von Longpont bis Paris

25.03.2026 Mittwoch

Wir verlassen Longpont und das feine Fleckchen im Schatten der Abtei und gurken aus dem Tal nach oben auf die N2. Rechts und links erstrecken sich Wälder, die Jagdleidenschaft, die im kleinen Hotel in Longpont reichlichst an Nägeln an den Wänden hing, erklärt sich mir jetzt. Hier wird wohl gerne zum großen Hallali geblasen. Himmelblau und Aschegrau wechseln sich am Himmel ab, echtes April-Wetter. Zu irren Sturmböen gesellen sich Graupelschauer, dass es nur so klatscht. Und wie aufgezogen, so schnell sind sie auch wieder abgezogen. Die 100 km bis zu unserem heutigen Ziel sind dennoch trotz der Wetterkapriolen entspannt abzureißen. Es herrscht wenig Verkehr, unser Navi-Rüdiger leistet vorzügliche Arbeit, denn so rein und durch Paris, jawoll, da hört man die schlimmsten Storys. Alles klappt hervorragend, was evtl. auch daran liegt, dass sozusagen alle Fahrzeuge sehr langsam unterwegs sind, meist 60 km/h, obwohl 70 erlaubt wären. Es gibt kein Geklemme, Gequetsche, Abdrängen oder sonstwas, nein, geschmeidig ziehen alle dahin. Wir sind echt überrascht und kommen so sehr gelassen nach Passieren der Pariser Vorstadt im Bois de Boulogne und unserem reservierten CP am Ufer der Seine an. Auch die Anmeldung geht freundlich und ruckzuck über die Bühne, nicht mal Pässe müssen vorgelegt werden. Platz 301 ist für uns, ziemlich am Ende, also suchen. Es zeigt sich, dass das echt die letzte Ecke ist, schlammiger unebener ansteigender Wiesenboden im Gegensatz zu vielen anderen ebenen fest geschotterten Parzellen, zudem fast mittig ein Baum. Ne ne ne, so geht das nicht. Wir drehen eine Runde, suchend, oder besser: mehrere. Reinpassen müssen wir, ohne tiefhängendes Geäst, das ist wohl das Mindeste. Und ab jetzt läuft‘s unentspannt. Fiel kein genervtes Wort quer durch Paris, so aber jetzt. Und sag mir keiner, solche Momente seien nicht für handfeste Kräche zwischen einem reisenden Paar geeignet. Letztlich haben wir ein paar Parzellennummern rausgeschrieben, ich kläre das mit der Rezeption, alle schon belegt bzw. reserviert, schöner Mist, aber ein junger Mann widmet sich sehr verständnisvoll, sieht ein, dass ein Baum in Platzmitte nicht so der Renner ist und sucht und sucht und findet Parzelle 347. Die wird angesteuert, rangiert, und tatsächlich Schnauze an Seine, wunderbar, besser geht nicht. Na, warum nicht gleich so. Gemüter kochen runter. Paris, wir wären dann soweit.

Am späteren Nachmittag lockt es uns. Eine Erkundungstour so zum Eingrooven in Lage und Gegend und Verkehr muss sein. Also auf die Räder. Maps bietet sofort eine geeignete Radroute durch den angrenzenden Bois de Boulogne an, der wir vertrauensvoll folgen. Kurz hinter dem CP abbiegen, und schon hat uns die Route Richtung Tour Eiffel, den wir in knapp 5 km erreichen könnten. Könnten, wie gesagt. Aber so wird das nichts. Der maps-Radweg führt über einen Trampelpfad, ausgelatscht, 2 Füße breit, eigentlich unbefahrbar, rundum Wiesen und Wäldchen und Menschen, die ihre Pferde bewegen. Ja sag mal! Ein Stück weit quälen wir uns über ein Geläuf, die Pferdespur, kommen dann aber irgendwie zu breiteren Waldwegen und irgendwo auf Asphalt. Schon etwas enttäuscht und entmutigt, knapp vorm Umdrehen, beißen wir uns doch durch Richtung Eiffelturm. Wäre doch gelacht, wenn wir den heute nicht zu sehen bekommen. Und plötzlich bietet die Gegend feinste Häuserzeilen, feinste Parks, feinsten Verkehr. Letzterer so im Moment für uns noch gar nicht fein. Lieber Himmel, ein Gewusele ohne Ende. Da müssen wir erstmal durchsteigen, wie Radspuren verlaufen könnten. Schlussendlich fügt und findet es sich, auch wenn uns gelegentlich ein Bus im Nacken sitzt oder ein PKW knapp die Kniescheibe streift. Et hätt noch immer joht jejange - gut, Gottvertrauen und Galgenhumor radeln mit. Und ebenso mein Grundsatz seit 100 Jahren: „Da wo ich fahr, fährt kein anderer!“. Er bewährt sich heute mal wieder ausgezeichnet. Und dann, am Palais de Chaillot vorbei, isser da … der Tour Eiffel. Zuerst lugt er nur irgendwo heraus, dann nimmt er Gestalt und Form an und steht vor uns am anderen Ufer der Seine in voller Pracht. Ein wahrhaft faszinierender Anblick. Und zum inzwischen komplett aufgerissenen Himmel erstrahlt der eiserne Turm zur Freude vieler Besucher. Ein Genuss! Auf der Rückfahrt zum CP, die bestens fluppt, ist die zunächst leidvolle Routenführung vergessen, und es überwiegt die Begeisterung und die Vorfreude auf morgen, denn morgen tun wir es wieder. Hurra, wir leben noch!

26.03.2026 Donnerstag

Und heute starten wir gut ausgeruht zum nächsten Überlebenstraining. Die Schönheiten der Stadt der Liebe locken. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage klingt nicht besonders Outdoor tauglich, aber wir haben keine Zeit zu vergeuden und auf besseres Wetter brauchen wir nicht zu warten. Außerdem soll heute wettermäßig noch der beste Tag sein. Daher planen wir, das weiteste Ziel anzusteuern: Montmartre mit Sacré-Cœur. Die Beschreibungen der einzelnen Sehenswürdigkeiten halte ich knapp, wie gesagt, kann Google das besser. Bei bestem Wetter fahren wir los, die Sonne täuscht allerdings, nur 9 Grad wird angezeigt. Aber sie beflügelt und macht viel Lust auf das was kommt. Es kommt schon mal blühender Flieder am Rand des großen Waldgebietes, das mit ca. 5 km durchfahren werden muss, bevor das Pariser Zentrum naht. 

Dann kommt nach einigen Windungen, Kreisverkehren und reichlich Verkehrsteilnehmern am Ende der breiten Prachtstraße Avenue Foch der Arc de Triomphe in Sicht. Bombastisch! 

Vorbei an atemberaubend schönen alten und nicht enden wollenden Hausfassaden geht die Fahrt weiter, und wir passieren auf dem Boulevard Courcelles den romantischen Parc Monceau aus dem 18. Jahrhundert.

Auf dem Boulevard de Clichy fällt Eva ein Apfel ins Auge, die sehr schöne Skulptur „La Quatrième Pomme“, bevor Wim sehnsüchtig vor dem gleich darauf erscheinenden Moulin Rouge innehält. 

Sehnsüchteleien helfen im Moment nix, ein Apfel ist nicht verfügbar, langbeinige Strapsträgerinnen ebenfalls nicht. Wir brauchen alle Konzentration auf unseren Drahteseln, denn der 131 m hohe Hügel Montmartre will erklommen werden. Mit Gedanken an die Tour de France und mit Schmunzeln strampeln wir, Wim mit Chianga hinten dran mehr als ich, über das holprige Kopfsteinpflaster hinauf. Glitschig ist es, denn es nieselt leicht, schlägt dann um in einen bestialisch eisigen Graupelschauer, der in Windeseile meine Fahrradkörbchen mit dicken Eiskörnern überzieht und uns nach oben peitscht. Wahnsinn! Da schickt man doch keinen Hund vor die Tür, außer das Chianga-Mäuschen, das aber hinten im Hänger auf dicken Hundekissen und eingemoppelt in Mamas Tagesdecke ohne Murren mitzieht. Das Ziel ist erreicht, fotolos, das Hochplateau hat uns. Und wir stehen vor der wunderschönen Basilika aus 1914, der weißen Kuppelkirche Sacré-Cœur. Und Paris liegt ihr und uns zu Füßen. 

Von einer Besichtigung sehe ich ab, obwohl sich das Wetter wieder mir nix dir nix bessert. Die Warteschlange ist zu lang, wir leicht nass und unterkühlt, da ist Bewegung und Schlendern durch die verträumten Gassen rund um den Place du Tertre die bessere Idee. Gemütlich wirkt alles, Restaurants und Cafés warten auf Gäste. 

Auf dem Plätzchen stellen Künstler ihre Werke aus, Touristen sitzen brav still, lassen sich malen und freuen sich auf ihr Portrait. Ein Hauch Pariser Kultur und Kunst schwebt über allem, lebendig und trotzdem entspannend, erlebenswert. Und dann geht‘s wieder hinab mit uns.

Unten angekommen liegt ein Bistro in der Sonne und wie passend meldet sich der kleine Hunger. Calamares und gebackener Camembert schmecken. Gestärkt ziehen wir durch das berühmt berüchtigte Vergnügungsviertel Pigalle mit seinen Straßenzügen voller Sex-Etablissements und radeln bald darauf an der imposanten Opéra vorbei. 

Ein kurzes Stück über die Avenue de l‘Opéra und schon schlüpfen wir unter einem Torbogen hindurch, und die städtische Enge weicht einem riesigen Platz. Riesig, riesig riesig, mit ebenso riesigem imposanten Gebäudekomplex ringsum: der Place du Carrousel. Mittlerweile wärmt die Sonne sehr angenehm und wir genießen die Blicke rundum, auf die Pyramide du Louvre und die Menschengrüppchen.

Mitten auf dem Platz ragt der Arc de Triomphe du Carrousel gen Himmel. Ein schnell aufziehendes, sehr dunkles Wolkenband schafft eine dramatische Atmosphäre und Triumphbogen, historische Gebäude und Statuen wirken noch bombastischer. 

Glücklicherweise kommt kein Gewitter nieder und wir können uns, unsere Räder schiebend, den Schönheiten des Jardin de Tuileries hingeben. Es ist eine Pracht, eine einzige Pracht. 

Überall stehen Stühlchen für Besucher, die auch genutzt werden. Auch rund um die beiden Wasserbecken Grand Bassin Ronde und Bassin Octogonal haben Menschen Platz genommen und genießen. 

In Geradeausrichtung steht unübersehbar der Obelisk auf der Place de la Concorde, einem großen öffentlichen Platz, der ehemals Hinrichtungsstätte war. Etwas gruselig ist das schon, und wir verlassen den Platz ziemlich zügig, um die Prachtstraße schlechthin, die Avenue des Champs-Élysées, flott abzuradeln, drehen eine Runde im Fahrzeugdickicht am Arc de Triomphe und kommen nach 32 km durchgenudelt aber happy am CP wieder an. Bedenken wegen schlechtem Schlaf heute Nacht werden unbegründet sein.

27.03.2026 Freitag

Wir sind hier in Paris nicht zu unserem Vergnügen, nein, nein, die Stadt will/muss erkundet werden. Also Schlechtwetterprognose hin oder her, Mützen an, Wollsocken und wetterfestes Schuhwerk, einen Pulli mehr und noch ne Weste unterm Anorak, und es kann losgehen bei zugigen 10 Grad. Wir fühlen uns sicher, wir schwimmen mit im fließenden Verkehr, mit oder ohne Fahrradspur. Läuft bei uns. Und es macht zunehmend sehr viel Spaß. Heute steht das Seine-Ufer auf dem Plan. Möglichst flott wollen wir es erreichen, und zwar an der Stelle, wo die Statue de la Liberté auf einer kleinen Insel in der Seine steht. Sie wurde 1881 enthüllt, ist 11,5 m hoch und eine Nachbildung der Freiheitsstatue. Klappt. 

Bei sehr bedecktem Himmel radeln wir am Ufer entlang, den Eiffelturm immer mit dabei. Wir passieren die mit Blattgold verzierte Fackel zum Gedenken an die amerikanisch-französische Freundschaft und inoffizielles Denkmal für Lady Diana, die im darunter liegenden Tunnel ums Leben kam. 

Im Jardin d’Erevan entsteigt unsere Chianga ihrer Senfte und darf sich etwas die Füße vertreten. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Pont Alexandre III., die nach einem russischen Zaren benannte kunstvoll gestaltete Bogenbrücke aus dem späten 19. Jahrhundert, die die Seine überspannt, und auf den Invalidendom, den wir jetzt aber erstmal nicht besuchen. Eine Skulptur fällt uns besonders auf: das Monument du Génocide Arménien. Es ist immer wieder erstaunlich, wie einen eine metallene Gestalt packen kann. Diese hier steht für die 1,5 Millionen Armenier, die durch die Türken ihr Leben verloren haben. 

Zunächst geht es noch ein Stück am Seine-Ufer entlang, bis wir irgendwo die Seite wechseln und am gestern besuchten Obelisk, den Gärten der Tuilerie und dem Louvre vorbei radeln. 

Flott kommen wir an der Pont Neuf an und hinüber geht die Fahrt auf die Île de la Cité. Und unser Tagesziel zeigt sich: die Cathédrale Notre-Dame de Paris. Natürlich denkt man an den verheerenden Brand, kann sich kaum vorstellen, dass hier in einer doch gewissen Enge alles lichterloh brannte. Aber Brandspurensuche Fehlanzeige. Keine Spur erkennen wir an der Fassade, kein Übergang zu sehen zwischen alter und neuer Bausubstanz. Menschen stehen auf dem Vorplatz, aber ich nehme mal an, dass es eher wenige sind, dass sich das z. B. über Ostern hier tummeln und stapeln wird. Da die Sonne scheint, entschließen wir uns, dass Wim wartet und ich mich in die Reihe der Anstehenden stelle. Etliche Warteschleifen sind eingerichtet, Drängelgitter leiten den Besucherstrom. Aber es geht total zügig, man bleibt immer im Tritt, und so komme ich schnell trotz vieler Besucher im Innenraum der Kathedrale an. Eintrittsgeld wird nicht verlangt. 

Im Inneren strömt mir sofort eine gewisse Freundlichkeit, eine helle Geborgenheit entgegen. Man fühlt sich wie umarmt, angenehm allein, obwohl umringt von Menschengruppen. Die zahlreichen Kronleuchter fallen auf, die vielen Stühle für die Betenden, die üppig bunt bemalten Säulen, die Kapellen und Deckengewölbe, und, besonders zu erwähnen, die Kerzentische, auf denen auch Räucherstäbchen brennen. Ach, man weiß wirklich nicht, wohin man gucken soll. 

Im Fluss der Betrachtenden schwimme ich mit, hab aber viel Raum, auch mal beiseite zu stehen. Es herrscht kein Geschiebe oder Gedränge, still bewegt sich der Fluss dahin, eine zarte Stimme aus dem Off bittet immer mal wieder in mehreren Sprachen Stille zu bewahren. Sehr unangenehm fallen mir Influencer besonders älteren Semesters auf, man glaubt es kaum, die absolut ignorant, extrem affig und langwierig ihre besten Posen vor besonderen Hintergründen mit Peace-Zeichen und Haare zurecht schmeißen und heimlich Kappe aufsetzen und gekünsteltem Grinsen darbieten, um das Selfie der Selfies zu fabrizieren. Das geschieht der Welt entrückt, nur für sich entzückt quasi. Richtig widerlich. Das ist aber auch der einzige negative Punkt, den ich Wim nach meiner Rückkehr ins Tageslicht berichten kann. Und er marschiert auch los zur Besichtigung und kommt ebenso begeistert zurück. 

Wir schieben ab zum Radweg an der Seine entlang, den wir möglichst weit fahren wollen, auch wenn der Fluss eine gewaltige Schleife, die Umweg zurück zum CP bedeutet, macht. Zunächst radeln wir sogar auf rosa gestrichenen Wegen vorbei an vielen Verkaufsständen der Künstler oder Verkäufer von Souvenirs. An beiden Uferseiten stehen denkwürdige beeindruckende Bauten. Über die alten Brüstungsmauern kann man die vielen Brücken über die Seine sehen. Es ist einfach trotz etwas grauem Wetter eine sehr tolle Tour die viel Spaß macht und die am Womo nach wiedermal 30 km endet. 

28.03.2026 Samstag

Der letzte Tag in Paris bricht an. In der Nacht regnete es häufig. Tagsüber meldet der Wetterfrosch aber Trockenheit. Mal sehn, jedenfalls scheint schon die Sonne. Auf der Seine vor unserer Nase tut sich was. Mal abgesehen davon, dass die vor Anker liegenden Kutter in unserer Umgebung ohnehin bewohnt sind, paddeln jetzt ein paar Boote herum. Abgehärtete Jogger in kurzen Hosen sausen am Uferpfad entlang. Man zwingt den Frühling herbei. Unser Plan für heute steht: Fondation Louis Vuitton, Champs-Élysées, Invalidendom, Panthéon, Quartier Latin. Helm auf und … Mist … Wim vermeldet beim Fertigmachen der Räder, dass sein Akku nicht geladen hat. Ach Du Schande … also Helm wieder aus, Akku an die Dose, ärgern und warten. Evtl. erleben wir bei so später Abfahrt noch Paris bei Nacht. Gegen Mittag hat sich das Akku soweit vollgesogen, dass zumindest ich versorgt bin. Mein Verbrauch ist ja wegen des fehlenden Anhängers geringer. Es kann endlich losgehen. Wir ziehen heute vom CP aus mal nach links in die Büsche des Bois de Boulogne, etwas rumpelig ein kurzes Stück über einen Wiesenweg, weiter durch einen gepflegten Park mit großen Teichen und vielen Besuchern bis zur Avenue du Mahadma Gandhi und kommen schnell zum heutigen Etappenziel Nr. 1: Fondation Luis Vuitton, ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in einem einzigartigen Gebäude, das in der Frühlingssonne glänzt und funkelt. Man meint, ein futuristisches Segelschiff gleitet durch die Meere. Ein phantastischer Anblick. 

Von dort geht‘s wieder über die prächtige Avenue Foch hin zum Arc de Triomphe und auf die Champs-Élysées. Wir rollen langsam bergab vorbei an nobelsten Adressen und am Straßenrand schon unwirsch mit den Hufen scharrenden hochpreisigen Boliden. Erwähnte ich schon einmal, dass mich meine Armut ankotzt ;-)?

Vor der Pont Alexandre III. kommen wir zum Stehen. Das Gran Palais, eine Jugendstil-Ausstellungshalle aus 1900, lässt uns staunen, bevor wir die Überfahrt und die Aussicht auf die Seine genießen. 

Lang dahin gezogen liegt am anderen Ufer nun der Dôme des Invalides, der Invalidendom, mit seiner 100 m hohen goldenen Kuppel, eines der bekanntesten Wahrzeichen von Paris, die heute herrlich im Sonnenschein funkelt. Das Gold, so las ich, wurde damals in Schwabach in Deutschland hergestellt. Er bildet zusammen mit einer Soldatenkirche und riesigen Militärmuseen eine weitläufige Anlage, die auch Hôtel national des Invalides genannt wird. Ursprünglich als Kirche gedacht, wurde er 1840 zur Grabstätte für Kaiser Napoleon umgebaut. Wir spazieren nur etwas in den Außenbereichen herum, bevor unsere Aufmerksamkeit von einer Truppe wie wildgeworden rasenden Polizisten auf Motorrädern mit Blaulicht und Sirenen gefordert wird. Sie eskortieren eine äußerst kostspielige Blechkarawane, die zusammenaddiert mehrere 1000 PS unter den Hauben hat und voller Inbrunst und mit Getöse den Invalidendom umkreist. Wer hat der hat. 

Nicht weit entfernt liegt unser nächstes Ziel, das Panthéon, Ruhmeshalle und imposantes Mausoleum aus dem 18. Jahrhundert. Hier ruhen die sterblichen Überreste bedeutender französischer Bürger, z.B. Voltaire und Marie Curie. Meinen kurzen Anstellversuch in der Warteschlange breche ich bedauernd ab, die Schlange ist ellenlang und es bewegt sich nichts. Schade, gern hätte ich mich im Inneren umgesehen. Aber heute sind ohnehin wesentlich mehr Touristen unterwegs als die Tage zuvor. Man merkt wohl, dass es auf Ostern zugeht und dass Wochenende ist. 

Nun werden wir uns noch eine andere Seite der Stadt Paris anschauen und sind um die nächste Ecke um die Sorbonne-Universität herum auch schon mitten im Quartier Latin angekommen, einem sehr malerischen historischen Studenten- und Gelehrtenviertel, das Geschichte und typisch pariserische Atmosphäre miteinander verbindet. Auf einer der ältesten Marktstraßen Paris, der Kopfsteinpflasterstraße Rue Mouffetard, schlendern wir und schieben die Räder. Hier wird man erinnert an das mittelalterliche Paris. 

Und das Angebot an Waren und Lecker- und Schlemmereien ist groß. Viele schöne Läden mit tollen Auslagen findet man. Der Duft von brutzelnden Crèpes zieht durch jede Ritze der schmalen Gasse. In einem kleinen Mittelteil der Rue ist das Warenangebot zwar touristischer, aber was soll‘s, man kann es getrost ausblenden.

Am sehr geschätzten Place de la Contrescarpe setzen wir uns auf einen Steinblock am runden Brunnen und verzehren einen Croque Monsieur, da leider alle Sonnenplätzchen in den umliegenden Cafés besetzt sind und bleiben. Dies war sicher auch früher schon so, als dieses Viertel Treffpunkt der Intellektuellen war und die Philosophen der Aufklärung, später die Hitzköpfe der Revolution und die Dichter der Romantik hier verkehrten. 

Wir müssen nun auch wieder verkehren, nämlich Richtung CP. Es wird langsam deutlich kühler, heftiger Wind weht, und der Weg zurück ist locker nochmal 15 km. Einen kleinen Eindruck des eleganten Stadtviertels Saint-Germain nehmen wir noch mit, rollen talwärts zum Ufer der Seine, das sich im allerbesten Licht präsentiert, erhaschen noch einen letzten phantastischen Blick über die Fluten hinweg zum herrlichen, alles überragenden Eiffelturm und kommen irgendwann frierend, aber zufrieden am Womo an. Mein Akku hat durchgehalten. Ein Glück! Ein größeres Glück ist aber der Rückblick auf die letzten Tage in Paris, auf die unvergesslichen Eindrücke, die vielen Bilder in uns und den Spaß beim immer forscher werdenden Mitmischen im Verkehrsgewimmel auf Drahtesel. Also wer Adrenalin braucht und keine teuren Bungee-Jumping- oder Hai-Watching-im-Käfig-Aktionen bezahlen möchte, dem sei „Radeln in Paris“ empfohlen, wärmstens. Und ab morgen wird‘s entschärfter, vermutlich. 

29.03.2026 Sonntag

Heute reisen wir weiter. Kurzentschlossen wurde Versailles eingeschoben. Auf dem CP habe ich gestern online reserviert und bezahlt. Sicher ist sicher. Der Himmel über Paris ist blau, viel haben wir gesehen, Vieles ganz sicher übersehen, und Museumsbesuche fielen wie schon damals in Wien ins Wasser. So ist das eben bei Hundemenschen. Hart und unerbittlich. Aber es spielt für uns keine Rolle. Es ist wie es ist, und Mona Lisa und ich haben vor Jahren schon Bekanntschaft gemacht im Louvre. Zufrieden und glücklich packen wir daher zusammen und ziehen am Seine-Ufer dem neuen Ziel entgegen. Ich wüsste nur noch gerne, wieviele Hausboote hier auf der Seine liegen und auch, wieviele Balkone mit Eisenbrüstungsgeländer es in Paris gibt. Millionen, schätze ich.