von Camembert bis Lisieux

12.04.2026 Sonntag

Mit viel Camembert-Wissen und immer noch Staunen über Marie Harel fädeln wir uns in die Karawane der silbernen Milch-Transporter ein, durchqueren das Städtchen Vimoutiers und knöpfen uns die heutige Tagesstrecke von 40 km weiter Richtung Westen vor. Es geht nun ins Département Calvados, bleibt weiter hügelig und schön und macht Freude, die Landschaft stressfrei zu durchkreuzen. Hier scheinen sich riesige Pferdekoppeln abzuwechseln mit ebenso riesigen Obstbaumwiesen. Überall guckt irgendwo ein prächtiges Gut hervor, Höfe liegen weit verstreut. Und auch hier kreuzt der ein oder andere Milch-LKW unseren Weg. 

Irgendwo ragt plötzlich zur Linken eine immens große Kuppel aus den Wäldern. Daneben ragt ein, wie ich zunächst annehme, gewaltig massiger Industrieschornstein gen Himmel. Unser Ziel ist zum Greifen nahe: Lisieux, nach Lourdes der zweitgrößte Wallfahrtsort in Frankreich und Wirkungsort der Heiligen Theresa des Karmelitinnen-Ordens von Lisieux. Wir fahren den ganz in der Nähe der großen Basilika liegenden SP an, finden ihn problemlos, finden ihn voll vor, aber ein Platz für uns ist noch frei und die Aussicht auf die Stadt sehr schön von hier oben. Glück gehabt wiedermal. Ein sehr schöner Park, ein Arboretum, schließt sich nach vorne und seitlich heraus an, im Hintergrund ist eine gepflegte Allee mit weitläufigen Wohnanlagen in unterschiedlichem Zustand. Nach Einrichten und einem kurzen Gassigang durch den Park sind sie nun aber fällig, die beiden Kostproben der Käse aus der Kühlung des Maison du Camembert, nämlich eben Camembert und Neufchâtel. Der Letztgenannte ist eigentlich der älteste Käse der Normandie und geht, nachdem wir probiert haben, nicht nur wegen seiner charakteristischen Herzform direkt ins Herz, nein, auch weil er, obwohl weit weniger bekannt als der Camembert, geschmacklich mindestens ebenbürtig ist. Frisches knuspriges Baguette und herrlicher Käse, das sind die Stärkungen, die man so als Pilger braucht.

Und wir pilgern, wie eine Million Besucher jährlich, die nach Lisieux, dem religiösen Zentrum der Normandie, kommen, um zum Wallfahrtsort der Heiligen Theresa vom Kinde Jesu zu pilgern. Zunächst pilgern wir unter den Wipfeln der uralten Bäume talwärts bis zur Straße. Teile der Basilika und Grabstätten gucken schon der Straße gegenüber heraus. Es ist ca. 1 km bis zur Basilika, geht allerdings ziemlich steil abwärts, was befürchten lässt, dass der Rückweg länger dauert als der Hinweg. Aber die Belohnung naht. Nach Wundern über eine riesige rote Rose, die den beflaggten Kreisverkehr ziert, biegen wir nach links ab und ahnen schon die enorme Größe dessen, was sich Pilgerstätte nennt. 

Den großen Vorplatz kann man sich problemlos gefüllt mit Menschen vorstellen. Trotz vieler Busse verteilen sich deren Inhalte im Moment sehr gut, und angesichts der Wucht des Kirchenbaus wirkt es, als sei man allein, klein und unscheinbar. Die eigene Wichtigkeit geht wohltuend flöten. Das ist angenehm, ich liebe dieses Gefühl. Und natürlich muss man hinein. Bei dem Sonnenschein fällt Wim mit Chianga das Warten nicht schwer und sie lassen sich auf einer der vielen Bänke nieder, während ich zum Portal und etliche Stufen hinauf schreite. 

Ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine Pracht gesehen zu haben im Inneren einer Kirche. Mag sein, meine wiederholten Besuche in Rom im Petersdom sind verblasst, aber im Moment bin ich total überwältigt. Die zu Ehren der Heiligen Theresa 1954 erbaute Basilika gehört zu den größten sakralen Bauten Frankreichs im 20. Jahrhundert. Ihre Kuppel ist 93 Meter hoch und im Inneren erstrahlt sie förmlich durch ihre Höhe und die warmen Goldtöne voller Mosaiken. 

Seitlich vom Hauptaltar finden sich einige kleine Altarräume. Sie sind versehen mit Altären und Inschriften vieler Länder aus der ganzen Welt. Ich finde vor Ort keinen Hinweis darauf, in welchem Jahr sie errichtet wurden. Interessiert hätte es mich, da ein Altar der Ukraine gewidmet ist.

In einem Seitenschiff haben etliche Menschen jeden Alters und jeder Hautfarbe in den Kirchenbänken vor einem besonderen Altarraum mit vielen brennenden Kerzen Platz genommen. Zwei Priester stimmen Gesänge und Gebete an. Die Stimmung ist gelöst und heiter, trotzdem andächtig. Blickt man rundum, fallen die vielen großformatigen schwarz-weißen Fotos der jungen Theresa auf. Sie zeigen ein pfiffig guckendes Mädchen und eine pausbäckige junge Frau in Ordenstracht, die offen, freundlich und selbstsicher in die Kamera schaut. Geboren wurde sie 1873 in Alençon in einer zutiefst christlichen Familie, die nach dem Tod der Mutter nach Lisieux zog. Ihr ganzes Streben galt dem Ordensleben, ihre ganze Liebe Jesus. So trat sie schon mit 15 Jahren in den Karmelitinnen-Orden ein. Sie erkrankte sehr jung an Tuberkulose und starb 1897 mit erst 24 Jahren. Ihre Botschaft zieht seitdem um die Welt, so wie es zeitlebens ihr Herzensanliegen war, und gibt vielen Gläubigen Zuversicht und Hoffnung. Ich bin froh, eine kleine Broschüre in der Basilika zu finden, die mir etwas Eindruck verschafft über diese bemerkenswerte junge Frau. 

In einem Nebenraum kann man die Lebensgeschichte der Theresa, mit kleinen Figuren nachgestellt, in einer Art Guckkästen sehr anschaulich verfolgen. Eine interessante Präsentation, die ich so auch noch nicht kannte. Zum Thema „nicht kannte“ gehört auch der von uns angenommene Industrieschlot, der sich aus dem Wald eben der Kuppel erhebt. Er steht hier in Alleinlage auf dem großen Platz der Basilika, und es ist der Glockenturm, aus dem über 50 Glocken klingen können. 

Klänge vernimmt auch Wim aus dem Keller während seiner Besichtigung und berichtet mir von einer weiteren Kapelle dort. Na, die muss ich mir natürlich auch noch anschauen. Hinter einem sehr modern ausgestatteten kleinen Kirchenraum tut sich ein großer Raum mit niedriger Gewölbedecke auf. Auch diese Kapelle zeigt wunderschöne Mosaiken. Ein schwarzer Priester hält eine Messe. Besucher aus allen Kontinenten beten und singen auch hier mit. Ich spüre soviel Wohlwollen und Verbindendes untereinander, Toleranz ohne Zwiespältigkeit und erinnere mich an meine Kindheit und die vielen aktiven Jahre meiner Jungs als Chorknaben im Kölner Domchor. Ergreifend schön, und sehr gerührt verlasse ich irgendwann den Ort, und mein wartender Wim mit wartender Chianga und ich stapfen die Steigung hinauf durch den schönen alten Wald mit seinen hohen Baumwipfeln zum SP zurück. Nachdenklich geht der Tag zu Ende. 

13.04.2026 Montag

Der neue Tag schenkt uns am Morgen reichlich Himmelsblau. Wir ent- und versorgen, was man hier auch umsonst erledigen kann, und verlassen die Höhenlage mit einem letzten Blick auf die riesige Kuppel mitsamt ihrem massigen Glockenturm.