02.04.2026 Gründonnerstag
Über die Brücke von Vernon, von der Wim noch einen Blick auf die alte Mühle werfen kann, wechseln wir das Seine-Ufer und rollen dem nächsten Etappenziel entgegen, der Stadt Rouen. Ganze 70 km müssen wir zurücklegen. Zeit genug also, noch Vorräte und den Dieseltank aufzufüllen. Bei Total, so las ich gestern, ist der Preis pro Liter mit 2,09 € noch stabil, alle anderen Marken hätten schon Preise wie zuhause, also 2,50 € und mehr. Zum Glück finden wir eine Total Tanke, der wir den Liter sogar für nur 2,07 € abkaufen können. Ja ja, man verballert schon so etliche Liter mit fast 6to. Das ist kein Meckern, gehören wir doch wie viele andere Mitcamper zu denen, die sich noch Liter leisten und verreisen können. Aber ich frage mich, wie lange noch. Wir scherzen, die Mosel ist ja nicht weit von unserem Zuhause, das Hohe Venn oder nahe Frankreich und Holland auch nicht, reisen wir eben nur ums Eck. Jetzt erstmal immer der Nase nach, an der Seine entlang oder stark bergauf und bergab durch Hügelland, vorbei oder durch kleine Ortschaften im gelben Raps, bis es sehr geschäftig wird, je näher wir Rouen kommen. Einige Baustellen und das weitläufige Hafengebiet, in dem unser nächster SP liegt, erschweren die Streckenführung, Navi-Rüdiger verkalkuliert sich, was aber durch die vielen Kreisverkehre nicht schlimm und Wenden immer schnell möglich ist. Über die Pont Gustave Flaubert, die höchste Hubbrücke Europas, und eine 5-km-Schleife mangels Ausfahrt sehen wir dann auch schon die parkenden Womos im Hafengewurschtel.
Gut beschildert passieren wir das große Tor zum Port de Plaisance und reihen uns in vorletzter Lücke in erster Reihe, Randlage, ein. Wiedermal Glück gehabt. Heiter und wolkig werden wir es hier 2 Nächte aushalten. Blick auf Wasser, Boote und Schiffchen, zur Rechten ein Kirchturm und die stark befahrene Brücke, hinter uns die riesigen Silos des größten Getreideexporteurs Europas. Superlativen in der Nachbarschaft. Noch wirkt alles für unsere von Monet-Kunst und Blumenpracht verwöhnten Augen sperrig und ungastlich. Stadt eben, in der wir morgen auf Entdeckungsreise per Rad gehen und bestimmt Schönheiten aufspüren können. Unterschiedlichkeit … ganz großes und positives Reizpotenzial für Womobilisten … und natürlich Wohnmobilistinnen. Und dann zieht der Abend mit versöhnlicher Stimmung über die Szenerie.
03.04.2026 Karfreitag
Trotz städtischem Straßenaufkommen liegt eine sehr ruhige Nacht hinter uns. Rouen, das „Tor zum Meer“, wie es gerne genannt wird, lässt heute morgen das über Jahrhunderte hinweg für Künstler, insbesondere Impressionisten, so anziehende und geschätzte wechselnde Licht vermissen. Eigentlich sitzen wir jetzt nur im grauen Licht, hellgrauem. Heute hätte Monet nicht zum Pinsel gegriffen für eines seiner vielzähligen Werke, auf denen er Rouen, besonders die Kathedrale, verewigt hat, die übrigens mit 151 m die höchste Kathedralenspitze Europas haben soll. Also noch ein Superlativ in unserer Nachbarschaft. Aber alles Jammern übers Wetter hilft nix. Chianga wird in den Hänger verfrachtet, gut eingemoppelt in Mamas Tagesdecke, Mützen werden angezogen und Sightseeing beinhart durchgezogen, denn noch ist es trocken. Die Route ist einfach. Ab SP um eine Ecke erreichen wir den Boulevard, über den wir in knapp 4 km zum Zentrum der Hauptstadt der Normandie gelangen können. Klingt gut, ist es aber nicht. Denn weil noch parallel zur Seine eine Bahnlinie läuft, gibt es nur wenige Möglichkeiten, vom Boulevard in die Stadt rüberzumachen. Eine längere Schleife ist nötig, vorbei an ellenlangen vor Anker liegenden Flusskreuzfahrtschiffen, Transportkähnen und Hausbooten. Die Ansichten sind wenig erbaulich, was aber auch dem Wettergrau geschuldet ist und der Tatsache, dass das Stadtbild Rouen damals im 19. Jahrhundert geprägt war von Werkstätten, Manufakturen und Fabriken der Textil-, Hafen-, Chemie- und Fayence-Industrie, die aufgrund der privilegierten Lage der Stadt zwischen der Hauptstadt Paris und dem Meer mit der Seine als Hauptverkehrsader angezogen wurden und heute noch präsent sind.
Unser erstes Ziel ist der Marché St.-Marc auf der Place Saint-Marc. Hier herrscht zwischen wunderschönen Hausfassaden Marktgetriebe, lokale Lebensmittel und Trödel werden angeboten. Wir sind aber etwas spät dran, die Händler packen schon zusammen. Und die am Rand stehenden Müllcontainer werden von einigen Leuten durchsucht, man packt ein, was einem passend erscheint, ein sehr bedrückendes Bild. Spaß macht ein Plausch mit einem marokkanischen Händler, der u. a. Tajine verkauft. Immer wieder lustig, wenn sie hören, dass man Marokko schon bereist hat, da schwappt sofort jede Menge Heimweh über und Stolz.
Die Église St.-Maclou, eine der zahlreichen gotischen Kirchen der Stadt, liegt als nächster sehenswerter Punkt auf der Route. Aber bis dahin passieren wir historische, gepflegte mehrstöckige Häuser, und Staunen ist angesagt. Erwartet hatten wir das nicht.
Die Kirche sollte man sich ansehen. Gesagt, getan. Sie ist wie alle Kirchen in Rouen ohne Eintrittsgeld zu besichtigen, irgendwie lebendig, sehr lebendig, auch wegen der in seitlichen Kapellen ausgestellten Werke von Kindern oder Pilgern oder generell der religiösen Bevölkerung. Ich nehme an, man trägt diese Gebilde und Darstellungen in einer Prozession zur Kirche, wo sie dann eine Zeitlang stehen. Sehr beeindruckend ist, dass z. B. eine der Szenen auf einer Trage viele Püppchen an einem Fluss zeigt, vermutlich die Seine, und alle Nationen, alle Hautfarben vertreten sind. Ich denke darüber nach, verlasse den Kirchenraum, und staune jetzt echt Bauklötze. Da steht Wim vorm Portal umringt von einer großen Gruppe meist jugendlicher Radfahrer, mittendrin ein Pfarrer auf einem Lastenrad, auf dem ein großes Holzkreuz steht. Eine Prozession sei es, Karfreitag, er lacht über meine Anmerkung, heute dürfe man kein Fleisch, sondern nur Fisch essen. Dann beten alle, laut und deutlich und ohne Scheu, völlig normal gestimmt, fangen an zu singen und ziehen weiter. Ein schöner Moment.
Weiter geht‘s durch alte enge gepflasterte Gassen mit märchenhaften mittelalterlichen Fachwerkhäusern, die zu den schönsten Frankreichs gehören und uns echt in den Bann ziehen. Es wird uns richtig schwindelig vom Hinauf- und Hinabschauen. Und auch vom Schaufenstergucken, denn es reiht sich zwischen altem Gebälk ein Antiquitäten- und Kuriositätenlädchen ans andere. Auch das hätten wir nie so erwartet.
Inmitten der Gassen passieren wir das Historial Jeanne d'Arc, Turm und Kirche an der Stelle, an der Jeanne d'Arc im Jahr 1431 von den Richtern verhört, gefoltert und verbrannt wurde.
Nun folgt die Cathédrale. Ein Besuch ist Pflicht. Durch einen Nebeneingang betreten wir den Innenraum, stehen erst später vor dem Hauptportal auf einem großen Platz, und das im leichten Regen.
Ein kleines Stück weiter durch ein gut besuchtes Sträßchen sehen wir schon die nächste Sehenswürdigkeit der Stadt, den berühmten Uhrturm Gros Horloge mit der wahrhaft großen Uhr. Sie ist eine der ältesten astronomischen Uhren Europas, markiert lediglich die Stunden und ist prächtig und wirklich faszinierend schön.
Regen. Nieselsprühregen. Eiskalt. Musée des Beaux-Arts unweit. Nun sind wir ja hier in der „Wiege des Impressionismus“ und in diesem Museum kann man, und das kostenlos, eine beeindruckende Sammlung, die alle Epochen vom 16. bis 20. Jahrhundert in Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und dekorativen Objekten abdeckt, sehen. Es soll sich um die größte Impressionistensammlung des Landes, natürlich nach Paris, handeln. Gerne würde ich einen Blick riskieren, wenigstens einen. Wir sausen hin. Wim und Chianga harren draußen aus unter einem Gebäudesims. Ich nehme die Beine unter den Arm, im herrlichen Gebäude hinauf durchs Marmor-Treppenhaus in die zweite Etage, wo die Impressionisten hängen. Ja, solch einen Schnelldurchgang habe ich auch noch nie vollführt. Wenigstens vor ein paar Monet- und Renoir-Werken kann ich stehen, begegne eindrücklichen Werken, die Jeanne d‘Arc zeigen, und im Augenwinkel gerade noch so Versailles mit Sonnenkönig. Der hatte wenigstens Zeit für derlei, ich nur eine halbe Stunde, dann stehe ich wieder vor dem fröstelnden Wim, und Flanieren in der einladenden Atmosphäre des überraschend schönen Städtchens fällt ins Wasser. Direkt geht’s ohne weiteren Aufenthalt in Windeseile zurück zum Womo, wo der Tag immer noch grau, aber trocken und gemütlich endet.
04.04.2026 Karsamstag
Auch für Rouen und seine Schätze gilt: viel gesehen, viel übersehen. Dennoch hat es uns Spaß gemacht. Die Eindrücke waren so nicht mal ansatzweise erwartet, lag Rouen doch einfach nur an der Route, so zum Mitnehmen eben. Aber so ist das nun mal mit Erwartungen, Ausgang immer spannend. Wie die Vorfreude auf das nächste Ziel. Mal sehn … und guter Dinge räumen wir unseren Liegeplatz im Port de Plaisance und ziehen dahin.