kurze feine Rundreise Lüneburger Heide

24.08.2020 Montag 

Nachmittags sind wir startklar. Wetterprognose für den Norden ungut. Südlich wäre es besser, aber durch diese Gegend haben wir ja gerade erst eine Runde gedreht. Wir versuchen es einfach jetzt mit dem Norden der Republik. In Emsdetten wollten wir ohnehin zu Dometic, uns eine Gefrier-/Kühlbox für die Heckgarage anschaffen. 

Die Reise geht aber erstmal nach Düsseldorf. Am Rheinufer Höhe Tonhalle finden wir reichlichst Platz, obwohl oben an der Uferstraße ein Schild „Platz voll“ eigentlich dagegen spricht. Schön, am geliebten „Vater Rhein“ zu stehen. Flugzeuge schrauben sich in den Himmel, Kähne blubbern vorbei, Ruderer gleiten lautlos über das in der Abendsonne silber glitzernde Wasser, auf den Rheinbrücken zur Rechten und Linken gehen langsam die Lichter an. Straßenbahnen sausen hin und her. Viele Menschen nutzen trotz dunkler Wolken am Himmel den Feierabend zum Spazieren, Radeln und Inliner fahren. 

Der liebste Radfahrer ist aber unser Timo, er lebt in Düsseldorf, und kommt mit einer Ladung Pizzen und seiner Freundin zum Wohnmobil. Eine gute Flasche vom Roten, und wir machen uns alle vergnügt über die Kartonware her, im Wohnmobil, da es vom Himmel leicht tröpfelt. 

Wir genießen den wundervollen Blick auf den Fluss und die Uferlichter rundum. Nach einer Runde Rumicub, das wir gern spielen, verabschieden wir uns und fallen weinselig in die Federn. 

25.08.2020 Dienstag

Freundlich empfängt uns der neue Tag hier am Düsseldorfer Rheinufer. Beim Ausfahren zahlen wir 14€ und machen uns auf den Weg über die AB Richtung Emsdetten Nähe Osnabrück, ca. 160 km. Passend kurz vor 13 Uhr rollen wir auf den Dometic Parkplatz. Von Dienstag bis Freitag ist dort von 13 bis 17 Uhr Lagerverkauf. Corona bedingt dürfen nur 2 Personen in den Verkaufsbereich, Masken natürlich selbstverständlich. Aber wir sind im Moment die einzigen Besucher. Ein sehr freundlicher Mitarbeiter kümmert sich sofort um uns. Einige Gefrierboxen stehen neben vielen anderen Artikeln in der Ausstellung, aber nicht alle Modelle sind im Lagerverkauf erhältlich. Wir haben in unserer Heckgarage einen Sockel von 34 cm, über den eigentlich nichts hinausragen sollte, da direkt daran die Fahrräder stehen. Größere Modelle der Boxen sind 40 cm tief, also unpraktisch für uns, und ein ganzes Schwein wollen wir auch nicht unbedingt mitnehmen. Eine Box hat mit 25l Fassungsvermögen 26 cm Tiefe. Passt. Der Mitarbeiter, selbst Womobilist, erklärt uns sehr ausführlich alles Wichtige. Letztlich nehmen wir die schmale Box, die regulär fast 700€ kostet, für 359€. Na das ist doch mal ein Unterschied! Beim Rausgehen fragt er uns, ob wir eine Markise hätten. Ja, haben wir. „Dann Moment bitte“, und verschwindet, kommt mit einem Arm voll zurück: 2 Flaschen Markisenreiniger, 2 Flaschen Badreiniger. Passen prima in die Box. Ganz schön erstaunt frag ich ihn, ob man das immer hier dazu bekäme. „Nein, nur die Netten!“ Daher unsere Empfehlung: Der Dometic Werksverkauf lohnt sich echt - und wenn man sich „nett“ benimmt, wird evtl. noch ein Präsentchen hervor gezaubert. 

Die Reise sollte heute nun eigentlich bis unterhalb Bremen gehen. Heftigen Sturm mit ausgiebigem Regen meldet das Radio für den Norden, darunter etwas besser. Wir planen um und steuern das Steinhuder Meer an, das eigentlich erst auf der Rückreise besucht werden sollte. Ein belebter WomoSP ist jetzt evtl. besser als fernab tief in der Heide im Dauerregen auszuharren. Nach gut 120 km erreichen wir den großen und sehr gut gefüllten SP in Steinhude. Es ist windig, grau, kalt, keine Lust, einen Stuhl rauszunehmen. Tja, solche Tage gibt es, Katerstimmung. Die Hartgesottenen grillen zwar draußen, aber den Mut der Verzweiflung will ich heute gar nicht aufbringen. Der Tag geht, Johnny Walker kommt, oder so ähnlich. Es ist aber auch nur ein Obstbrand aus dem Kraichgau, der nach einem belegten Brötchen zu einem Film auf 3Sat durch unsere Kehle rinnt. Die Wetterfee prophezeit heftigsten Sturm, 100 km/h Böen, egal, wir sind gewappnet, Concördchen dicht, und Markise eingefahren. 

26.08.2020 Mittwoch

Plätscher plätscher ... Regen. Dauerregen. Anhaltender Dauerregen. Sturm hielt sich nachts zwar in Grenzen, vermutlich um Kräfte für‘s Runterregnen bei Tag zu sparen. Grau alles um uns herum. Gelegenheit, die Planung „Lüneburger Heide“ zu überdenken. Bei solch einem Wetter tief im Inneren der Heidelandschaft zu hängen, das geht bei uns nicht gut. Wim liest sehr gern, ich nicht. Ich schreibe lieber, aber worüber. Genervt, und alle Wetterberichte der umliegenden Regionen durchforstet, steht dann bald fest: der geordnete Rückzug aus dem Norden steht an. Besser vielleicht bis zur Mosel durchschlagen, Schiffe gucken geht auch bei schlechterem Wetter. Unterdessen lockert es draußen tatsächlich etwas auf. Es regnet nicht mehr, Wim entlädt Räder und Hänger, bevor sich wieder Flüssiges aus den Wolken entlädt. Wenigstens eine Runde durch Steinhude wollen/müssen wir drehen, wenigstens mal das „Meer“ sehen. 

Der SP grenzt unmittelbar an den Ort, man erreicht also sehr schnell die Einkaufssträßchen und die Plätze am Wasser. Außer ein paar wirklich prächtigen Giebeln und Hausfassaden wirkt alles sehr neutral, austauschbar irgendwie, wie ein wenig Kurort Bad Steinhude und ein Hauch von Nordfriesland, anonym, nicht gewachsen. Meine Schwester, die sich hier gut auskennt, erzählt mir später, dass vor einigen Jahren ein Brand gewütet und Vieles zerstört hat. Damals hätte es viel mehr Fischerhütten und Aalbuden gegeben, es sei viel heimeliger gewesen. 

Nun ja, wir verzehren an windgeschützter Stelle ein Fischbrötchen und lauschen dem Sturm, der immer heftiger wird. Eine Hochzeitsgesellschaft rettet sich aus einem kleinen Ausflugsboot auf den Holzsteg, alles weht und wankt. Den Blumenkindern werden die Blütenblätter quasi aus ihren Körbchen gerissen, keine Chance, sie da zur Geltung zu bringen, wo sie eigentlich hin sollten. Von einem Besuch der Badeinsel sehen wir ab, zu gruselig und gefährlich biegen sich die Laubbäume, und lieber wollen wir unseren kurzen Ausflug ohne einen abgebrochenen Ast im Rücken beenden. 

Allerdings hält uns eine sehr beeindruckende Skulptur am Wasser auf, ein Windspiel der besonderen Art. Leichtigkeit und Schweben und Biegen und Tanzen im Wind, sehr schön anzuschauen. Und dann entdecken wir das Hinweisschild: Tanz der Winde - so hat ein Düsseldorfer Künstler sein Werk genannt. Passender hätte es für heute nicht sein können! Sehr beeindruckend. 

Der Abend bietet uns nach dem Verstauen des gesamten Gedöns in der Heckgarage etwas Leckeres aus dem Omnia, das Ding schlägt sich wirklich wacker. Und die Wettervorhersagen werden nochmal durchforstet, schlecht bleibt schlecht. Gute Nacht.

27.08.2020 Donnerstag

Die Sonne weckt uns. Blau schimmert es durch die Dachluke. Traum oder Wirklichkeit. Nein, es ist wirklich. Schnell sind wir umgestimmt, Weiterreise verschoben, die große Runde um das Steinhuder Meer lockt doch sehr. Das Aufbacken der Brötchen im Omnia klappt auch, kaum Röstaromen, oh Wunder. Spiegelei wird verputzt, ein sportlich harter Tag wartet, den man nur mit einem kräftigen Frühstück überstehen kann. Wim lädt wieder alles aus, macht die Räder und Anhänger klar, und los geht es. Wir durchradeln Steinhude, dann geht es abseits des Ufers auf Rad- und Wanderwegen durch Moorwiesen und lichte Birkenwälder, mal geteert mal geschottert, etliche Störche über uns. Torf wurde früher hier gestochen. Auf einer Info-Tafel lese ich, dass die Arbeit des Torfstechens sehr schwer und mühsam war, eine ältere Frau wird zitiert, wie mühevoll auch ihr Alltag als Kind und junges Mädchen war. Das erinnert mich an die Erzählungen meiner Oma, früher als Kind, die Arbeit zu Hause ging vor, auch sie musste Kühe hüten, was sie aber immer gerne machte, auch sie musste mittags dem Vater und den Brüdern das Essen in die weit abgelegene Steingrube bringen, wo die Männer des Dorfes wirkliche Schwerstarbeit verrichteten. Vorsichtig gehe ich bisschen in den Wald rein. Der Erdboden ist hier im Moor sehr weich, die Heide blüht, dicke knubbelige Pilze wachsen, aber nirgendwo guckt die Hand einer Moorleiche hervor. 

Die schnurgeraden, von Birken gesäumten Wege erinnern mich an Finnland. So müssen diese ellenlangen Straßen ganz zum Norden hinauf aussehen. Schön, dahin mal aufbrechen zu können. Die Ferne lockt ungemein, Zufriedenheit versus Fernweh ... ohweh. Auf dem Weg treffen wir auf ein wanderndes, sehr sympathisches Paar mit 2 Ridgeback, auch Rüde und Hündin, sogar Geschwister aus einem Wurf, ein langer Austausch folgt, Hundemenschen haben sich doch immer viel zu erzählen. 

Viele Radler sind unterwegs, auch Wanderer mit entschlossenem Blick und schwerem Gepäck. An manchen Stellen beseitigt man die Sturmschäden, viele abgerissene Äste liegen herum. Chianga hat heute wieder im Anhänger ihren Jodeltag. Sie quietscht beinah unentwegt, obwohl ihr nichts fehlt, denn steigt sie aus, ist sie mopsfidel. Wird nur Unmut über die Beförderungsart sein, aber, das hatten wir alles schon, da muss sie durch. Bazou verhält sich wie üblich sehr ruhig und glücklich, dabei zu sein. Das Wetter hält, es bewölkt sich zwar etwas mehr, aber es ist warm und Regen wird wohl nicht fallen. Auf etwa der Hälfte der Rundstrecke führt der Weg wieder ans Ufer. Hier gibt es einige sandige Buchten, in denen sich bei anderen Temperaturen sicher Scharen von Badenden vergnügen. Ein unverschämt winzig kleiner Hundestrand taucht auf, die Gelegenheit, mal einen Stopp einzulegen. Die Hunde freuen sich, waten durch‘s Wasser. Das Meer ist überhaupt nicht tief, im Durchschnitt nicht mal 1,50 m, in tiefsten Bereichen nur 3 m, also quasi eine Pfütze. Ein Golden Retriever leistet Gesellschaft und zeigt unseren beiden mal, was Spaß am Wasser ist und wie man korrekt apportiert. Sie staunen, der hat‘s drauf. Dafür kann sein Herrchen zwischen Stöckchen werfen und annehmen kaum einen Blick von Bazou wenden und muss ihn immer streicheln und ständig blubbern, was das doch für ein toller Hund sei. Er erkennt eben die inneren Werte eines Ridgebacks, der es so gar nicht nötig hat, sich wie ein ausgetrockneter Lemming in die Fluten zu stürzen. Stolz packen wir unsere beiden wieder ein und verabschieden uns von dem süßen Golden.

Bald führt der Weg weit ab vom Meer durch Moorwälder und Moorwiesen mit unzähligen kleinen Kanälen, Weihern und Tümpeln, auf denen sich Kolonien von Enten schnatternd vergnügen. Seeadler soll es hier geben, wir sehen leider keinen. Mächtige Galloway-Rinder grasen auf den Weiden, man kann sie hier beim Züchter sogar leasen. 

Die Meer-Runde ist nun schon fast abgearbeitet. Mein Hinterteil fühlt das genau. Aber auch Wim beklagt Ähnliches. 34 km, immerhin, für Untrainierte mit Lasten hinten dran nicht so übel. Wir sind sehr zufrieden, passieren ein wunderschönes Anwesen am Wasser, kaufen in Steinhude noch leckeren Aal und eine Makrele, frisches Brot, und radeln zum Womo. Die Sonne scheint, wir können draußen sitzen und essen, wie herrlich, auch der köstliche Aal in Begleitung von Gurken- und Tomatenscheiben auf knusprigem Gerstenbrot mit korrespondierendem Kölsch. 

Ach das schöne, einfache Leben an einem wunderbaren Tag, der nachdenklich endet. Ein Mitcamper spricht uns im Vorbeispazieren an, seien ja tolle Hunde, er streichelt die beiden ohne Ängstlichkeit, er habe 40 Jahre lang Boxer gehabt, der letzte sei vor einem Jahr von ihnen gegangen, er sei jetzt 74 Jahre alt, leider könne er keinen Hund mehr haben, so sei das eben, er habe es eigentlich gut verkraftet ... aber seine Augen, aus denen dicke Tränen kullern, sprechen eine andere Sprache. Verschämt geht er langsam weiter. 

28.08.2020 Freitag

In der Nacht hat es eimerweise gegossen. Weiterreise steht an. Die, die gestern verschoben wurde, soll heute doch mit Ziel Lüneburger Heide stattfinden, denn seltsamerweise ist die Wetterprognose gar nicht so schlecht, jedenfalls erheblich anders und besser als gestern. Wir kommen zeitig weg, die 120 km bis nach Oberhaverbeck sind flott über A2 und A7 gefahren, kleiner Stau unterwegs, und gegen Mittag erreichen wir den im lichten Wald mitten in der Heide liegenden SP. Ganz schön belegt ist es schon. Erste Reihe, Heideblick, schon vergeben. In einer hinteren Reihe finden wir Platz. Schräg ist es überall, tiefe, noch schlammige Reifenspuren zeugen von heftigem Regen auch hier. Das Concördchen zieht durch, matschiger Gras-/Waldboden, kein Problem. Das hätten wir mal unserem Arto anbieten sollen, der hätte uns was geblasen! Die Sonne scheint durch‘s Geäst der hohen Bäume. TV-Empfang wird hier wohl nicht möglich sein. 

Wim macht Räder und Hänger klar. Zu früh, nur am Womo rumzuhängen. Eine kleine Rundfahrt von 12 km bietet sich an. Allerdings haben wir entweder den richtigen Abzweig auf einen Radweg verpasst oder die Wege sind hier einfach nicht besser. Jedenfalls schaffen wir es über den eingeschlagenen Weg in keinem Fall auf den Gipfel der höchsten Erhebung Niedersachsens, den Wilseder Berg, 170 m hoch. 

Sehr viel Betrieb herrscht. Wandergruppen ziehen stramm durch, Radler jeden Alters und jeder Leistungsstufe wuseln dazwischen, es geht im Gelände in Wellen auf und ab, mal auf extrem holprigem Pflaster, dann auf Schotter und Sand, oder über schmale bucklige Pfädchen aus Gras und Sand mit tiefen Spurrillen. Unseren Rädern macht das nichts aus, die breiten Schlappen sind ganz besonders spurtreu, egal ob es holprig ist oder sandig, egal ob bergauf oder bergab. Nur wir, na ja, vielleicht nur ich, stoße an Grenzen, Chianga im Hänger hinten dran am Steilstück, das ist schon eine Nummer. Wir brechen kurz vorm Ziel ab, allerdings entschädigt die Landschaft ringsum in 7/8tel der Höhe ohnehin. Der Blick ist herrlich. Besser: die Blicke sind herrlich. Wunderschöne Landschaft ringsum. 

Ein Meer aus Lila-Rosa. Heideflächen so weit das Auge reicht. Die zahllosen Birken und Eichen singen raschelnde Lieder im kräftigen Wind, ein Gesumme und Gebrumme in der Heide, es ist sonnig und warm mit weißen Wölkchen am ansonsten blauen Himmel. Abgestorbenes helles Holz liegt wie bewusst dekoriert auf der blühenden Heide zwischen dunkelgrünem Wacholder. Jede Ansicht Postkarten würdig. 

Wir erreichen das Heidedörfchen Wilsede, Mittelpunkt der Lüneburger Heide. Zum Hufgeklapper der vielen, vor den Ausflugskutschen gespannter Pferde gucken wir uns im kleinen Ortskern etwas um, schleichen wie aus der Zeit ins vorige Jahrhundert gefallen um die alten Katen und Gerätschaften, bleiben aber nur sehr kurz und flüchten vor den doch vielköpfigen Besucherscharen, mal mit mal ohne Mundschutz, die sich aus den Pferdewagen auf die Gasse hangeln.

Am Fuße der Erhebung des Wilseder Berges durchfahren wir wirklich sehenswerte Landschaft, in der sich die Heide über viele Kuppen hinweg gelegt hat. In Senken ist es eher grün, vermutlich ist es der Heide hier zu nass. 

Eine kleine Rast wird gemacht, die Hunde müssen einfach mal ein kleines Stückchen Heideland betreten. Ja, es gilt, die Natur zu schützen, dazu gehört auch ein angeleinter Hund in solchen Gebieten. Die vielen Zigarettenstummel unter der Bank, auf der wir uns niederlassen, rechtfertigen unser Ableinen nicht so ganz, beruhigen aber etwas das Gewissen. Und Bazou und Chianga bewegen sich, bis auf einen kleinen Aussetzer bei Bazou, den es überkommt wiedermal, sehr bedächtig. 

Weiter geht es stückweise auch mal über einen geteerten Weg durch den Wald zurück Richtung SP. An einer alten Kate, erbaut 1844, machen wir halt, ein paar gedeckte Tische locken, nur wenige Gäste sind da. Die Hundeanhänger werden geparkt, wir nehmen Platz. Ein Bierchen muss sein, serviert wird uns eins, das speziell für die Lüneburger Heide gebraut wird, und lecker ist es. Eis oder Kuchen? Wonach ist uns? Da bleibt der Finger auf der Speisekarte hängen bei „Grützwurst gebraten“, nie gegessen, also ordern. Ja, geschmacklich so etwas wie unsere „Flönz“ in Köln, ein wenig auch wie Suppenfleisch oder Corned Beef, weich, heiß, richtig lecker, aber farblich nicht so ganz der Brüller, für‘s Auge gewöhnungsbedürftig. 

Am Womo zurück hat sich der Platz weiter gefüllt. Gut, heute ist Freitag, die Wochenendurlauber kommen, große Städte sind nicht allzu weit entfernt. Jedenfalls scheint es hier ein beliebtes Plätzchen zu sein. Gegen Abend stellt sich ein älterer PKW Mercedes vor uns, ein junges Pärchen klettert heraus und scheint auch hier übernachten zu wollen, jedenfalls sieht es innerhalb weniger Minuten aus, als sei ein Bettwaren- und Heimtextilien-LKW explodiert. Ein Haufen von Sofakissen wird entladen, ein Berg von Decken, Schlafsäcke, sibirische Kälte wird wohl erwartet, denn auch alle Autoscheiben werden sorgfältig mit silbernem Polster verkleidet. Später tauschen die beiden Jeans gegen Jogging-Anzüge, hocken auf zwei Plastikboxen, natürlich ein Stuhlkissen drauf, und köcheln in gebückter Haltung am Boden in irgendeinem Behältnis im Schein einer Taschenlampe ein Abendmahl. Sie haben total Spaß und jede Menge Arbeit. Ich bin sicher, dass die beiden heute Nacht gut schlafen.

29.08.2020 Samstag

Und wieder bricht ein sonniger Morgen an. Ruhig verlief die Nacht, nur vereinzelt liefen noch Womos ein. Im Verlauf des Vormittags setzt plötzlich eine nicht enden wollende PKW-Karawane zum Erstürmen der Parkfläche an. Wanderlustige und Fahrradfreunde, Paare, Familien, Großfamilien, Hündchen und Hunde, Karren, Laufräder, Bollerwagen, alles wird aus aufgerissenen Ladeflächen rausgeschleppt und aufgebaut, nachdem die PKW überall vor, hinter und neben den Womos geparkt werden konnten. Es geht zwar geordnet, aber ungewohnt zu. Scheinbar gibt es keinen speziell für Womos gültigen Bereich, jeder darf so gut er kann. Na mal sehn, ob wir noch in unser Womo einsteigen können, wenn wir später nach der geplanten Radtour zurück kommen. Ich erwische mich dabei, zu denken, wie unverschämt es ist, einfach so seinen PKW fallen zu lassen zwischen den Womos. Jetzt aber mal nix wie zurück krempeln: „Man muss och jönne könne!“. Blühende Heidefelder sind für alle da, und den PKW kann man schließlich nicht unter die Arme klemmen. Und der den Parkplatz betreibenden Forstverwaltung wird es egal sein, wer wo für sein Parken bezahlt, Hauptsache gut gefüllt. Manchmal muss man sich doch wirklich selber zur Ordnung rufen, und mal ehrlich, stören oder beeinträchtigen tut einen solch ein Geparke ja nun wirklich nicht, zumal, wenn man nicht mal selber daheim am Womo ist.

Nach dieser „Erleuchtung“ zufrieden mit mir, klettern wir auf unsere Klappräder und nehmen den als Radweg ausgewiesenen Weg ins Heidegelände. Nirgendwo ist dieser sich als Baumwurzelpfädchen entpuppende sandige Anstieg beispielsweise als „unwegsam“ bezeichnet. Wir jedenfalls hängen nun frisch wie der junge Morgen, positiv denkend und in die Pedale tretend darauf. Gut, ein total verwurzeltes Steilstück wird ausgesessen und geschoben. Meiner nicht mehr ganz so neuen neuen Hüfte sollte ich auch immer etwas Achtsamkeit schenken. Ich möchte nicht das Gesicht meines jungen Operateurs sehen, wenn ich mit ausgebeintem Gelenk erläutern muss, wie das denn nun passieren konnte. Tja, Klapprad, Hund im Hänger, Anstieg, Breitreifen, Vollgas, und dann breites, armdickes Fallen stellendes gemeines Wurzelwerk. Möglicherweise nimmt die Krankenkasse mir dann mein Klapprad weg ...

Und dann tut sie sich wieder auf, die Heide. Einfach nur begeisternd schön mit ihren vielerlei Farben und Höhen. Und das Glück ist uns hold, in den Heidefeldern zieht eine Heidschnuckenherde. Leises Blöken schwingt in der warmen Luft zu uns herüber. Ein Schäfer stakst mit langem Stab dazwischen. Seine drei Hunde sind ganz Ohr, lauschen auf jedes noch so schwache Schäfer-Signal, total engagiert, nur ja nichts zu verpassen. Zieht sich die Herde zu weit auseinander, kann man einen Pfiff hören, die Hunde sausen wie aus der Pistole geschossen los, jeder hat seine Aufgabe, die Schnucken werden zusammen getrieben, blitzschnell rotten sie sich zu einem kreisrunden Pulk zusammen, alle Blicke in eine Richtung. Es sind große und sehr wollige Tiere, wir hatten sie uns kleiner vorgestellt. Ein idyllisches Bild, wir schauen lange zu, bis die Herde hinter einer der Kuppen in der Senke verschwunden ist. 

Über tief ausgefurchte Wege geht es weiter durch die Farbenpracht der Heide. Was haben wir ein Glück mit dem Wetter, nicht zu glauben. Die Prognosen waren ja derart miserabel, und dann das. Was lehrt das: einfach machen, einfach fahren. 

Bevor wir auf den Wegen durch ein Waldstück verschwunden sind, taucht eine weitere Schnuckenherde auf. So kommen wir nochmal in den Genuss dieses entschleunigenden Anblicks. Gestern war auf unserer Runde kein einziges Schäflein unterwegs. 

Ein sehr schöner Tag geht zu Ende. Eine Frau kommt später mit 2 so schönen Ridgeback Hündinnen an unserem Womo vorbei spaziert. Sie kenne uns aus Facebook, na sowas. Lange erzählen wir über unsere Liebe zu den Hunden. Sie ist Züchterin aus Aurich, gerade auf einer Tour nach Süddeutschland. 

Ein Paar aus der Gegend von Lüneburg, das wir in Marokko kennen gelernt haben, meldet sich abends über Facebook. Sie laden zu einem kleinen Treffen bei sich zuhause ein. Ganz in der Nähe wohnen sie. Ja, wenn das mal keine Überraschung ist, das planen wir gerne, mal sehn, was morgen geht, Facebook sei Dank.

Das junge Paar im Mercedes vor uns kommt von einer Wanderung zurück. Wieder wird im Taschenlampenschein im Dosenvorrat gekramt und etwas aufgewärmt. Sie sitzen lange draußen, ehe sie in ihr Kissen-Decken-Lager eintauchen. 

30.08.2020 Sonntag

Wieder scheint die Sonne, wieder sind wir sehr froh, dass sich der Wetterfrosch gehörig irrte. Im Vergleich zu gestern füllt sich der Parkplatz heute nur sehr sehr langsam mit PKW. Scheinbar nutzen die Menschen doch eher den Sonntag, um genüßlich mit einem besonderen Frühstück erstmal langsam in den Tag zu starten. Das Mercedes-Pärchen reckt und streckt sich nach dem Ausstieg aus Ihrem Bettenlager, selbst die E-Klasse scheint für erholsames Liegen nicht so besonders geeignet, aber sie kümmern sich mit fröhlichen Gesichtern um die Sichtung ihrer Vorräte. 

Mittlerweile haben wir unser Treffen mit den Marokko-Freunden klar gemacht. Da wir heute ohnehin weiter reisen wollten, können wir den kleinen Schwenker von 40 km prima einrichten. Und es wird ein richtig fröhliches Wiedersehen, und auch Wiedererkennen, denn es liegen immerhin 3 Jahre dazwischen. Bärbel und Hans Peter sind wahre Afrika-Kenner, vor Jahrzehnten hat Hans Peter den schwarzen Kontinent schon mit seinem VW Bully bereist. Es ist toll, seine Erlebnisse zu hören, wenn er erzählt, wenn wir uns an Marokko erinnern, auweia, welch geballte Ladung Fernweh zu leckerem Kaffee und Kuchen. Die Zeit fliegt dahin. Herzlich verabschieden wir uns, vier Menschen, die einfach mal so zufällig in einer Oase tief im Süden Marokkos an der Grenze zu Algerien zusammen gewürfelt wurden. Und auch wenn die Welt auf dem Kopf steht, irgendwie werden Menschen wieder zusammenfinden können. 

Wir steuern nun das Örtchen Müden in der Südheide an. Es wird schon Abend, wir hoffen, so Sonntags wird es ein freies Plätzchen auf einem SP am Ortsrand geben. Die Mitcamper erzählen sich schon von sehr starker Belegung überall. Dann mal sehn. Und in knapp 40 km sehn wir auch: es ist noch was frei. Auf einem Wiesengelände nah bei einem Wildpark gibt es schöne Stellflächen, aber ohne alles. Die Gebühr von 5€ muss überwiesen werden, Corona geschuldet. Hoffentlich denke ich daran, vorsichtshalber schon mal ein Foto vom Aushang machen. 

Ein älterer Mann spricht uns an, und wiedermal geht es um Hunde, nicht zu glauben, es geht um Gewesenes und Erinnerungen, Freunde und Leid und Tod. Auch er litt immer noch unter dem Verlust seines letzten Dackels, aber so mit 84 könne er sich keinen Hund mehr anschaffen. Es ist wirklich ein großes Elend, dass man sich im Alter gerade von so Liebgewonnenem wie einem Hund verabschieden muss, nur weil man selber einmal gehen muss. Eigentlich sollte es Paten geben, junge Menschen, die sich um Hunde von gestorbenen Hundemenschen kümmern, sie aufnehmen im schlimmsten Fall. Ohne Hund zu leben, leben zu müssen, ist für viele wirklich sehr arg. Und das ist nun schon der zweite Fall, der uns begegnet. Hinzu kommt, dass dieser Mann 19 Mal in Marokko war. Also heute ist Marokko-Sonntag. Er schwärmt von den Schönheiten dieses Landes, sehr wehmütig, sehr traurig. Ob die Heide Schwermut beflügelt? Heute sicher nicht, denn depressiv stimmendes Wetter ist nicht zu vermelden. Müden soll ein schönes Dörfchen sein, mal sehn, ob wir es morgen mal radelnd erkunden oder weiterziehen.

31.08.2020 Montag

Regen. Leicht nieselt es aus tiefgrauen Wolken. Außerdem haben unsere Akkus eine Ladung Landstrom nötig, da die Solarversorgung schwächelt und sich bei der heutigen Wolkendecke auch nicht entscheidend steigern wird. Entsorgung steht auch an, also Abreise. An einem zweiten SP im Ort erledigen wir die Kassettenleerung, Grauwasser kann nur über einen Schlauch, den wir nicht an Bord haben, entsorgt werden, was ja nun ziemlich blöd ist. Weiter geht unsere Reise Richtung Celle. 

In knapp 50 km kommen wir mittags dort auf dem recht neuen SP an. Voll. Etliche Plätze sind reserviert. Bei zweiter Runde über den SP sehen wir, dass die Daten auf den Reservierungsschildchen immer die Ankunftsdaten sind. Aha, also kann man am 31.08. getrost auf einen ab 01.09. reservierten Platz. Schön, rein. Damit ist dann jetzt nur noch eine Lücke frei, die aber im Handumdrehen von einem der vielzähligen herum kreisenden Womos ergattert wird. Die Anlage für 45 Womos ist perfekt, extrem ordentlich und liegt direkt am Stadtkern. 

Die Räder werden ausgepackt, das Wetter hat sich total zum Besseren gedreht, die Sonne scheint warm, also Sightseeing Celle. Einen wunderschönen Park mit Schloss, Entenscharen und verfressenen Nutria darf man durchradeln.

Sogar in der Fußgängerzone ist Radeln erlaubt. Fachwerkhäuschen, eines schöner als das andere, prägen all die Straßenzüge in der Altstadt. Kaum zu glauben, dass es nicht nur Kulissen sind. Wunderschön. 

Obligatorisch wird ein Eis verzehrt, Eiscafe Dolomiti, köstlich und den Wunsch befeuernd, nun wirklich aber bald mal wieder nach Italien zu reisen. Also schlimm, sitzt man hier im wunderhübschen, prächtigen Celle und denkt träumerisch an Italien. 

Ein Stück „Celler gekochte“ wandert noch zu dem Dinkelbrot ins Fahrradkörbchen, Abendbrot gesichert. Morgen reisen wir weiter.

01.09.2020 Dienstag

Schon früh reisen viele ab. Also wenn man hier auf dem SP keine Lücke mehr finden kann, kann man notfalls vor dem Gelände parken und morgens die Lage peilen. Wie uns ein Mitcamper aus Celle berichtet, soll der Platz, der von den Stadtwerken eingerichtet und betrieben wird, um weitere 30 Plätze erweitert werden. Es scheint hier sehr beliebt zu sein. Auch rings um Celle gibt es wohl vieles zu entdecken. Bei strahlendem Sonnenschein wird entsorgt, die gestern aufgeladene Guthabenkarte abgerechnet und die Weiterreise in Angriff genommen. 

Im Nachhinein, also vom Abend her betrachtet, muss man wirklich von „Angriff“ sprechen. Aber viel gibt es eigentlich gar nicht zu erzählen, kaum etwas ist passiert, außer, tja, Murks, denn für die recht kurze Strecke von 160 km brauchen wir letztlich sage und schreibe 5 Stunden. Könnte auch ein Teilstück auf einer Marokko-Reise gewesen sein, da so im Hohen Atlas passiert so etwas ganz gern einmal. Aber hier ... Trendelburg, unser Ziel für heute, liegt oberhalb Kassel. Natürlich geht es über Landstraßen, ist ja nicht so weit. Ein kleiner Einkauf muss noch erledigt werden, der höchstens 30 Minuten „kostet“. Als sich die Fahrt über Land aber sehr nervig und von der Landschaft her auch wenig aufregend herausstellt, wechseln wir auf die AB, ist angenehmer, sind wir flott da, so denken wir. Stau, Baustelle, Stau, Baustellen, Stau, mehr Stau, engere Baustellen, wieder Stau. Unfassbar. Irgendwann fahren wir ab. So, nun wird‘s laufen. Ja, bis zu dem Moment, wo wir vom schmalen Sträßchen hinab von den Höhen durch einsame, tiefe Wälder ein Flussufer erreichen, über das wir eine Brücke nehmen sollen, lt. Navi. Aber: Baustelle. Überfahrt nicht möglich. Ja, kann ja mal passieren sowas. Also gurken wir weiter ins nächste Dorf. Komisch, mitten im Grünen benennt man hier eine Straße „Hafenstraße“. Nein, gar nicht komisch, denn kurz darauf glotzen wir auf eine steilere Zufahrt und eine winzige Fähre. Ja, du lieber Himmel, wo sind wir hier gelandet. Ein Blick in Google gibt Antwort: vor uns liegt die Weser, über die über lange Strecken keine Brücken führen. Wir wenden, da wir nicht aufsetzen wollen, und gondeln letztlich ein ganzes Stück zurück, um auf eine Straße zu gelangen, die uns in weitem Bogen irgendwo nochmal ans Ufer der Weser und endlich über eine Brücke ans andere Ufer bringt. Und alles zum eintönigen, nervig-fröhlichen „bitte wenden“ der Navi-Schnepfe, die uns mit irrer Penetranz immer wieder an die gesperrte Brücke lotsen will. Trendelburg, ich sag Dir eins, Du kannst in dieser Nummer nur verlieren. Sicher, man hätte vorher mal die Karte studieren können. Sicher, man hätte einiges vorher tun können. Haben wir aber nicht, und nun den Salat mit Blick auf ein Toiletten-/Waschhäuschen, obwohl der SP kaum belegt ist und angenehmere Aussichten bietet. Muss man erwähnen, dass solche Situationen eine Beziehung auf eine heftige Zerreißprobe stellen? Aber es wird wohl alles flott der Vergangenheit angehören, denn diese Gegend hier ist Teil der „Deutschen Märchenstraße“, und Märchen gehören ja nun mal der Vergangenheit an. Aussagekräftige Fotos vom SP gibt es morgen, im Moment kracht ein Gewitter hernieder.

02.09.2020 Mittwoch

Gewitter hat sich verzogen, übrig geblieben sind Nebelschwaden, die vom Bett der Diemel, die sich direkt am SP vorbei schlängelt, nach oben wabern und die Hügelkuppen einhüllen. Lange hält sich dieser Nebel, unschlüssig, ob er nun Hochnebel oder Nebel in den Niederungen sein möchte. Letztlich entscheidet die immer stärker werdende Sonne, sie klärt die nebulösen Verhältnisse, im wahrsten Wortsinn. 

Trendelborn, oh Trendelborn, Dich schuf der Herr in seinem Zorn. 

Nein, Irrtum, erstens heißt der Ort Trendelburg und zweitens ist es anders, als es sich gestern so anließ, denn Trendelburg und Umgebung strengen sich heute mächtig an. Schließlich kann man hier ja nun mal nichts für planerische Missstände in Bezug auf Brückenbau über die Weser. Das Wetter ist herrlich, die Landschaft frisch und urig, wir satteln, was sonst. Der Diemelradweg, an den der SP grenzt, lockt, und wir wollen mal Bad Karlshafen besuchen, dort, wo die Diemel in die Weser mündet. 17 km läuft‘s herrlich teils am Ufer des Flüsschens Diemel entlang, aber auch über weite Strecken auf mittlerer Höhe durch den Wald. Felsig ist es an manchen Stellen, steil geht der bewaldete Hang hinauf, unten fließt still und ruhig die Diemel.

Wir radeln an einem Kreuz direkt am Wegesrand mit Blumenschmuck vorbei. Den Namen "Jasmin" kann ich erkennen und gerade noch ein wackeliges Foto machen. Ob die junge Frau, an die dieses Kreuz am Wegesrand in dieser Stille erinnert, hier zu Tode gekommen ist? Eine grausige Vorstellung.

(Nachtrag:

Zuhause angekommen, lässt mir dieses Kreuz keine Ruhe. Ich habe so viel darüber nachgedacht, es steht ja dort nicht an einer Verkehrsstraße, wo sich ein Unfall hätte ereignen können. Die entsetzliche Ahnung bestätigt sich schnell: Jasmin, Mutter von zwei Kindern, joggte auf diesem Weg, ein irgendwann einmal abgewiesener Bekannter lauerte ihr auf, vergewaltigte sie mehrfach und erdrosselte sie. Und seine eigene hochschwangere Frau wartete zuhause, er sollte nur in einem Lokal die Feierlichkeiten für die Taufe seines zwei Tage später geborenen Kindes besprechen.)        

Der Duft von Heu liegt in der Luft, ein Hauch Herbst zeigt sich schon im Laub, schön entspannend radelt es sich durch die Licht- und Schattenspiele auf den Waldwegen. Wir gondeln hier herum, wissen überhaupt nicht, was uns erwartet. Und stehn so plötzlich vor einem großen Wiesengelände einer Straußenfarm. Die riesigen Vögel stolzieren herum, irgendwie gockeln die Mannsbilder unter ihnen mit stolz geschwellter Brust immer den Straußenhennen hinterher und warten, bis sich eine von ihnen in den Staub schmeißt, um sich dann sofort über sie herzumachen und sie zu beglücken. Ein flottes Vergnügen, ratz fatz erledigt, Henne springt auf, schüttelt sich, richtet sich kurz das Gefieder und entfernt sich, ihr Leben geht weiter, Gockel grinst und trabt mit geöffnetem Schnabel und wirrem Blick orientierungslos durch das Gehege. 

Also nicht, dass ich mich nun in den Staub zu schmeißen gedenke oder Wim herumgockeln würde .. dennoch aber gut, dass uns um die nächste Ecke Ablenkung erwartet, ein wunderschöner Fleck: ein ehemaliges Wasserschloss. Alte Mauern, Fachwerk, historische Gerätschaften, schöne Anbauten, alles sehr malerisch. An solchen Stellen können wir immer gut verweilen und gedankenverloren herum schlendern. 

Aber die Radtour wollen wir doch noch fortsetzen bis an die Weser. Weiter geht’s also durch bäuerliches Land, vorbei an Gänsen, Kühen, Schafen.

In Bad Karlshafen werfen wir einen Blick auf die Weser, ja, tatsächlich von einer Brücke hinab. Klinikbauten an einem Ufer, herrschaftliches Fachwerk am anderen. Ausflugsschiffchen fahren. Der CP am Ufer ist gut besucht. Wie so viele dieser „Bäder“ kann auch Bad Karlshafen unsere Herzen nicht gewinnen. Wir versuchen, die Gründe dafür bei einem Bierchen vor Ort herauszufinden. Sind es die Satzfetzen, die man zum Thema Kranksein und Reha so aufschnappt? Oder ist es das eigentümliche Warenangebot in den vielen Läden? Oder diese Mischung aus Gesundheitspraxen und Klinikfenstern? Oder einfach das Fehlen „normaler“ Bevölkerung mit ihren „normalen“ Alltäglichkeiten? Es wird eine Mischung aus allem sein. Bleibt nach Verlassen von Bad Karlshafen nur ein „nett“ als Wertung übrig. 

Dafür ist der Rückweg umso schöner. Flott verschlucken uns die Wälder, auf den Waldwegen saust es ganz schön dahin. Bis zu dem Moment, tja, als es plötzlich laut „ploooppp“ macht, sich das Fahrverhalten meines Rades mit Anhang stark verändert, ich absteige und den Schlamassel sehe: Plattfuß am Hinterrad, aber total, voll erwischt, 6 km vom SP irgendwo in der Einöde. Was nun? Womo hierher bringen, aussichtslos, nichts Straßenähnliches weit und breit. Wim nimmt also mein Rad und schiebt, Chianga und ich radeln mit Wims Rad, Bazou geht mit Wim zu Fuß. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Unsere Wege trennen sich. Aber nach einiger Entfernung bleibe ich auf einer sonnigen Bank sitzen und warte auf die beiden. Sehr mühsam musste Wim das Rad schleppen quasi, denn der hintere Reifen läuft durch den total labbelnden schweren Gummi überhaupt nicht mehr rund, sondern alles blockiert am Schutzblech und nichts rollt mehr. Wir frickeln nun das hintere Rad mit einer Hundeleine am Gestänge des Hängers fest, nachdem wir es in diesen reingehoben haben. Eine Art „Trike“ entsteht, fahrbar, oder besser: schiebbar. So kann Wim es wenigstens schieben und muss es nicht hinten auch noch anheben, weil nichts rollt. Das wären lange 6 km geworden. Irgendwann sind wir am Womo wieder beisammen, Wim und Bazou platt. Aber ansonsten ein herrlicher Tag. 

03.09.2020 Donnerstag

Stark bewölkt und nach Regen aussehend begrüßt uns der neue Tag. Gut, wir werden heute sowieso abreisen. Ziel soll Köln sein. Die Wetteraussichten machen keine Lust auf einen Zwischenstopp irgendwo im Sauerland oder Bergischen Land. Über die AB fahren wir zeitweise im Regen die 250 km bis Köln ohne Zwischenfälle. 

Der Dom, regenverhangen. Er gehört zu meinem Leben wie mein Heimatdörfchen in der Eifel. Wie die Gondeln über uns gondeln wir über die Zoobrücke Richtung Niehler Hafen.

Nun werden wir - als ehemalige Kölner - mal den Reisemobilhafen Köln kennenlernen. Die Zufahrt ist etwas versteckt, der Asphalt ziemlich mitgenommen. Am Ende zum Rheinufer hin sieht man dann das Weiß der Womos durch‘s Gebüsch blinzeln. Hier stehen dicht gedrängt viele Womos. Fraglich ist, ob alle noch ihre Türen öffnen können. Unmögliche Enge, und das in dieser Zeit des Abstands zueinander. Und absolut desolates Bild. Unfassbar und eine Schande, dass Womobilisten in einer Stadt wie Köln in solch Hinterhof ähnlichen Zuständen biwakieren müssen. Nicht zu fassen, wir sind sprachlos und empört. Abstellplatz Womos, aber kein Stellplatz, der Lust auf Köln macht. Einfach schlampig alles. Da rettet die direkte Rheinnähe auch nichts. Wenn man jetzt vergleicht mit den Plätzen, die wir in den letzten Tagen hatten. Mir ist schnell alles zu ordentlich, zu akurat, zu parzelliert, aber so etwas wie hier ist eine Zumutung und kein Aushängeschild. Wer anderes sagt, ist blind. Wirklich. Denn auch Lobeshymnen auf diesen Platz haben wir natürlich schon gelesen, aber wie gesagt, nur der Umstand, dass er recht passabel liegt, rechtfertigt die unmöglichen Zustände hier nicht. Also Abfahrt. Wir finden mit etlichen anderen Womos direkt am Rheinufer zwischen Bastei und Zoobrücke eine wunderbare Bleibe, Premiumlage Köln, quasi erste Reihe. Tagesparkkarte 5€, nachts 0€. Unser Lukas kommt mit Freundin Anna und Gyros im Gepäck. Ein toller Abend vor umwerfend schöner Skyline und meinem geliebten Dom vor Augen. 

04.09.2020 Freitag

Schön ruhig am vorbei flutenden Rhein haben wir genächtigt. Eine tolle Möglichkeit, hier mit dem Womo geduldet stehen zu dürfen. Hoffentlich ist dies noch lange erlaubt und möglich. Wenn unser Blick allerdings beim Rausfahren auf die Rheinuferstraße auf die unzähligen Papiertücher im kleinen Gebüsch- und Wiesenstreifen fällt, dann kann man diese Hoffnung eigentlich schon schnell begraben. Welche Schweine müssen das sein, die hier ihre Geschäfte erledigen. Man hat keine Worte. Obwohl ich mir sehr sehr sicher bin, dass ich welche finden würde, sähe ich nun jemandem dort hocken.

Hinüber über den Rhein geht es nochmal, wir wollen unserem Elektrofachmann und Womo-Spezialisten Ralf Kohl unser Concördchen vorstellen zwecks Verstärkung im Bereich Solar und Internet und mit ihm den Ausbau planen. 

Danach steuern wir zum Großeinkauf die Metro in Köln an und nehmen anschließend den direktem Weg nach Hause. Schön, wieder daheim zu sein. Im herrlich aufziehenden Abendrot gibt es einiges an tollen Er-Fahrungen zu berichten, denn darauf warten unsere Lieben zuhause immer. Wir sind halt eine reiselustige Familie.