Rückreise

06.06.2022 Montag 

Jetzt aber nix wie raus und über den Grenzfluss hinüber, ehe die am Rand liegenden Straßensperren aus Eisenkreuzen aufgebaut und der bündelweise liegende Nato-Stacheldraht ausgerollt wird. Und Hellas hat uns. Passend zum Blau-Weiß strahlt jetzt auch der Himmel. Die Grenzabfertigung ist sehr genau. Ein Mitarbeiter lässt sich alle Klappen im Womo öffnen, schaut sich genau im Inneren um, fragt nach Zigaretten und Alkohol und nach den Pässen für die Hunde, möchte sie aber letztlich nicht sehen. Der ganze Packen an Hundepapieren mit HTA und tierärztlichen und Titer-Bescheinigungen war ihm wohl Beweis genug. Wir dürfen rein, in die EU, wir dürfen „rüber machen“, und das mit Sack und Pack. 4 € Maut ist zu zahlen und wir rollen über beste AB.

Lieblich erscheint schon auf den ersten Kilometern das mir noch so gut in Erinnerung gebliebene Griechenland, auch wenn es Jahrzehnte zurück liegt und ich es bisher nur von den Inseln her kenne. Alte Olivenhaine und Weinfelder begeistern doch immer wieder. An die Beschilderungen muss man sich erst gewöhnen. 

Ausgesucht haben wir einen Küstenstreifen am Thrakischen Meer hinter Alexandroupolis als Ziel für heute. Von der Hauptstrecke geht es ab auf ein sehr kleines Sträßchen und sofort hügelig durchs Küstengebirge, was auch sonst!? Aber zum Meer hin wird es natürlich flach, und nach einer ersten Ortsdurchfahrt gelangen wir durch Olivenhaine an den Strand.

Hier finden wir auf einem Sand-/Wiesenstreifen eine sehr schön passende Parkmöglichkeit und hoffen, es stört niemanden. Auch wenn das verzehrte Spiegelei nicht die richtige Sorte Ei ist, mit dem ich den Berg Athos besuchen dürfte, so gewinne ich ihm doch etwas ab, diesem Heiligen Berg, der sich mittig vor uns in voller Pracht mit über 2000 m aus dem Meer erhebt. Die Sonne geht hier hinter uns unter, bringt den leider schon total im Seenebel verschwundenen Athos heute nicht mehr zum leuchten. 

07.06.2022 Dienstag

Eine friedliche Nacht lässt uns gut in den neuen Tag starten. Störungen gab es nicht. Fast könnte man sagen, das schon gewohnte Hundegebell fehlte nachts. Griechische Hunde bellen wohl nicht. Sehr angenehme Typen. Und wir verlassen die schmale Strandstraße mit den anliegenden gepflegten Häuschen. Hier lebt man sicher gerne, ob immer oder nur in Ferienzeiten kann man gar nicht sagen. Für dauerhaftes Wohnen scheinen sie jedenfalls alle ausgerüstet zu sein. Im Dörfchen hat sich der Gemüsemann schon positioniert, und wir schaffen den kleinen Anstieg an der Kirche vorbei.

Die AB ist schnell erreicht, es geht bergauf und bergab in dieser strahlenden blau-weißen Welt. Das unfassbare Blau des Meeres leuchtet immer wieder zu uns herauf. Das Wasser könnte einem im Mund zusammen laufen bei diesen Anblicken im Zusammenspiel mit der schroffen felsigen Landschaft zur Rechten und dem silbrig matten Olivengrün. So zieht sich die heutige Etappe von 200 km nicht lang, sondern sehr genussreich dahin. 

Und spannend, denn wo wir heute landen sollen, ist nicht ganz sicher. Ein CP wird in der Gegend hier, wo es ohnehin keine SP gibt, von Google angezeigt, allerdings zeigt sich an der Stelle auf dem Satellitenbild nichts ähnliches. Eine kleine Anlegestelle an einer Lagune ist zu sehen, eine Flussmündung in der Nähe. Da müsste sich, auch wenn es keinen CP gibt, doch irgendwas für eine Nacht finden lassen. Wir laufen ja gerne mal so ins Blaue - oder „Risiko“, könnte man es auch nennen, wobei sich das auf dieser Reise doch sehr in Grenzen halten musste, da wir ja noch den Tjaffer im Schlepptau haben. Und mit etwas Überlänge ist man eben nicht gerade so „beweglich“ und flexibel wie das Concördchen alleine mit seinen 6,99 m. 

Ungefähr in der Gegend des angezeigten CP angelangt, bringt die Zu-Fuß-Begehung das schon vermutete Ergebnis: nichts! Aber da liegen herrliche Strandwiesen in wunderschöner Alleinlage vor feinstem hellen Sandstrand und stahlblauem Meer. Blöderweise überholen uns doch in dieser einsamen Gegend gleich 4 PKW und klemmen sich auf eine festere Fläche am Strand, die perfekt für uns gewesen wäre. Mist! Wir legen uns um die nächste Ecke auf die Lauer. Warten. Scheint so, als ob es nur ein Badestopp für die PKW-Insassen werden soll. Wir beobachten jeden Handgriff, jeden Schritt, amüsieren uns und sind sehr schnell sicher, die räumen bald wieder das Feld, und dann gehört das Feld uns! Dazu müssen wir aber abhängen, denn mit Hänger wenden ist hier nicht möglich. Kein Problem, wir haben ja Zeit und treffen die nötigen Vorkehrungen. Mit Manneskraft und Frauenpower rangieren wir den Hänger im weichen Untergrund etwas herum. Ohne Fleiß kein Preis, so ist das eben. Es läuft alles planmäßig. Und wir nehmen unseren Preis entgegen, danken u. a. Gott, dass er solch ein Plätzchen erschaffen hat und den PKW, dass sie offenbar sofort weiter müssen, und unserem Concördchen, das nun in Flugrichtung sofort über den sandigen Weg in die Lücke der Begierde einfliegen und landen kann. Geschafft! Wir hängen wieder ab, da wir mit Hänger zu weit in den Weg ragen, lassen ihn auf die andere Seite des Weges rollen. Wim wendet das Womo, Hinterteil muss nach hinten, das war’s. Perfekter geht nicht! Eine schöne Zeit hier kann beginnen.

08.06.2022 Mittwoch

Zum Meeresrauschen schläft es sich nun einzigartig gut. Auch das Aufwachen zu dieser Melodie ist himmlisch schön. Eine Schildkröte marschiert schnellen Schritts durch die voller Schneckenhäuschen liegenden Wollgraswiesen, leider nicht unbemerkt von Gustavo, der nach Sichtung natürlich die morgendliche Stille jäh zerreißt, was der Schildkröte aber sowas von am Panzer abprallt. Mit einem „Schiet-egal“ setzt sie ungebremst ihre Reise fort. 

Wim erledigt noch ein paar Einkäufe im 8 km entfernten Ort, und der Strand wird genossen bei frischem Wind und Sonne-Wolken-Gemisch. 

Ansonsten ist es ein Tag wie jeder andere … oder hab ich etwas vergessen?

Der Jever-Mann sagt: „kein Stress, keine Termine“. 

Ich sage: „kein Müll, keine Scherben, keine Streuner“. 

Das ist doch was ?! Wenn das mal nix ist ??!! 

Zum Aufatmen phantastisch …

09.06.2022 Donnerstag

Nach zwei schönen Strandtagen verlassen wir unser Plätzchen auf der Strandwiese und rollen aus dem Schatten der großen Kiefer raus über den Schotterweg zur Straße. Etliche Angler sitzen mit vollem Equipment auf den Anlegern der Lagune. Petri Heil.

Und Heil suchen wir auch, müssen wir suchen, denn Chiangas Ohren machen ihr wieder, wie so oft, deutlich Probleme. Spülen hilft nichts mehr, auch wie so oft. Da muss wohl mal wieder Medizin eingreifen. Es ist schlimm. Wirkliche Ursache konnte bisher trotz aller nur denkbaren Untersuchungen und Tests nicht gefunden werden. So bekämpfen wir immer nur die Symptome. Thessaloniki, 100 km von hier, liegt ohnehin auf unserer weiteren Route. Und der ergoogelte Tierarzt hat heute um 12 Uhr Zeit für uns. Was ein Glück! Nach Tierarzt in Fes und Estland und Murcia ist nun mal einer in Griechenland dran. Die AB bis dorthin führt weit an der Küste entlang, dann an zwei kilometerlangen Seen vorbei, eingebettet in wunderschöne Landschaft. Die Bergwelt zur Rechten gehört wohl den Ziegenhirten. Sehr viele Höfe mit niedrigen schattigen Stallungen sieht man an den Hügeln liegen, große Ziegenherden fressen sich durch die Lande. 

Gemütlich erreichen wir Thessaloniki, das sich groß und weit vor uns ausbreitet. Abfahren von der AB, und ein kleiner Schlenker ist nötig, aber glücklicherweise nicht abenteuerlich, denn es herrscht sehr viel Verkehr, die Straße steigt ordentlich an und Wendemöglichkeiten reichlich wenig bis gar keine. Parken - tja, nicht so einfach auf viel belebter Geschäftsstraße mit unserer Länge. Da braucht es schon gleich mehrere freie Parktaschen. Abzweigende Straßen erwecken nicht den Eindruck, als ließen sie uns schadlos wieder raus. Also müssen wir uns irgendwie irgendwo reinklemmen. Was auch gelingt, sogar direkt vor der Praxis. Glücklicherweise ist die Entzündung nicht weit fortgeschritten. Wir bekommen Tinktur für morgens und Salbe für abends. Mannomann, wenn es den Hunden nicht gut geht, ist man echt kein Mensch. 

Happy ziehen wir weiter und erreichen nach einer Rastplatz-Pause den Grenzübergang nach Nordmazedonien. Die griechischen Zollmitarbeiter prüfen alles sehr freundlich und genau, lassen sich auch die Papiere für die Hunde zeigen. An der mazedonischen Station geht es auch gewissenhaft, aber etwas unaufgeräumter zu, man ist lustig und grüßt mehrfach, und schnell sind wir abgefertigt. 

Mazedonien präsentiert sich exakt so, wie wir uns das ahnungslos vorgestellt hatten: wild, gebirgig, ursprünglich. Der Straßenzustand ist beruhigend passabel, die insgesamt 200 km heute wohl keine unerwartete Anstrengung, obwohl es sehr heiß und schwül ist bei satten gewitterträchtigen 34 Grad. Langgezogen ziehen sich bewaldete Bergketten dahin, an deren Hängen nur wenige Dörfer kleben. Berge vor und dahinter stapeln und schichten sich, wilde Schluchten tun sich auf. 

An unserem Zielort Demir Irgendwas weisen perfekte Hinweisschilder den Weg. Etliche Weingüter liegen hier, manche bieten ausdrücklich SP an. Wir steuern das Popova Kula an und sind gespannt, was uns erwartet. Auch diese Situationen finden wir am Womo-Reisen so reizvoll. Es ist ganz einfach schön spannend. Wird man staunen und begeistert sein oder sagen müssen, für eine Nacht ok, aber ansonsten nix wie weg …

Die Anfahrt ist dann doch noch so misslich, dass Wim zunächst wieder eine Zu-Fuß-Begehung unternimmt. Über eine sehr holprige Dorfgasse muss das Concördchen nämlich ganz schön hinauf schnaufen und vor Inangriffnahme des letzten Steilstücks am schon sichtbaren schönen alten Weingut wird erstmal gestoppt und die Lage gepeilt. Aber alles ist machbar, und wir schleppen uns hinauf in wunderbare Position Auge in Auge mit dem trutzigen Weingutturm an den Rebenfeldern mit herrlichem Ausblick. 

Kurz nach uns gesellt sich ein Mitcamper-Paar dazu. Sie kennen den Platz und kommen auf ihren Durchreisen immer gerne hierher. Auch das Restaurant biete leckere Speisen und vor allem einen köstlichen Wein. Na dann, wenn das so ist, gehn wir doch mal direkt abends zusammen speisen und plaudern und Spaß haben und hinterher sagen: Ein toller Abend ! Rita und Reinhard … das machen wir nochmal ;-). 

10.06.2022 Freitag

Geplant hatten wir einen zweiten Tag hier auf dem Weingut, aber es ist bei sehr gewittrigem Wetter und einigen kräftigen Regengüssen am Abend und in der Nacht leider das Blau abhanden gekommen. Bei drückenden +34 Grad macht es keinen Spaß, da ist die Weiterreise die bessere Lösung. So packen wir auf und fahren durch das kleine Örtchen, das deutlich erkennen lässt, dass es den Menschen hier an einigem fehlt, was nicht unbedingt etwas mit Glücklichsein und Zufriedenheit oder nicht zu tun haben muss, und rollen Richtung Autobahn.

An der ehemals wichtigsten Verbindungsstrecke zwischen Mittel- und Südeuropa, die auch unter dem Namen „Autoput Bratstvo i jedinstvo“ zweifelhafte Berühmtheit wegen abenteuerlicher Streckenführung, miserablem Zustand, hoher Unfallgefahr und größter Auslastung durch LKW- und Gastarbeiterverkehr erlangte, liegt die Ausgrabungsstätte der antiken Stadt Stobi mit den bedeutendsten antiken Überresten des Landes. Man fragt sich zunächst, warum hier auf dem platten Land in wenig wehrhafter Lage solch ein Hauptort überhaupt Sinn machte. Aber Stobi lag an der Mündung des Flusses Erigon in den Vardar und damit an der Hauptstrecke, die die mittlere Donau mit der Küste der Ägäis verband. Nach mehrfachen Besiedelungen erlangten die Römer im 2. Jahrhundert v. Chr. die Herrschaft. In der Stadt kreuzten sich mehrere Römerstraßen, was der Entwicklung der Stadt zum Aufschwung und der Bevölkerung natürlich zu Wohlstand verhalf. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts begann der Niedergang der Stadt. 479 wurde sie von den Ostgoten eingenommen und geplündert, 518 von einem starken Erdbeben verwüstet und 30 Jahre später schließlich aufgegeben.

Das Grabungsgelände und die restaurierten Gebäude bilden ein Freilichtmuseum, das noch sehr deutlich erkennen lässt, wie hier gelebt wurde. Neben Palästen sind die Ruinen von Badehäusern und Thermen zu sehen, natürlich ein Amphitheater, eine Basilika mit Baptisterium, und selbst ein Gefängnis brauchte man. 

Im weitläufig überschaubaren Gelände sind seit dem Ersten Weltkrieg Archäologen damit befasst, immer Neues zu Tage zu fördern. Auch jetzt geben sich Menschen dieser Aufgabe - oder eher Berufung hin. 

Besonders beeindruckend sind neben den Steinmetzarbeiten an den Säulen und den ausliegenden Steinplatten die freigelegten und restaurierten Fußbodenmosaiken. Es muss damals prachtvoll gewesen sein. 

Weiter geht es durch ein auf den ersten Blick sprödes raues Land. Die Menschen in den wenigen Ortschaften sind freundlich und winken zurück. Verkaufsstände reihen sich am Fahrbahnrand. Einige Polizeikontrollen und Geschwindigkeitsmessungen können wir ohne Winken bzw. Rauswinken passieren. 

Das von unserem Navi-Rüdiger bereit gestellte Höhenprofil für heute ist knackig. Von 400 bis 1200 m muss geklettert werden und wieder talwärts. Und das leider leider bei unschönem Wetter. Die wilde Bergwelt hätte unter blauem Himmel sicher beeindruckende Bilder geliefert. So wirkt eben alles etwas nebulös, aber wir sind froh, uns nicht auch noch durch eine Nebelsuppe im Gebirge langsam tasten zu müssen. 

Weite Landstriche werden landwirtschaftlich genutzt mit vielen kleineren Äckern, statt riesiger Felder so weit das Auge reicht. Gelegentlich sieht man Minarette aber ebenso Kirchen in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Orthodoxe Christentum und der Islam prägen das heutige Nordmazedonien seit Jahrhunderten. 

Beim Durchfahren der nächsten kleinen Stadt kommen, auch wegen der scheinbaren Vorliebe für puderige Farben, Gedanken an winterliche Ansichten irgendwo im gebirgigen Frankreich auf. Ein Versuch, den an jeder Ecke sichtbaren maroden und abgelebten Zustand zu beschönigen. Das regnerische Wetter hilft der Tristesse so richtig auf die Sprünge. Hinzu kommt, dass mein Lieblingsobjektiv seinen Dienst verweigert, das sogenannte „Pancake“ ist kaputt, tut nix mehr, was meine Stimmung natürlich nicht positiv beeinflusst und die von Wim gleich mit, weil ich rummaule. Wenn mich was nervt, dann sowas, Probleme mit der Kamera. Aber nicht jeder Tag kann ein guter sein. 

Bald haben wir es geschafft, das Baba-Gebirge liegt hinter uns und Orchid vor uns, geschäftig und regenverhangen. 

Den gewählten SP am See erreichen wir schnell. Freundlich öffnet uns ein lustiger Typ das Tor. Wir haben freie Wahl, können uns mit Seeblick ausbreiten, egal wie, es sei ja noch keine Saison. Das Wetter ist nicht einladend, alle Liegen verwaist, so hat die Gemütlichkeit im Womo gute Chancen, sich hervor zu tun. 

11.06.2022 Samstag

Zwischen einzelnen gewittrigen Schauern drehen wir eine Tjaffer-Runde Richtung Süden, teilweise am Seeufer entlang. Die Strecke verläuft zum Teil schmal und mit bis zu 15 % Steigung, also keine Kleinigkeit. Häuser kleben an zerklüfteten steilen Hängen vor bis zu 2000 m hohen Bergrücken, in den wenigen Örtchen führen Stichstraßen steil bergab zum See. Viele Lokale liegen an der Straße, sind kaum besucht. Vor den Hotels sieht man große Busse, etliche mit griechischen Kennzeichen. Alles wirkt einfach und instandsetzungsbedürftig, auch da, wo 4 Sterne ausgewiesen werden. Im Gegensatz dazu begegnen uns sehr viele schwere hochpreisige SUV. Die Bewohner hier werden Allrad-Fahrzeuge sicher brauchen, aber auch für Touristen ist hier die angesagte Gegend, die sich aber ganz sicher nur wenige finanziell erlauben können. Nicht umsonst gilt z. B. das kleine 300-Seelen-Fischerdorf Trpejca bei den Einheimischen als das Saint-Tropez Mazedoniens. 

Nachmittags klart es auf, sogar ein paar Geckos huschen über das Mäuerchen zur Seewiese hin und mir unerschrocken fast über die Füße. Auch der klare Blick heute am Seeufer entlang und hinüber ans albanische Ufer ist herrlich. Der hier in 700 m Höhe liegende, bis zu 300 m tiefe Ohridsee mit Fischarten, die man nur noch im Baikalsee finden kann, schimmert Türkis und in allen möglichen Blautönen. Das, was ihn und den Nationalpark ringsum ins UNESCO-Welterbe gebracht haben, wird für uns bei schönerem Wetter natürlich deutlicher, wozu auch gehört, dass der See nicht nur der größte des Landes ist, sondern über 2 Millionen Jahre alt ist, und damit der älteste See Europas, und mit zu den ältesten Seen der Erde zählt.

Der Abend bringt mit stürmischem See und wenig bewölktem Himmel Hoffnung auf gutes Wetter. Geplant ist nämlich ein Radausflug. 

12.06.2022 Sonntag

Und tatsächlich scheint die Sonne, gut, nicht ganztags, Gewittergrollen tönt auch immer mal, aber Regen hält sich in Grenzen, so dass Wim die Räder sattelt und wir uns auf den Weg über die Promenade Richtung Ohrid machen. Gut ausgebaut ist das kurze Stück von 3 km mit schönen Blicken auf den uralten See und die umliegenden Berge.

Im Verlauf füllt es sich. Viele Besucher sind unterwegs hier im touristischen Zentrum des Sees. Zwischen möglichen Regengüssen muss man sich etwas bewegen an diesem geschichtsträchtigen Ort, der einst sage und schreibe 365 Kirchen hatte und so zu dem Namen „Jerusalem des Balkans“ gekommen ist. 

Eine köstliche Pizza können wir uns noch erlauben, bevor es wieder zurück gehen muss zur Vermeidung völliger Durchnässung. Manchmal ist es eben so und nicht anders. Interessant ist eventuell für den ein oder anderen, dass wir in einem italienischen Ristorante in Bestlage an der Promenade für 2 große Pizzen und 2 Bier umgerechnet 13 € bezahlt haben.

Berücksichtigt man dann noch, dass die Pizzen so nachhaltig gesättigt haben, dass wir abends nur noch etwas knabbern, dann waren sie echt super günstig. Satt machen zudem die satten Farben am Abendhimmel … ein Augenblick schöner als der andere. Und morgen … morgen steht Albanien auf dem Plan. Wir sind echt gespannt! 

13.06.2022 Montag  

Mit ein paar letzten blauen Eindrücken entlässt uns unser schönes Quartier am See. Albanien ruft. 

Im Städtchen Ohrid herrscht Geschäftigkeit. Es fällt wie gestern schon auf, dass viele Gruppen von jungen Männern herum ziehen, Gruppen junger Frauen sieht man gar nicht. Die Cafes sind gut besucht, ältere Männer treffen sich, aber auch Frauen sitzen und genießen Schwätzchen und Käffchen oder Tee.

Nach dem Ortsausgang geht es ein Stück weit am See entlang. Die Bebauung wechselt so variantenreich wie der Straßenbelag. Von Strechlimousine über Nobelhütte mit Edelstahlgeländer, Blumenwiesen vor Bergketten, bis hin zu abenteuerlichen Bauhöfen und Spielcasinos findet sich alles auf ein paar Kilometern. Man hat manchmal nicht Augen genug.

Das Seeufer ist bald verschwunden. Wir schlagen uns aufwärts in die gebirgige Welt zur Grenze hin, die schnell erscheint. Die Zeit, die Wim nach reibungsloser Abfertigung bei Ausreise aus Nordmazedonien damit verbringt, den am Hänger baumelnden, abgebrochenen Stoßdämpfer abzumontieren, auf den uns der Zollmitarbeiter freundlicherweise hingewiesen hat, vertreibe ich mir mit Fotografieren der allerletzten Blüten Nordmazedoniens, mit und ohne Stacheldraht. Und dann lässt uns Albanien mit strahlendem Lächeln seines Polizeibeamten ohne Vorbehalt einreisen. 

Der erste Blick streift eine absolut marode Baustelleneinrichtung. Man glaubt nicht, dass damit noch gearbeitet werden kann. Die Schrift auf der Beschilderung am Weg lässt für uns rein gar nix erkennen. Die überall aus der Erde guckenden halbrunden Schießschächte aus Beton machen nachdenklich, trotz almartig schöner Wiesen.

Aber dann … spektakulärer geht es kaum. So empfängt uns Albanien, nämlich mit einer wahnsinnig tollen Draufsicht auf ein kleines Städtchen mit See und wilder felsiger Natur drum herum, durch die wir uns nach tief unten schlängeln. Und ein Bierchen hält man auch schon für uns bereit. Richtig so! Albanien, Albanien, aus uns könnte was werden.

Auch im Örtchen selber staunen wir. Manches ist wirklich witzig, wie z. B. die an jeder Ecke am Straßenrand rausschießenden Wasserfontänen, an denen Männer uns zur Wagenwäsche rauswinken, anderes wirkt eigentümlich, aber schön und interessant. Klar, heute ist das Wetter phantastisch, da wirkt alles gleich einladender als vor Tagen beim Start hinein nach Nordmazedonien. Und die große Hitze mit Schwüle geben die Fotos ja nicht wieder, die drückt schon sehr, vor allem, weil unsere Klimaanlage wieder mal seit Tagen ausgefallen ist, sich mit „Klimaanlage defekt“ im Mäusekino verabschiedete und nicht mal mehr der normale Lüfter anspringt. Nebenbei: wegen diesem Problem, das seit Übernahme des Concördchens besteht, fanden bereits 3 Instandsetzungen mit Vollaustausch Klimaanlage bei den Fachmännern von Iveco statt, Versuche wohl, wie sich jetzt wieder zeigt. Da darf man gar nicht drüber nachdenken, auch nicht darüber, dass eine entsprechende Mail an die Werkstatt seit 2 Wochen einfach nicht bestätigt, geschweige denn beantwortet wird. So knallt man dann auch auf Reisen hart in der Realität und Normalität des Alltags auf, hart und heiß.

Der heutigen Route von 100 km haben wir sehr gespannt entgegen gesehen. Sie führt nämlich sehr kurvenreich hinauf und hinab, viele Lokale liegen an der Strecke, auch Werkstätten, und es herrscht ziemlich Verkehr. Es gibt nicht die Menge an Verbindungsstraßen zur Küste hin. Und im Landesinneren drohnen hohe Berge. Parallel zur Straße zieht sich auch die Eisenbahnlinie, erbaut in der Zeit von Enver Hoxha, dem jahrzehntelangen Diktator des Landes, auf dessen Initiative hin zur Verteidigung Albaniens 750.000 Bunker im Land gebaut wurden, was eine extreme Belastung der albanischen Wirtschaft auf Jahre hin bedeutete und zudem im Volk ein ängstigendes Bild permanenter äußerer Bedrohung entstehen ließ. Bedrohlich wirken im Moment nur die Pfeiler und Brücken der Gleisanlage. Ob da überhaupt noch sog. Schienenverkehr stattfindet …?

Durch ein Städtchen mit feiner bunter Tribünenanlage am Fluss fahren wir und nehmen Anlauf zur letzten Schluchten-Etappe für heute. 

Und „wild-romantisch“ klingt vielleicht abgedroschen, aber hier ist nichts abgedroschen, allenfalls ausgespült, und das wird uns vom Land sensationell präsentiert. Fordernd und anstrengend für Fahrer und Freizeitfahrzeug, berauschend für Beifahrerin und Kamera, schaurig und leidvoll für die Familien, die an etlichen Stellen zum Angedenken ihrer Verunglückten blumengeschmückte Kreuze und Inschriften am Straßenrand angebracht haben. 

Der neben der schmalen Straße fließende Fluss Lumi Shkumbin, dessen Name auch zu einem frisch-spritzigen neukreierten Longdrink passen würde, stürzt sich wunderschön, unaufhaltsam und stetig ins Tal. Wir klettern nebenher, winden uns an den Steilwänden entlang, bis sich das Tal durch den Zufluss eines weiteren Flusses weitet und wir rosigen Zeiten entgegen sehen. Dort nämlich liegen vor einem Straßendorf, das unser heutiges Ziel ist, große Felder mit in vielen Farben blühenden Rosen. 

Und vor einem der nächsten Häuser winkt uns auch schon ein Mann herbei. Wohnmobil? Das kann ja nur zu ihm wollen. Wie Recht er hat. Seine Familie und er betreiben hier einen CP. Er spricht sehr gut Deutsch, hat 30 Jahre in Bayern gearbeitet, ist jetzt aber wieder in der Heimat für immer. Eine Wiese voller Hühner und Enten, Blick auf die Berge, einen tollen Aufenthaltsraum für Gäste und Hilfe bei Kfz-Problemen, das hat er im Angebot. Wir nehmen es an. Schön geparkt harren wir dem Gewitter entgegen, dass sich unüberhörbar ankündigt und hoffentlich einen Teil der Schwüle irgendwohin mitnehmen wird. 

14.06.2022 Dienstag

Heute tut sich außer Hühner- und Entenscharen beobachten kaum etwas. Heiß ist es, Schatten bietet die Markise, und das - und nur das - nutzen wir. Unser Gastgeber erzählt mit uns. Die ganze Familie lebe hier seit 2010. 2003 habe er teilweise das Gelände gekauft, aber erst mal alles zum Wohnen hergerichtet. Dann sei seine Mutter aus der Stadt mitgekommen. Eines seiner 3 Kinder lebe in Deutschland. Der jüngste Sohn Frido, 17 Jahre, werde hoffentlich mal alles übernehmen und weiterführen, noch sei alles unproblematisch. Die Mutter zieht inmitten einer Federviehschar über die Wiese. Man sieht ihr an, dass sie in ihrem Leben viel gearbeitet hat, sie hat aber einen sehr festen und entschlossenen Tritt und ist schnell unterwegs. Über ihr Alter hatten Wim und ich schon spekuliert. Ja, sie sei 85. Also da staunen wir, das hätten wir nie getippt. Ob das wohl an den gesunden Eiern und Hühnchen liegen könnte, frag ich ihn. Nein nein, sie würden nur immer schon gesund leben, essen alle kein Fleisch, bzw. nur sehr selten. Geschlachtet werden nur wirklich altersschwache Tiere, die Mutter kocht sie und füttert damit die Katzen und Hunde. Ansonsten biete der Markt genügend Gemüse, und Obst aller Sorten habe man im eigenen Garten, so viel, dass in der Erntezeit auch die Camper sich bedienen dürften. Die Mutter koche Marmelade, sei immer beschäftigt mit irgendwas. Die Olivenernte würde dieses Jahr wieder gut. Er prüft einen Zweig und erzählt, in der Familie habe jemand eine moderne Pressanlage, dorthin bringe er die Oliven, und käme mit seinem eigenen tollen Öl in Flaschen wieder nach Hause. Das sei sehr wichtig, immer gäbe es Salat, morgens, mittags und abends, Salz darauf und das Öl. Mehr brauche man nicht. Und Krankheiten seien nie ein Thema in seiner Familie gewesen. Die Mutter winkt uns zu, fuchtelt mit einer kleinen Rute in Richtung eines Hühnchens, das ihr nicht in den Stall folgen will. Abends müssen alle in den Stall, auch die, die sich hinter dem Zaun in Richtung Fluss schon mal verselbständigen und auf ihre Hühnerbeine machen. Die werden alle aufgespürt von der Mutter und eingesammelt. Es sei zu gefährlich. Wilde Hunde oder irgendwas Nachtaktives könnte sie schnappen. Und sie hätten noch nie ein Tier auf diese Art verloren. Erstaunlich wirklich, dass die Familie das so genau weiß, denn es sind unheimlich viele Hühner. Und ein ganz neugieriges Küken kommt noch arglos sehr nah an den Grill heran, scheinbar hat es keine Mutter, keine Tanten, die ihm berichten, wie so ein Hühnchenleben auch enden kann …

15.06.2022 Mittwoch

Heute morgen kommt ein Auto-Spezialist vorbei mit einem Auslesecomputer. Unser Concördchen spuckte vorgestern auf dem Weg hierher - natürlich mitten in der Schlucht, wo sonst - eine Fehlermeldung im Mäusekino aus. EDC-Symbol leuchtete permanent rot. Lt. Handbuch bedeutet das, sofort Service anfahren. Prima. Wir hangelten uns dann schweißtreibend und zähneknirschend 50 km zum CP, da in den Weiten des Netzes zu lesen war, dass der Betreiber sich auch bei Kfz-Problemen helfend einschaltet. Das tat er auch sehr fürsorglich. Nun wird jedenfalls ausgelesen, dieser „Fehlerspeicher“ muss Farbe bekennen. Er nennt Fehler-Codes, die es notwendig machen, eine Werkstatt aufzusuchen. Gut, warum auch nicht mal Iveco Tirana anfahren, warum nicht!? Wir könnten k…. Hürden dieser Art braucht kein Mensch. Aber Jammern hilft nichts, nur Aufpacken und Hinfahren kann helfen. Los dann …

Die 100 km Fahrstrecke bis dorthin nehmen wir sehr sehr nervös in Angriff. Hoffentlich schaffen wir es, ohne Notlandung und Abschleppen zwischendurch. Aber der Motor läuft ohne Murren, Fehlermeldung nicht mehr da, auch keine andere! So können wir die wirklich herrliche Landschaft rund um die Route genießen.

Alles wirkt sehr echt, authentisch. Man wohnt schön, hat große Gärten, Produkte werden überall angeboten. 

Straßenmärkte, geschäftige Örtchen, wilde Flüsse, beschauliche Dörfer, schwere Karossen und Eselskarren - abwechslungsreich und von allem etwas bietet der Weg Richtung Küste. 

In Durres am Meer wird es natürlich städtisch. Zum Meer hin ragen mehrstöckige Häuser in den Himmel. Trotzdem hat der Melonenmann, der seine Ware direkt vom Karren in einer Seitenstraße verkauft, in Nachbarschaft zum irgendwie wie vom Himmel gefallen anmutenden Palast, sein Auskommen. So hofft man. 

Um 12 Uhr erblicken wir nach Anfahrt über eine eigentlich autobahnartige mehrspurige Straße, die allerdings mit mörderischem Asphalt aufwartet, das Objekt unserer Begierde: Iveco. Scheint tadellos zu sein, aufgeräumter Laden, freundlicher Empfang, tadellose Werkstatt, in der eine Putzfee in allen Ecken ständig rumwuselt und rumwedelt. Nach einigen Abklärungen und Auslesungen mit jeweils endlos Wartezeit können wir mit der Diagnose „Turbolader ersetzen“ und einem Termin für nächsten Montag, da eher rein gar nix möglich ist, um 16 Uhr zunächst wieder abziehen. Bemerkenswert finden wir die lange Wartezeit, vor allem auch, dass uns nicht mal ein Kaffee oder Wasser angeboten wurde, erwähnen wollen wir es nur deswegen, weil einem das so in der Türkei nicht passiert wäre, geschweige denn in Marokko.

Lässt der Bau, der dann auf unserer Suche nach dem „Wohin-Jetzt“ unübersehbar in den Blick gerät, auf einen gewissen Qualitätsstandard der Umgebung schließen, so erleben wir was …  

Navi-Rüdiger peilt den erwählten CP Tirana an, wohlgemerkt: kein park4night-PP im Irgendwo, keine selbst ergoogelte Ausbuchtung auf einer Traumsicht-Anhöhe, keine Flachstelle am See oder Fischerparkplatz Lagunenland, nein, alles nicht, sondern ein Campingplatz, stinknormal Campingplatz ! Wir wollen sicher gehn, heute wird nichts Abenteuerliches mehr gebraucht. Die Berichte werden sonst auch immer so lang. Gut, klein ist er, der CP, am See liegt er, viel Freiraum drumrum, sehr schön beschrieben alles, ausführlich auch, ja. Nur: dass die Zuwegung derart chaotisch und eigentlich nicht machbar ist, das verschwieg jeder! Jeder! Einfach nur sträflich. Grenzt an vorsätzliche Körperverletzung! Echt! Möglicherweise gibt es eine weitere Anfahrmöglichkeit, die unser Rüdiger, programmiert auf über 5 to mit Hänger, auf die Schnelle nicht parat hat. Aber gelegentlich liest man auch auf Beschreibungen der CP: „Anfahrt über Soundso nicht wählen, sondern nur über Kucklebaum anreisen“. Ach ja … wir stecken jedenfalls auf der Route Soundso, füllen diese komplett aus, chancenlos, den unsäglichen Schlaglöchern und Asphaltwülsten auf steilsten Pfaden voller Schafsköttel auszuweichen. Wenden? Ja! Setzen, nächste Frage! Ich bin wirklich kein Jammerlappen, keine ängstliche Natur, aber das hier! Sollte man mal „besten Freunden“ empfehlen ;-). Abgesehen davon, dass sich ältere Männer, die plötzlich an Krücken auf Dorfgassen in Hanglagen rumstehen und unsere Flugrichtung blockieren, durch Sprünge in die tiefen Rinnsale retten müssen, da wir nur mit Schwung weiter kommen und uns ein Abbremsen nicht leisten können, schwenkt auch noch ein völlig besoffener rundlicher Mann im tiefroten Shirt und ebensolcher Gesichtsfarbe breitspurig über die Engstelle und droht unterhalb meines Beifahrerfensters an der Concördchen-Außenhaut mit seinen aufgequollenen Backen lallend festzukleben. Wahnsinn, einfach der Wahnsinn! Aber der ist ausbau- und vor allem steigerungsfähig. Noch sind wir nicht oben. Man denkt ja in solch einem Verlauf immer, dass es sich gleich regeln wird, dass gleich die Einfahrt kommen muss, dass glücklicherweise kein Gegenverkehr herrscht und nicht eine Ziegenherde über die Kuppe, die man mit Schmackes nehmen muss, guckt. Der Humor wird dann schnell makaber. „Wild gewordenes deutsches Womo metzelt unschuldige Ziegen und richtet Blutbad im albanischen gebirgigen Hinterland an - Ausreiseverbot wurde verhängt - das Auswärtige Amt wird sich in unabsehbarer Zeit vermittelnd einschalten“. 

Als eine harmlose spaßige albanische Hausfrau sich an ihrem Gartentor zur von uns befahrenen Eselsroute hin vor Lachen ihren bunt beschürzten Bauch hält, sie ihre Hand zum Winken und ich nach Zuzwinkern zum Augen-zuhalten brauche, Wim sich auf seinem schweißnassen Sitz ins Geschirr schmeißt und das Concördchen zur hoffentlich letzten Kuppe peitscht, erscheint uns, steigungsbedingt wie beim Start eines Jets tief in die Sitze gepresst, seitlich rechts weit oben, da wo der Asphalt ins Nirgendwo abzubrechen scheint, ein Hinweisschild „Camping Tirana 1,5 km“. Neeee, echt jetzt!? Das Concördchen strabbelt und zappelt sich auf die Kuppe auf einen fast schon halbrunden Kreuzungsbereich. Halbrund meint hier die Wölbung der zwei sich kreuzenden Fahrbahnen zu den Seitenrändern hin, deren Mittelbereich ohne Weiteres geeignet wäre, einem Unterflurtanks abzureißen. So, damit haben wir den Gipfel erreicht. Geradeaus dem CP-Schild folgend könnten wir uns noch eine grobkiesig ausgespülte tieffaltige Furt hinab stürzen. Wohlwissend, dass sich 1,5 km ewig lang ziehen können, manövriert Wim unter Hilfestellung der vielköpfigen Insassen eines mittlerweile dazu gekommenen Kleinwagens mit Frittentheke herum, zieht vor, drückt zurück, und alles nochmal, Wenden mit Hänger in tiefer Senke auf bedenklichem Untergrund im schwierigen Gelände bei +36 Grad (Fahrsicherheitstraining ADAC Stufe 17 A - Teilnehmerkreis: Alte Hasen mit Scheißegal und Mir-kann-keiner-Naturell). Und tatsächlich, ohne dass die ganze Klamotte mittig auseinander bricht und sich die Hängerdeichsel für ein Singleleben entscheiden würde, zeigt unsere Schnauze wieder in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Der Abgrund liegt vor uns. Der Schanzentisch ebenfalls. Das Concördchen geht in die Hocke und wir davon aus, dass sich der Besoffski von eben mittlerweile in Sicherheit gebracht hat und schnarchend auf heimischem Sofa röchelt. Seine Kumpels mit den Krücken werden auch die Örtlichkeit verlassen haben, hoffen wir mal, und lassen laufen, talwärts. 

Ein paar tolle Ansichten auf die Welt unten gab‘s dann doch noch. Schöne Gegend hier. Im Nachhinein denke ich, ich hätte mehr Fotos machen sollen. Vor allem vom Kreuzungsbereich, der mit dem nicht vorhandenen Wendehammer.

Egal, jetzt aber flott zum anderen SP an einem Hotel mit Pool, zisch prickel, allein schon beim Lesen ein Genuss. Es sind nur 17 km, gut, über die lt. Google breitere Straße 24 km. Lockere Geschichte. Wenn nur nicht dieser Feierabendverkehr Nähe Tirana wäre … irgendwas ist doch immer. An mancher Ecke sind wir sicher, dass sich der motorisierte Blechknoten vor uns nie mehr wird entwurschteln können. Ähnlich einer Lichterkette, die man an Heiligabend aus dem Karton nimmt, um den Baum zu schmücken, und die sich hoffnungslos forever miteinander verwoben zu haben scheint, so keilen sich die Autostränge auf dem wiederum sprachlos machenden Straßenbelag ineinander, verzahnen sich, rollen im Knubbel auf Kreisverkehre zu, die etwas entzerren. Jeder weiß, wie das gemeint ist, wenn wir unsere Bedenken äußern und Angst um einen Badeschlappenverkaufsständer haben, der sich evtl. doch noch in unserem Hänger verheddern könnte oder uns ohne Bezahlung einfach einen Kunstblumenstrauß am Seitenspiegel mitnehmen. Sehr Souk-erfahren aus Marokko ist dies hier echt auch eine verschärfte Nummer. 

Aber auch aus dieser kommen wir raus, raus kommt man doch immer. Und an Mutter Theresa und jede Menge Möbelläden vorbei erreichen wir unser Nachtlager für heute oder die nächsten Tage bis zum Werkstatttermin.

Gut beschildert und ebenerdig können wir auf dem tadellos gepflegten Areal an einem Hotel eine Lücke auf grünem Rasen beziehen. Ein Kuchenstückchen geht noch und Schluss für heute. 

16.06.2022 Donnerstag

Eine gute Nacht trotz der gestrigen Horrorsuche liegt hinter uns, die uns glücklicherweise nachts nicht auch noch durch Verarbeitung auf den Geist ging. Hart gesotten sind wir wohl oder mittlerweile resignierend weichgekocht, man weiß es nicht. Heute steht jedenfalls nichts auf dem Programm … außer Begehung unseres 10. Hochzeitstages. Wir lassen uns aus gegebenem Anlass zum mittäglichen Campari an der Hotel-Bar frischen OSaft pressen, eine kleine Käse-Schinken-Platte kommt mit dazu, und „vom Haus“ wird ein Obstteller einfach so spendiert, wie gestern Abend zur Begrüßung ein paar leckere Käsehäppchen und Fleischröllchen. Also sowas haben wir auch noch nie erlebt, auch nicht, dass uns nachmittags eine Portion Eis gebracht wird, ebenfalls einfach so. Das ist ein Service hier! Da steht der einleitende Satz auf der Speisekarte, die wir uns abends zu Gemüte führen und gegrillte Leber und Rinderrippchen wählen, nicht umsonst. „Sie sind bei uns willkommen“ … ja, das merkt man deutlich, nicht nur an dem zum Nachtisch gereichten Obst mit Eis, einfach so. Ein sehr aufmerksamer freundlicher Service und ein leckeres Essen runden einen schönen faulen Tag ab. 

17.06.2022 Freitag

Und der heutige Tag verläuft ähnlich, nur nicht gerade so opulent was das Essen angeht. Wir bestellen eine Pizza. Toll, riesig, knusprig und köstlich, 5 € umgerechnet. Und am Nachmittag serviert man uns den wohl schon obligatorischen Obstteller auf‘s Haus frei Haus ans Womo. 

18.06.2022 Samstag

Und auch heute ändert sich nicht viel. Der Pool wird genutzt. Der Obstteller verzehrt. Zusätzlich legt uns der Chef des Hauses eine Gurke ans Herz quasi. In den Rabatten rundum die Plätze wächst es nämlich wirklich wie Kraut und Rüben zwischen Orangen- und Olivenbäumchen. Da schießen schon mal ein paar Porree in die Höhe oder Paprika-Pflänzchen, denen Petersilie üppig um die Wurzeln wächst. Gurken und Tomaten stehen neben Rosenstöcken, alles sehr gehegt und gepflegt, und Hühner und Enten wuseln herum, eigentlich im Nebengehege, aber scheinbar ist es bei den Womobilisten reizvoller und sie büchsen immer aus. Hotel und SP wird von der ganzen Familie bewirtschaftet. Insgesamt 17 Familienmitglieder seien beschäftigt, seine Tochter sei Apothekerin in Deutschland, erzählt uns der Chef, der zum Schwätzchen gleich noch 2 Raki für uns mitbringt. Unglaublich. Auf sein Wohl … für das unsrige hat er schon gut gesorgt. Und abends brennt erst der Grill und später der Himmel.

19.06.2022 Sonntag

Für uns extrem früh schon kurz vor 9 Uhr starten wir zur Weiterreise. Nach einigen Informationen, die uns von unseren Concorde-Freunden aus der FB-Gruppe gegeben wurden, entscheiden wir uns gegen den Einbau eines neuen Turboladers, nicht nur, weil er erst 2 Jahre alt und wenig gefahren wurde, sondern auch Fehlermeldungen nicht mehr erscheinen, und werden morgen nicht zu Iveco Tirana fahren. Also heute los Richtung Grenze Montenegro. Es waren trotz allem schöne, sehr angenehme umsorgte Tage hier im „Nordpark“ bei der liebenswerten tüchtigen Familie. 

Auf guter Straße ziehen wir durchs herrliche Land, von dem wir jetzt schon begeistert sind und es ganz sicher mal ausgiebig bereisen werden. Es fällt wirklich sehr auf, dass alles gewachsen wirkt, wenig aufgesetzt, man im Traditionellen bleibt, was einen sehr harmonischen Eindruck bei uns hinterlässt. 

Traditionell werden sicher auch Hochzeiten ganz groß gefeiert. Große Gesellschaften in vielen blitzsauberen PKW-Kolonnen begegnen uns unterwegs, die passenden Location für Feiern solcher Art ebenfalls. Da werden Träume gebastelt, da werden sie gelebt und verwirklicht und gefeiert, die Träume von Traumhochzeiten. 

Nach Durchfahren des von Radfahrern bevölkerten lebendigen Städtchens Shkodra geht es am großen Skadarsko Jezero vorbei, durch den die Grenze zu Montenegro verläuft. 

Die Abfertigung an der Grenze geht schnell vonstatten. Immer wieder amüsieren sich die Polizisten und Mitarbeiter an den Grenzschaltern über unseren Tjaffer, gucken ausgiebig die Fahrzeugpapiere und kommen schnell durcheinander, weil sie nicht zuordnen können, wer nun Iveco, wer Concorde, wer Mega, wer Tjaffer, wer Aixam und wer Pongratz ist. Natürlich haben alle Fahrzeuge verschiedene Kennzeichen. Aber auf flüchtigen Blick scheinen sie gleich. Na ja, es wurde bisher und auch jetzt spaßig genommen und machte keinerlei Probleme. Ich las, dass manche Reisende von „Korruption“ sprachen, meinten, mit Geldgeschenken beeinflussen zu können bzw. inoffiziell dazu aufgefordert wurden. Wir wissen nicht, was man beeinflussen sollte, wenn man korrekt alles an Papieren vorlegt. Die zahlreichen uns bearbeitenden Mitarbeiter machten an keiner Grenze und in keinem Moment den Eindruck, man zögere etwas bewusst hinaus und würde zur Beschleunigung der Abwicklung doch gerne eine „Gebühr“ in Ansatz bringen, eine CiT (= Cash in Täsch). Im Gegenteil. Alles lief im Rahmen zügig, außer wie beschrieben an den türkischen Grenzstationen bei Einreise und abgeschwächt bei Ausreise. Und so verabschiedet uns das erstaunliche Albanien und Montenegro empfängt uns. Auf den ersten Kilometern zeigen sich deutliche Unterschiede. Ärmlicher wirkt alles, sehr einfach, mit einem Müllproblem, das wir so ausgeprägt in Albanien nicht erlebt haben. Da durchforsten Männer Müllcontainer nach Brauchbarem und laden es auf ihre Karren, da stehen Kühe knietief im Müll. Aber wie gesagt, wir haben wenig gesehen, es sind „Streifzüge“, die unsere Eindrücke prägen, vor allem, es sind unsere, andere Reisende können ganz anderes erfahren und empfinden.

Eingebettet in eine echt sprachlos machende Natur mit türkis schimmernden Seen und rauschenden Flüssen, eine sehr gebirgige Landschaft, die so wild und ursprünglich wirkt, dass man eine Zeit im Nirgendwo bleiben möchte, befahren wir zunächst die „Panorama Roads 1“. 

Später geht es über die 3A spektakulär hoch am Berg und quasi im Berg weiter mit Blicken, ähnlich Google Earth. 

Einige Denkmäler liegen am Wegesrand, unübersehbar imposant, schon ein krasser Gegensatz zu den bescheiden wirkenden bäuerlichen Gehöften in der Gegend.

Eine kleine niedliche Welpenschar, vermutlich ausreisewillig, zeigt sich an der Grenze, die nur aus einer gemeinsamen Station für beide Länder besteht, im Irgendwo zu Bosnien-Herzegowina. Dabei fällt uns auf, dass wir keinen einzigen Streuner auf der ganzen Route gesehen haben, obwohl wir an unendlich vielen total vermüllten Parkbuchten vorbei gefahren sind. Es scheint, als liege die Streuner-Zahl doch erheblich unter der der Türkei. Denn geben tut es sie sicherlich, aber, wie wir in Albanien auf unserer Strecke im Inland beobachten konnten, leben viele Hunde in Hundehütten mit auf den Hausgrundstücken bei den Familien, anstatt frei und wild auf den Straßen und überall. Solch einer Masse an Hunden wie in der Türkei sind wir nämlich weder in Griechenland, noch in Albanien oder jetzt in Montenegro begegnet, nicht mal ansatzweise.

Sind die landschaftlichen Unterschiede der beiden Länder auf den ersten Kilometern nicht erheblich, so macht Bosnien-Herzegowina einen milderen Eindruck, ist weiter, weniger schroff als Montenegro. Das betrifft allerdings nicht den Straßenzustand, dieser ist miserabel auf unserer Route. Das Umweltbewusstsein scheint ähnlich zu sein. Eine riesige Mülldeponie am Hang lodert und qualmt oberhalb eines herrlichen Sees vor sich hin, ein immerwährendes Licht, ein ewiges möglicherweise, wenn keine Lösungen auch für solche Länder gefunden werden. 

Unser heutiges Ziel nach gut 300 km hätten wir auch, vermutlich mit leichtem Umweg, über bessere Route erreichen können, nein, in einem Moment der Unachtsamkeit lotst uns Navi-Rüdiger über eine Strecke, in der Karte hellgrau gerändert auf weißem Grund, also Kategorie „Dorfstraße - eher schlechter“, die den auserwählten SP am Fluss in der Schlucht von vorne, statt von hinten, da Route weiß von hinten erheblich weniger lang, erreicht. Mit den Worten „Oh, das ist bisher das größte Womo, das uns besucht, und dann auch noch aus dieser Richtung“ begrüßt uns der lachende Betreiber und versichert, irgendwo passen wir auf seinen kleinen Platz am rauschenden Bach. 

Stimmt, wir passen. Am Ende der Reihen ist reichlich Platz, Fluss etwas tiefer liegend, Schluchtstraßenlärm da, aber kaum störend, keine Ziegen, keine Hühner, keine Enten, keine Katzen, keine Hunde, keine, wir bleiben. 

20.06.2022 Montag

Heiß ist es, aber ein klein wenig bewegt sich die Hitze, ein Windchen weht, laut Betreiber, immer durch die Schlucht. Es ist erträglich. Einschränkend muss gesagt werden, nur dann erträglich, wenn man nichts tut. So halten wir uns eben daran, planen die weitere Route, angesichts der Hitze und Ferienzeit werden wir zügiger unser Zuhause ansteuern. Mal sehn, es soll trotzdem kein Gewaltakt werden. Wir sind für den Balkan offenbar mindestens einen Monat zu spät dran, was an der Ausgangsplanung einer ursprünglich „gemeinsamen“ Reise liegt. Kompromisse sind nicht immer gut, mal gelinde ausgedrückt. Die Hitze jetzt jedenfalls kostet viel Energie und macht lahm. Und für die Hunde ist es eigentlich überall wenig passend von der Temperatur her. Sind wir auch alle nicht die Wahnsinns-Bewegungs-Freaks, so aber auch überhaupt keine Unter-Markisen-im-Schatten-Lieger. Machen wir das Beste draus - und manchen Fehler ein Mal und nie wieder. Und das Beste ist jetzt Wasserwaten mit Flussbaden! Ein Hochgenuss! Hat man einmal in wilden Flüssen gebadet, will man nie mehr anderes. 

21.06.2022 Dienstag

Wir bleiben. Es ist einfach zu schön hier. Vor allem ist es so passend, da quasi keine Reize für Gustavo bestehen. Es entspannt ihn, nicht wesentlich, aber sehr viel erträglicher, er muss nicht dauernd bellen, Chianga angehen in seiner „Not“ oder Passanten anfauchen. Natürlich ist „Vermeidung“ und „Umgehung“ kein wirkliches Mittel, für den Moment für uns alle aber das beste und mal zum Aufatmen gut. Eine kleine Radrunde drehen wir, bevor die Hitze wieder zuschlägt und sich in den Anhängern der Hunde tierisch staut trotz Lüftungen rundum und Windchen in der Schlucht.

Die Gegend ist wirklich wunderschön. Der Fluss bietet immer neue Ansichten, mal wie Dschungel, mal wie Gletscherwasser. Große Flusskrebse sausen vor den Füßen weg, Schwärme von Fischen versammeln sich und kümmern sich voller Hingabe um abgestorbene Hautpartikel an Füßen und Unterschenkeln. Dafür muss anderswo viel Geld bezahlt werden, wobei wir im Airport Singapur mal in den Genuss einer solchen „Behandlung“ gekommen sind, da unser Flug Verspätung hatte, spendierte uns Singapore Airlines einen Aufenthalt im Fischbecken. Das war echt spannend und letztlich entspannend. So ein kleiner Fisch frisst einen ja nicht gleich. Aber die Menge der hungrigen Mäuler … na na na ;-). 

Wo wir schon bei wilden Tieren sind, die sicher in den hohen Felswänden der Schlucht zuhauf leben: einer Schlange begegnen wir, oder besser, sie schleicht sich vor unserer Markise über den Schotter und verschwindet zum Ufer hin. Unsere neugierige Chianga verhält sich ruhig, sie hat ja wohl noch von Schlangenbegegnungen, im wahrsten Sinne des Wortes, „die Nase voll“, nachdem sie ja vor einem Jahr in Estland in selbige von einer Kreuzotter gebissen wurde mit schlimmen Folgen damals, die aber Gottseidank schnell mit tierärztlicher Hilfe abheilten. Und dem feurigen Gustavo, der ansonsten sein Umfeld akribisch abscannt, ist sie glücklicherweise irgendwie dadurch gegangen.  

Aber unbedingt muss man am Fluss diesen Zauber beobachten. Im Laufe des Tages versammeln sie sich, werden mehr und mehr, bevölkern Geäst und Steine im Flusslauf, Gräser und Büsche am Ufer, unwirklich, leuchtend, tintenblau strahlend, flattern auf und ab, vollführen Tänze und Kämpfe, ein einziges Spektakel, still wie alles hier. Von „Calopteryx virgo“ ist die Rede, die faszinierend schöne Blauflügel-Prachtlibelle. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 7 cm und ihrer sehr auffälligen Flügelfärbung machen die Männchen schon viel her in der Hoffnung, den durchscheinend bräunlich bis kupferfarbigen Weibchen zu imponieren, wovon nur sehr wenige zugegen sind. Diese Libellenart hält sich nur an völlig intakten schnell fließenden, beschatteten und kalten Fließgewässern auf. Sie garantiert also ein naturgesundes Baden im Fluss, ist Teil dieses Idylls hier und macht irgendwie glücklich.

22.02.2022 Mittwoch

Heute wird nicht nur die Woche geteilt, heute teilen wir auch mit, dass wir diesen Platz trotz überwältigender Schönheiten verlassen und uns Richtung Kroatien aufmachen. Der platzeigene Aufpasser verabschiedet uns, und über schmale Landstraßen und herausgeputzte bosnische Dörfer mit vielen Kirchen und reichlich Blumenschmuck erreichen wir nach einer Stunde die Grenze, an der wir zügig, anstandslos und freundlich abgefertigt werden.

Ein Stück weiter an der Grenzstation Kroatien lässt man uns ebenfalls ohne Probleme hinein ins Land. Schlagartig ändert sich augenfällig einiges. Die Ansiedlungen wirken leicht italienisch, das touristische Angebot am Straßenrand ist enorm, Lidl, DM, KiK und Konsorten machen auf sich aufmerksam und in einer ersten kroatischen Baustelle stehen wir im Stau. Grund: ein Freizeitfahrzeug hat sich im Baustellensand festgefahren. 

Wunderschön am Fluss Neretva entlang geht es erstmal ein ganzes Stück. Die in den Verkaufsständen an der Straße unter Wasserspeiern aller Art liegenden Melonen lachen einen an, Mandarinenhonig als Mitbringsel für zuhause ebenfalls.

Dann muss gekraxelt werden. Hinauf geht es über das Küstengebirge mit tollem Blick auf eine zerklüftete Seenlandschaft. 

Höhe Ploce erreichen wir die Küstenstraße Nr. 8. Natürlich wartet sie auf mit malerischen Buchten und auf Tourismus eingestellter Umgebung und Belustigung. Voll ist es, überall quillt schon beinah alles über. Handtuch liegt an Handtuch, Parktaschen rappelvoll, Orte seelenlos eintönig, wie schnell aus dem Boden gestampft.

Wir finden einen größeren staubigen Platz mit Meerblick, auf dem 2 Busse stehen, perfekt für ein kleines Kaffeepäuschen und mal Hunde raus. Gesagt, getan. Wasserkessel auf die Flamme. Und schon kommt ein Mann herbei, Parken kostet 10 €, egal wie lange. Es täte ihm leid, aber der Chef habe alles video-überwacht, er könne da nix machen. Kopfschütteln, Wasserkessel vom Herd, anschnallen und weiter. 

Eine Möglichkeit für uns, rechtsseitig am Hang eine Parktasche zu finden, ergibt sich nicht, es gibt keine. Zum Meer hin kommen einige, Linie aber durchgezogen, viel Verkehr, ansteuern unmöglich und Pause damit auch. Zum Glück ändert sich auf Split zu etwas die Ansicht der Orte, die Häuser aus anderen Epochen versprühen Charme und etwas Eigenständigkeit wird spürbar. Wir lieben es eher, an altem Gemäuer vorbei zu fahren, etwas, das Geschichten erzählen könnte, wo Feigenbäume seit Jahren aus Ritzen und Spalten im Gemäuer quellen und wackelige Eisengeländer nicht mehr das halten, was sie versprechen. 

Hinter Split schlagen wir uns wieder ins Inland. Sofort ändert sich alles. Ländlich gemütlich wirkt die Gegend, der Trubel der Touristenströme weit weg. Den CP am Perucko Jezero erreichen wir etwas genervt, da dieses Warnsymbol sich wieder einschaltet. Langsam rollen wir daher auf schmalem Sträßchen in den CP rein. Hier erwartet uns aber nur Frieden und außer Natur nichts. Herrlich. Ein paar Camper stehen verstreut im Wald zum türkis leuchtenden See hin, Parzellen gibt es nicht, Wiesen schließen sich an, auf denen man auch campen kann, ebenso ein großer geschotterter ebener Platz. Und als besonderes „Leckerchen“ wurde ein Gemüsegarten angelegt, in dem die Gäste sich bedienen dürfen. Hier kann man es aushalten. 

23.06.2022 Donnerstag

Heute ist mal wieder ein Tut-sich-nix-Tag. Es ist so heiß, die junge Frau vom Platz, die aus Lettland stammt und mit der ich lange über unsere tolle Rundreise im letzten Sommer im Baltikum erzähle, sagt, es sei viel zu heiß für Juni. So muss man die Hitze still ertragen, wie die anderen, die sich mittlerweile eingefunden haben. Es sind einige, fast alles deutsche Camper. Aber auf der Küstenstraße sind uns schon so viele Womos begegnet, auf den 100 km mehr als auf der ganzen Route durch Türkei und Balkan zusammen. Das wird ein heißer Sommer! Morgen werden wir Kilometer machen Richtung Heimat.

24.06.2022 Freitag

Gesagt, getan. Weiterreise ist Programm und Slowenien Ziel. Über die gut fahrbare Landstraße 1 winden und schlängeln wir uns durch Dörfer und schöne Landstriche. An der Tanke gibt‘s zwar Persil, aber leider keinen freundlichen Frontscheiben-Waschmann, wie in den Ländern zuvor. So entfernt Wim die Frontscheibenschleier und macht den Weg frei, oder zumindest klarer, für mich und meine Kamera.

Bald schwingt sich das Concördchen wieder in die Höhe. Trotz starker Bewölkung, die auf den Fotos nicht erahnen lässt, dass eine Bullenhitze mit weit über 30 Grad herrscht, sind die Aussichten nach unten auf die kroatische Welt herrlich. Auch hier auf dieser Route, wie auf den vielen vorher im Balkan  befahrenen, erinnern unzählige Steinplatten mit Inschriften, gravierten jungen Gesichtern und Blumenschmuck, auch oft mit beigelegtem Helm, an die, die ihr Leben durch einen Unfall verloren haben. 

Die Grenze naht, und nach kurzer Passkontrolle durch die Slowenen erreichen wir auch schon 10 Minuten später unser Tagesziel für heute. Gut, „schon“ ist relativ, fast 400 km wurden abgerissen mit viel Landstraße und wieder mal blinkendem Symbol „ESD“, was scheinbar nichts Gravierendes bedeutet, aber an den Nerven zehrt. Da es aber unterwegs auch wieder verschwand, wurde der Plan, Iveco Ljubljana anzufahren, verworfen, und stattdessen werden wir nun über Italien und den Gotthard nach Hause ziehen. Aber nun zunächst rein hier auf den SP hinter der Pension Patrik. Sehr ordentlich ist alles angelegt, und es gibt sogar eine „Dog-Street“, wobei rundum genügend Wiese und Wald ist. Praktisch auch die kleine Bar, aus der ich nach Anmelden direkt mal 2 Humpen leckeres frisch gezapftes Bier zum Sofort-Wegzischen zur Freude meines Chauffeurs und Frontscheibenreinigers mitbringen kann. 

Ein italienisches Womo rollt an, ein typisch italienisch freudiges Ehepaar mit Tochter begrüßt uns. Es tut so gut, nochmal Italiener im „Dunstkreis“ zu haben, Dunstkreis deshalb, weil man das Gefühl hat, man verdunstet in der Hitze. Wir bemühen uns, uns gegenseitig zu verstehen, was gut gelingt und Spaß macht, und vor allem: Lust auf mehr. Neulich sagte ich erst zu Wim: „Höchste Zeit, mal wieder Italien zu erleben!“. Ich liebe diese Menschen, dieses Naturell, den Überschwang, und all das andere Wunderbare, das Italien bereit hält. Gut, dass die Entscheidung für die Route Oberitalien gefallen ist. So erfahren wir wenigstens ein Stückchen Italien. Und schon kommt unser Hausherr an und lädt uns auf ein Gläschen Wein ein. So können wir die Plauderstunde ausdehnen und philosophieren über Gott und die Welt und das Leben im Besonderen. Er, Marjan, spricht perfektes Deutsch, er sei in Rente, stamme hier aus dem Dorf, habe aber als Vertreter für Farben und Lacke sehr viele Jahre gearbeitet, vor allem in Russland und Osteuropa. Aus dieser Zeit noch stamme seine Liebe zu Lena, einer Russin, die in Moskau lebt und sich um ihre über 90jährige Mutter kümmern muss, sie sich u. a. deswegen kaum sehen, aber bald wohl ein Treffen in Serbien stattfinden kann. Lebenswege gibt es, werden bei gegenseitiger Sympathie auch gerne preisgegeben. Ein interessanter liebenswerter Mensch, ein leckerer Wein, ein behütetes Fleckchen, ein schönes Stündchen, sehr viel Genuss.

25.06.2022 Samstag

Wir ziehen weiter. Die Italiener verabschieden uns sehr herzlich, was richtig gut tut. Und die wenigen Kilometer bis zur Grenze nach Italien legen wir schnell zurück auf schmalem Sträßchen durch waldreiche schöne slowenische Gegend. Etliche Lokale liegen an der Straße. Knusprige Spanferkel drehen sich in riesigen Grills. Verlockend ist das Angebot. Aber für uns nicht, denn Spanferkel zum Frühstück muss nicht sein. So passieren wir ohne Kontrolle und ohne Spanferkel die Grenzstation. Bella Italia, da sind wir.

Und ich sag noch, dass wir jetzt etwas achten müssen, Italien sei ja enger, und schon müssen wir laut Navi-Rüdiger abbiegen und es wird auch schon bedenklich eng, kaum zu glauben. Auf diesen Schreck wäre ein Prosecco echt gut, aber wir können leider nicht abbiegen, unser heutiges Ziel liegt woanders.

Hinter Triest überqueren wir etliche Flüsse. Sie sichern die Bewässerung des flachen, landwirtschaftlich genutzten Gebiets. Überall schießen kräftige Fontänen in die Luft und versorgen Mais, Getreide und Weinreben auf den Feldern zwischen stattlichen Gehöften. Am Horizont ziehen sich parallel zur Autobahn die ersten Gebirgszüge der Alpen. 

Bald verlassen wir die AB und fahren durch eine kleine Ortschaft zunächst einen Supermarkt in 4 km an. Ein paar italienische Schmankerl müssen mit. Danach geht‘s um ein paar Ecken zu einem Sportfischerverein, auf dessen Gelände man nach kurzer Anmeldung bei Irene campieren darf. Sie öffnet das Tor, und wir haben freie Wahl. Unter schattigen Bäumen mit Blick auf die Fischteiche halten wir es aus. Die schwüle Hitze ist echt schlimm. Abends gesellt sich noch ein französisches Paar dazu, die in der Nähe von Aix en Provence leben. So haben wir ein schönes Thema: die Cote d‘Azur, allein schon beim Darüber-Reden verführerisch.

26.06.2022 Sonntag

Im vollen Genuss der aalglatten norditalienischen Mautstrecke geht es weiter für uns Richtung Mailand und oberitalienische Seen. Welch eine herrliche Landschaft hier, wirklich gesegnet. Ein Genuss in jeder Hinsicht, An- und Draufsicht. Und dazu schmachtet Eros sein „Cose della vita“ … da packt es einen doch und man fragt sich: „Warum sind wir so lange schon nicht mehr in Italien gewesen??“. 

Burgen, Kirchen, Weingüter, Leib und Seele werden angesprochen, Sonntagsbilder, und man merkt irgendwann nach vielen vielen Kilometern, dass man ein Dauerlächeln im Gesicht trägt, nur ganz gelegentlich von einem staunenden Ausdruck unterbrochen, als z. B. Ferrari in glutrot an uns vorbei schnurren und besonders, als uns einer in Squadra-Azzurra-Himmelblau überholt, zwar auf einem Hänger, der musste sicher geschont werden. 

Wehmütig schwer wird es in Bergamo. Corona und Bergamo - diese Bilder vergisst man sein ganzes Leben nicht. Die Menschen hier werden noch lange die Zähne zeigen müssen, um Trauer und Schmerz zu verarbeiten.

Es herrscht reger Verkehr, was sich auch an der Mautstelle zeigt. Die Berge werden höher und ragen schon erheblich schroffer aus der Landschaft hervor. Höhe Monza geht‘s nun Richtung Norden Nähe Como zum Lago di Pusiano. Der war uns bis dato völlig unbekannt. Da wir uns aber vom vermuteten Getümmel an Lago di Garda und Como fernhalten wollen, kommt der CP am kleinen Lago di Pusiano gerade richtig, und es ist auf Mail-Anfrage auch ein Plätzchen frei. 

Am Ufer entlang finden wir bald die leicht rumpelige Zufahrt zum CP, müssen den Hänger am Parkplatz abhängen, und können auf dem ansonsten mit Dauercampern belegten CP eine der Lücken für Durchgangstouristen direkt am Seeufer beziehen. Es herrscht typisch italienische CP-Stimmung. Überall sitzt man zuhauf zusammen, es wird gegrillt auf riesigen Grills, Musik beschallt alles, es wird gelacht und zugeprostet. Man hat richtig Spaß und Freude, die sehr ansteckt. Die ersten Worte Italienisch kommen so langsam in mir hoch, werden bei meiner Bitte, ein die Zufahrt blockierendes Auto etwas anders zu parken, weil es für das Concördchen sonst eng werden könnte, von der italienischen Grill-Gesellschaft gefeiert. Gern und völlig galant rangiert man unter den vielzähligen Augenpaaren versierter anderer Autofahrer, die natürlich Tipps zur Vermeidung von Karambolagen jeder Art fachkundig kundtun, „la macchina“ selbstverständlich und souverän herum und macht Platz für uns. Sie sind doch einmalig, diese Italiener, mit vollem Herzen dabei. 

Und wir nun mittendrin, mit herrlichem Panorama, volle Breitseite. Zum Dahinschmelzen. Ja, nicht nur wegen der brutalen Hitze, auch wegen der Kirchtürmchen, der Häuser am Ufer, der hohen Berge, alles hinter dem tiefen Blau des Sees und unter dem blauen Himmel. Schön. 

27.06.2022 Montag

Geschmort im eigenen Saft … so kommt man sich vor. Nachts gewitterte es mit wenig Regen. Aber ich erinnere mich, dass solche Witterung uns an den Seen hier in vielen Sommerferienzeiten immer begleitete. Irgendwie ist die Landschaft nicht umsonst so üppig grün. Tropisch ist es auch heute. Und tropengeeignet sind wir nicht, jedenfalls nicht mehr. Heute bleiben wir noch, faulenzen in der absoluten Stille um uns herum, denn die Italiener sind scharenweise gestern Abend wieder abgereist. Der See gehört uns.