08.04.2026 Mittwoch
Da noch Vorräte ran müssen, schwingen wir uns nach Verlassen des schönen SP La Palmeraie noch kurz über die Pont de Brotonne in einen Supermarkt. Ganze 14 km trennen uns vom heutigen Tagesziel. Da kann man es doch so richtig langsam angehen lassen. Man denkt nun vielleicht, ach, da hätte man ja auch auf dem letzten Platz stehen bleiben können. Aber nein. Dem nächsten mit viel Vorfreude überfrachteten Ziel unserer Tour gilt es, möglichst nahe zu kommen. Und das ist die Route des Chaumières. Im kleinen Ort Vatteville-la-Rue soll sie für uns beginnen. Wir folgen dem Lauf der Seine flussabwärts. Durch die leichte Höhenlage ergeben sich immer wieder schöne Ausblicke auf die hoch aufragenden Kalksteinklippen und Wälder auf der anderen Seite. Die wenigen Kilometer sind natürlich im Nullkommanix abgerissen, und wir laufen an Kirche, Friedhof und Maire ein.
Hier auf dem glücklicherweise fast freien Parkplatz ist Übernachten erlaubt. Unter der blühenden Pracht finden wir tatsächlich eine Lücke, die höhenmäßig passt, ohne Äste abzubrechen und Flurschaden anzurichten. Es ist wiedermal ein herrliches Fleckchen. Einige Leute fahren und gehen vorbei, winken und grüßen freundlich. Da lässt man sich doch guten Gewissens gerne nieder.
Früh am Tag ist es noch, so können wir unsere Radtour starten, die Route der Reetdachhäuser (Route des Chaumières) erwartet uns. Hierbei handelt es sich um eine malerische Strecke von über 50 km, die hauptsächlich im Naturpark Boucles de la Seine Normande verläuft. Sie ist bekannt für ihre an die 200 traditionellen Häuser mit Strohdächern und führt durch das Seine-Tal, oft parallel zum Flusslauf, und verbindet die charmanten Dörfer mit gut erhaltener, typisch normannischer Architektur. Zwei besonders schöne Örtchen können wir heute in ca. 10 km leicht erreichen und sehen schon in unserem Dorf einige von diesen historischen Häusern. Es ist wirklich zum Staunen, diese bepflanzten Firste der Dächer zu sehen, auf denen noch manches Iris-Blau strahlt. Warum es zur Tradition gehört, dem Haus solch einen quasi Irokesen-Look zu verpassen und warum gerade mit Iris und warum dann in Blau und in Gelb, das habe ich noch nicht herausgefunden, werde es aber nachtragen, sobald sich das ändert.
Weiter geht die Fahrt überwiegend über ein schmales Landsträßchen, das sich in zahlreichen Kurven durch den Forêt de Brotonne, den lichten Eichen- und Buchenwald von Brotonne schlängelt. Radwege braucht es nicht, denn es herrscht kaum Verkehr. Die höher gelegene Straße folgt durchgehend dem Lauf der Seine, die sich in malerischen Mäandern durch die Normandie windet und deren blaue Fluten wie ein breites blaues Band immer wieder zwischen den Bäumen zu uns nach oben leuchten. Nicht umsonst sagt man der Gegend besondere landschaftliche Schönheit und ländliche Idylle nach, die auch für das erste Dörfchen Aizier gilt, das wir aber nur durchfahren und erst auf dem Rückweg genauer anschauen wollen.
Wenige Kilometer weiter wartet Schnuckelhausen in Reinkultur: Vieux-Port. Ja sag mal, was duckt sich denn hier in eine waldige Biegung der Seine-Hügel? Verschlafen liegt das Nestchen hier, man wagt nicht, laut zu sein. Einfach zauberhaft schön sind die Blicke auf die sich unter übergroßen Strohhüten duckenden charmanten Fachwerkhäuser, umgeben von hübschen Blumengärten, malerisch traditionell die mit Iris bepflanzten Firste der Dächer. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.
Längere Zeit vertrödeln wir auf einer Bank im Sonnenschein und genießen das Panorama auf das Seine-Tal und die schöne Natur- und Sumpflandschaft, deren Wahrzeichen die Chaumières sind. Wurden die aus Materialien der Gegend errichteten Katen aus Kalk- und Feuerstein, Lehm und Fachwerk, früher von Bauern und deren Familien bewohnt, so scheinen sie heute eher Ferienzwecken zu dienen. Aber es spielt keine Rolle, denn so bleibt ihr Erhalt gesichert. Gerne würde ich mir mal eine von innen ansehen, aber das Glück haben wir natürlich nicht. Rechteckig und eher schmal ist der Grundriss, die Bewohner sollten ebenerdig von einem Raum in den anderen gelangen können, ohne Treppen benutzen zu müssen. Sehr fortschrittlich - und seniorenfreundlich - gedacht. Durchdacht ist natürlich auch die Bauweise ansonsten. Das Strohdach hat nämlich eine starke Neigung mit tiefem Überstand, erleichtert so das Abfließen des Regenwassers und schützt den Giebel, an den häufig eine Treppe zum Dachboden angelehnt wurde. Je nach Standort ist es gedeckt mit Weizen-, Roggenstroh oder mit Schilfrohr, deren Stängeln von unten nach oben auf das Dach gelegt werden. An der Spitze angekommen, werden die Strohhalme gebogen und zusammengebunden. Anschließend werden sie, und jetzt kommt das ganz Besondere, zusammengehalten von einer dicken Schicht Erde, in die gepflanzt wird, meist Iris. So erlebt man hier an und auf diesen Hinguckern jedes Jahr einen blau blühenden First. Unglaublich!
Ähnlich malerisch ist das Örtchen Aizier, das wir dann auf unserem Rückweg durchstreifen. Auch hier lebt man unter Stroh, liegen wird man darauf nicht mehr. Und allenfalls wärmt einen der Hund, wärmendes Nutzvieh wie vor Generationen hat ganz sicher keinen Zutritt mehr.
So ändern sich die Zeiten, die Temperaturen mittlerweile ebenfalls, wir kommen nämlich bei 25 Grad nach einem Schlenker durch unser Gastdorf am richtig überhitzten Womo wieder an. Und morgen ziehen wir weiter, etwas ins Land rein und weg vom Seine-Ufer und seinen Boucles.
09.04.2026 Donnerstag
Startklar zur Abreise sehen wir, dass die kleine Epicerie gegenüber im schmucken Häuschen geöffnet hat. Auch in der Bar tut sich schon etwas, und das am Morgen, na sowas. Wir werfen einen Blick in das Lädchen, kaufen ein Baguette und staunen über die Damenschar, die schnatternd einen Kaffee an der Theke genießt. So kann man auch seine Tage beginnen. Aber dem Müßiggang frönen wir ja auch, nun mal nicht lästern und auf zur nächsten Station.