apfelwein kosten. Dazu serviert z. B. der engagierte Rinderzüchter François-Xavier Craquelin ein tierisch leckeres Dinner, denn im Stall gibt es zum Cidre ein Bio-Menü aus Luzernen, Zuckerrübenschnitzeln, Erbsen und Getreide, untermalt von klassischer Musik. Ab und an ergänzen Massagen das Verwöhnprogramm für seine normannischen Rinder. „Das macht die Tiere glücklich und das Fleisch besser, wie das Bier beim Kobe-Rind, der Cidre macht bei meinen Tieren das Fleisch der Normandie-Rinder fetter und saftiger und verwandelt es in Bœuf Cidré, nämlich zart im Fleisch und doch typisch Rind, kraftvoll und herrlich marmoriert.“ Prost! Mahlzeit!
Irgendwo liegen große Seen und leuchten tintenblau. Über einen Damm können wir halbwegs umrunden, ehe wir uns wieder auf den Weg zurück zur Fähre machen.
Auf den anliegenden Terrassen der schmucken Häuschen qualmt es, riecht nach Gegrilltem oder Kaffee und Kuchen. Die Familien sitzen beisammen, Ostern wird offensichtlich zusammen gefeiert. Ob die auf dem abends vorbeiziehenden Flussdampfer auch feiern oder sich bei einer morgendlichen Ostereiersuche verausgabt haben? Man weiß es nicht.
07.04.2026 Dienstag
Schön ist es hier, daher bleiben wir einen weiteren Tag. Herrlich warm ist es gemeldet, und tatsächlich ist TShirt-Wetter, sogar Schwitzen angesagt bei 27 Grad. Man glaubt es kaum. Bei der Gassirunde am morgen kann Wim sehen, dass die Fähre zur Linken auch fährt. Prima, dann setzen wir dort mal über nach Yainville und rollen das ganze Schleifengedöns des Naturparks Boucles de la Seine von hinten auf. Im Ort ist tatsächlich eine Boulangerie, die uns süße Teilchen verkauft. Das hat Seltenheitswert, absolut untypisch für Frankreich, aber offenbar für die Normandie nicht. Denn hier ist man teilweise sehr abseits der Zivilisation, abseits von Carrefour und Intermarché, was bedeutet, man muss Vorratswirtschaft betreiben und vorsorgen und auch schon mal altes Brot essen. Ist den Mönchen der Abtei, an der wir bald darauf hintenrum vorbei radeln, bestimmt auch schon passiert.
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Ziel sind heute wieder die Seen. Bade- und Pudertag für das Chianga-Mäuschen. Und sie macht ausgiebig davon Gebrauch mit vollem Genuss.
Auch das Durchkreuzen des Schleifenlandes von dieser Seite her ist herrlich. Immer tut sich etwas auf, immer ist Staunen sicher, immer auch Aufatmen angesichts der wunderbaren Naturlandschaft.
Der Tag endet mit Sonnenbrand auf der Nase, im Schatten am Womo sitzend und vorbeiziehendem Schiffsverkehr. Flussabwärts von Rouen gleiten Containerschiffe unter den hohen Schrägseilbrücken von Brotonne, weiter zum Meer hin in Tancarville und dem Pont de Normandie hindurch. Wenig weiter tuckern Lastkähne, die péniches, schwer beladen nach Paris oder eben Passagierschiffe mit, wie wir, erlebnishungrigen Touris.
08.04.2026 Mittwoch
Abreise steht an. Genug der Palmeraie, so schön es hier auch war. Wir haben uns sehr wohlgefühlt, aber nun muss etwas Neues her, es muss ja irgendwie weitergehen im Leben. Die liebenswerte Sylvie schenkt uns beim Bezahlen doch tatsächlich zwei Becher. Die Geste ist toll, haben wir auch noch nie erlebt, und spiegelt die ganze Atmosphäre und den guten Geist des SP wieder. Bei feinem Wetterchen ziehen wir dahin.