Anreise

28.04.2022 Donnerstag

Neues Spiel, neues Glück - oder neuer Hund, neues Ziel. 

Jedenfalls geht‘s los, wir laufen mittags aus, rollen vom Hof aus der Eifel-Heimat zunächst an der Kyll entlang Richtung Koblenz. Die letzten Tage verliefen extrem holprig, dauernd stellten sich irgendwelche „Ereignisse“ ein, die die Reisevorbereitungen immer wieder erheblich störten, Zeit fraßen, Stress machten, so dass es sich letztlich überall „knubbelte“. Meine Güte, es ist zwar nicht die erste lange Reise für uns, aber irgendwie stellt sich Gelassenheit nicht wirklich ein, wobei ich fast annehme, das muss einfach so sein, „das soll so“, Lampenfieber gehört wohl einfach dazu.

Zwischen Mosel, Rhein, Main und Tauber, im Hunsrück, Spessart und Fränkischen Weinland liegen dem blauen Himmel wunderschöne strahlende Flickenteppiche zu Füßen. Es ist eine Pracht und stimmt sofort fröhlich, dieses Gelb der Rapsfelder, einfach herrliche Bilder, die alles aufhellen. Manchmal vergisst man, wie schön Landschaft sein kann, hier gestaltet von fleißigen Bauern. 

Die 340 km können wir bis zum ersten Nachtplatz auf dieser Reise ohne Komplikationen zurücklegen. Das muss betont werden, weil wir zum einen nach langer Zeit nochmal unseren kleinen Tjaffer hinten anhängen haben, und zum anderen ja auch unser neues Crew-Mitglied Gustavo. Wim hat eine Gitter-Faltbox zwischen den Längsbetten „eingebaut“. Während der Fahrt wird Gustavo so gesichert. Und bei Nichtgebrauch klappt sich diese Box flach und die Matratze kann wieder aufgelegt werden. So behält Chianga ihren Nachtschlafplatz und Gustavo ist unterwegs gut „verstaut“, quasi 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Und unser Plan geht perfekt auf. Gustavo begibt sich ohne Murren in die Box und reißt die Kilometer ohne eine Beschwerde mit uns ab. Puuuuh, Erleichterung, und wir staunen nicht schlecht. 

Auf dem SP am Main in Dettelbach erwischen wir eine Lücke, die lang genug ist und wir glücklicherweise nicht abhängen müssen. In der Abendsonne wird gegessen - und Gustavo hat nicht Augen und Ohren genug und staunt Bauklötze: überall Hunde, überall Menschen. Tja, Camperleben beginnt!

29.04.2022 Freitag

Wie hätte man früher gesagt: „Es war eine wundervolle Nacht, und Du warst richtig gut“ ;-). Ja, Gustavo war richtig gut, hat sich hervorragend benommen, der „wilde Vogel“ mutiert zum „alten Hasen“. Er nahm Bazous Schlafplatz vorne im „Salon“ auf der Couch ohne Murren an, spät wurde anstandslos draußen gepieselt, nahtlos weitergeschlafen ohne einen Mucks, bis Chianga und wir uns heute morgen hinten im Schlafgemach erhoben haben. Wieder eine Sache, die uns Kopfzerbrechen vor der Reise bereitete, die aber zu funktionieren scheint. Chianga findet Gustavos Gesellschaft beim ersten Kaffee des Tages noch etwas seltsam, aber die Enge des Womos scheint nicht wirklich zu stören. Immer wieder huscht mir das Bild von Bazou dazwischen. Er war allzeit so gerne dabei … und er wird sehr vermisst.

Zum Versperren der Aufbautür hat Wim noch etwas fabriziert. Immer mal wieder bleibt ja nun die Tür offen mit geschlossenem Fliegengitter. Um zu vermeiden, dass Gustavo das übersieht und mit dem Fliegengitter aus dem Rahmen fällt, schieben wir jetzt eine Art Drängelgitter in den Türrahmen. Klappt gut, wird verstanden, akzeptiert. So hangeln wir uns Schrittchen für Schrittchen in die irgendwann auch für Gustavo vollkommene Camper-Gelassenheit, in der dann jede Aktion fluppt wie geschmiert. Wir nehmen uns das fest vor, und es wird umgehend bestätigt, da unser spanischer Kobold beim Start zur Weiterfahrt anstandslos seinen Posten im Gitter-Ausguck bezieht und sich souverän und stressfrei mit uns auf Weiterreise begibt. 

Aber irgendwas ist ja immer, so ist es doch! Wir haben die Fernbedienung der Glotze zu Hause vergessen. Wim hatte sie über Winter aus Vorsorge aus dem Womo genommen. Und diese Vorsorge rächt sich nun, denn beim Packen hat daran keiner auch nur einen Gedanken verschwendet, und sie blieb liegen. Da aber heute auf halber Strecke ein Camping Berger wartet, passt ein kurzer Boxenstopp gut. Ein Anruf genügt: kein Problem, Fernbedienung sei auf Lager, man habe sie vorrätig. Die knallharte Realität ist anders: mürrische unfähige Verkäufer scheinen kaum das Wort „Fernbedienung“ zu kennen, finden keine, haben keine, bestellen ginge. Wim fühlt sich bedient, hat an einem Bestellvorgang kein Interesse, macht dies nachdrücklich deutlich. Kostbare Zeit verschleudert, noch kostbareren Treibstoff, und nix ist, umsonst. Wir fallen im Womo über 2 unschuldige Frikadellen her und setzen die Reise fort, überqueren auf recht wenig befahrener AB den Main, kommen der Donau ganz nah und der gemütlichen propperen Gegend im Bayrischen Wald. Rundum grünt und blüht es. Etliche lange Baustellen nerven nur leicht, da wir mit Hänger ohnehin nur langsam unterwegs sein dürfen und die Tagesstrecke nur moderate 300 km beträgt, ja sogar zum Nachdenken über die Strophen des unzüchtigsten Donau-Songs schlechthin anregt: „Ich ging einst am Strande der Donau entlang, ooohooo hooo hooo lalalaaaa, ein schlafendes Madel am Ufer ich fand … ooohooo“. Die Älteren unter uns wissen, worum es geht bei diesem „Me-too“-Gassenhauer vom Feinsten. Aber lustig ist es. 

In Vilshofen peilen wir den Jachthafen an der Donau an. Einige Plätze für Womos gibt es hier in schöner Lage vor der Skyline des Städtchens. Ein sehr freundlicher Hafenmeister fragt, ob wir reserviert hätten. Puuh, nein, haben wir nicht, aber glücklicherweise ist noch etwas frei, wir können bleiben, reservieren für unsere Freunde, die noch im Stau stecken und beziehen unsere Lücke. Den Hänger müssen wir separat parken. Aber es ist reichlich Platz. 

Der Abend und damit das erste Zusammentreffen mit Marlies, Frank und Spike kann kommen … an der schönen blauen Donau.

30.04.2022 Samstag

Das Rauschen der Donau störte die Nachtruhe nicht. Die warme Morgensonne lässt Vilshofen strahlen, und wir rüsten zur Weiterreise. Ein Nachbar spricht mich an, man kenne sich doch aus Magdeburg. Ja, solche Zufälle liebe ich. Ich erinnere mich, wir sprachen damals kurz miteinander über unsere Fahrräder. Und dann steht man plötzlich irgendwo wieder voreinander. Klein ist die Welt. Wir sammeln unseren Anhänger auf, hängen an, und über die Brücke geht es erstmal an der Donau entlang Richtung Grenze Österreich. 

So etwas mulmig ist uns: diese Go-Box. Oft hört und liest man wenig Erfreuliches darüber, was Beschaffung, Inbetriebnahme, Erfassung und Abrechnung angeht. Online vorbereitet ist alles, sogar die ausgedruckten Mails mit Bestätigungen habe ich dabei. Eigentlich muss man uns nur diese Box aushändigen. Und schon erreichen wir nach einem kurzen Stück über die AB die Grenze und einen Asfinag-Posten. Zunächst winkt die junge Frau am Schalter ab, nein, so könne sie nichts finden, wir benötigen einen Code. Stattdessen drücke ich ihr die Bestätigungsmail ihres Kollegen auf die Augen, und siehe da, es wirkt. Sie zückt das Objekt unserer Begierde, ich meine Bankkarte, Guthaben wird aufgefüllt: nicht gerade günstige 110 € für 2 Achsen über 3,5to, nur Hinfahrt, Anhänger kostenfrei. Die Box wird an die Frontscheibe geklebt, ist sofort startklar und piept auch brav beim Durchfahren der ersten Erfassungsanlage. Scheint alles seine Ordnung zu haben. Ob dem so ist, werden wir allenfalls zuhause erst merken, wenn irgendein Knöllchen per Post ins Haus flattert. Da soll‘s ja üble Überraschungen gegeben haben.

Gelegentliches Piepen der Box begleitet uns auf der Fahrt durch Österreich. Die Landschaft wird hügeliger, bald blitzen Schneefelder auf höheren und sehr hohen Berggipfeln auf, unter denen Almhöfe im grünen Gras liegen. Über viele Kilometer ziehen sich Baustellen, aber es herrscht sehr wenig Verkehr. Wir reihen uns in die LKW-Kolonne ein und zuckeln entspannt dahin durch wilde Täler und lange Tunnel. 

Grenznah zu Slowenien liegt unser Nachtlager in einem kleinen Ort an einem Gasthaus, sehr beschaulich unterhalb der Kirche auf großer Wiese am Teich. Platz genug für ganze Gespanne. Ein paar Womo-Besatzungen räkeln sich im Sonnenschein. 

Urig ist es hier, Mut machend urig, so dass Spike und Gustavo kurzerhand in den Freilauf entlassen werden. Ja lieber Himmel, zwei Raketen sind nix dagegen. Chianga versucht noch, durch beherztes Tonangeben zu beeindrucken, aber die beiden Männer gehen ab wie Zäpfchen und durchkämmen voller Spaß das hohe Gras der Wiese in alle Richtungen. Eine Freude, die Jagd, der zeitweise aktiv Marlies und Wim als Treiber, Frank und ich als Fänger beiwohnen, zu verfolgen, aber auch begleitet von reichlich Atemeinhalten, denn wer will die 2 stoppen, Rückruf sehr sehr sehr fraglich. Alle Hoffnung liegt auf Spike, ist er doch der Klügere und Vernünftigere der beiden. Und irgendwie traben sie glücklicherweise nach einer Zeit in unsere Richtung, und ich kann Gustavo, der sich wie ein Fisch entziehen will, noch gerade so am Geschirr erwischen. Leine dran - und wir atmen tief ein und tief aus. 

Das Abendessen lassen wir uns servieren, zünftig lecker ist es, und das frisch gezapfte Bier zischt herrlich. Morgen werden wir Slowenien erreichen. 

01.05.2022 Sonntag

Glockengeläut in erster Reihe hier am kleinen Flüsschen Mur, es ist Sonntag. Bei sonnigem Wetter verlassen wir die große Wiese, hangeln uns die schmale steilere Auffahrt zur Dorfstraße hinauf und ziehen weiter. Schnell ist die Grenze zu Slowenien erreicht und damit die Mautstation, an der wir die nächste Box abholen. Online zuhause beim DarsGo-System angemeldet, geht es schnell, der slowenische Rechner findet alles und der freundliche Mitarbeiter ebenfalls. 

Durch grünes hügeliges Ackerland rollen wir gemütlich über babypopoglatten Asphalt der modernen Autobahn. Die verstreut liegenden kleinen Dörfer wirken bunt und bodenständig, spitze Kirchtürme ragen in den blauen Himmel, sogar ein hoher Maibaum hat passend zum Tag seinen Posten bezogen.

An der kroatischen Grenze staut sich der Verkehr auf der Gegenspur. Wir entnehmen einem Automaten ein Mautticket, sind schnell abgefertigt, etwas lustlos, nicht zu vergleichen mit der lustig freundlichen Art des slowenischen Polizisten vorhin bei der Kontrolle unserer Pässe. Anders als in Slowenien, bietet uns das östliche Kroatien nur plattes flaches Land. Langweilig und einschläfernd ziehen sich die knapp 400 km der heutigen Etappe dahin. Irgendwann tauchen rechts höhere Bergketten auf. Sie gehören zu Bosnien-Herzegowina, an dessen Grenze wir längere Zeit vorbei fahren. 

Im Städtchen Slavonski Brod, unweit der Grenze zu Serbien, verlassen wir die AB. Vorbei an schnuckeligen kleinen bunten Häuschen erreichen wir unseren Nachtplatz an der Überlandstraße an einem Motel, eine größere asphaltierte Fläche mit Wiese im Hintergrund, gerahmt von einer Tankstelle, geparkten LKW, einem Bauhof. Es kann nicht immer Idyll pur sein, wir stehen trocken, ausreichend gut für die Nacht, die Hunde haben Wiesenauslauf, wir einen Sonnenplatz mit lustigen Gesprächen und Büchsenbier. 

Enttäuschend ist, dass die Küche des Motels trotz gegenteiliger, von Frank bei Anreise eingeholter Auskunft nichts für uns zu bieten hat. Wir scheinen alle derart traurig aus der Wäsche zu gucken, dass der Tankwart von nebenan herbei eilt, um in sehr gutem Deutsch zu fragen, ob er helfen könne. Er habe ein paar Jahre Nähe Frankfurt gelebt, es sei eine schöne Zeit in unserem tollen Land gewesen. Auf meine Frage, ob es denn hier keinen Pizza-Service gebe, setzt er sich in Bewegung, und nach einigen Absprachen mit der Motel-Mitarbeiterin und Anrufen fährt doch tatsächlich ein Pizza-Bote im Kleinwagen vor und serviert uns perfekte Pizzen, das Motel rückt ein paar Fläschchen köstliches Bier raus, Hunger und Durst gestillt, Abend gerettet. 

02.05.2022 Montag

Trotz ungastlichem Parkplatz verlief die Nacht still und geruhsam. Zeitig machen wir uns auf den Weg, die nächste Etappe wartet, Serbien ist an der Reihe, ca. 360 km stehen an. Im Ort, wo die Menschen schon geschäftig hantieren, fahren wir zunächst einen riesigen Interspar an. Ein paar Einkäufe müssen erledigt werden. 

Schnell erreichen wir die Grenze. Kroatien prüft genauestens unsere Pässe. Eine Station weiter will Serbien dazu auch noch die Fahrzeugpapiere sehen. Es wird alles kreuz und quer gelesen und schlußendlich durchgewunken. Jetzt können wir uns erstmal ohne Aufenthalt den Aussichten auf das unbekannte Land Serbien widmen. Es gibt im Vergleich zu Kroatien kaum Veränderung, außer unlesbaren Buchstaben und dass Serbien in diesem Teil noch flacher ist als Kroatien. Die Weite wird aufgelockert durch unzählige Strommasten aller Art und Größe, hin und wieder Kirchtürmen und bäuerlichen Ansiedlungen sehr unterschiedlicher Güte.

Kurz vor Belgrad ändert sich die Landschaft, es wird hügeliger und damit auch weniger öde. Die Bebauung nimmt schlagartig zu. Sämtliche Huckel und Hänge sind dicht bebaut, Haus an Haus. Wir umfahren Belgrad, die Strecke führt durch einige Tunnel und im Süden durch eine gewaltige Baustelle. Auch hinter der Großstadt führt die Strecke durch schöne Landschaft. Viele Obstplantagen sieht man an den Hängen. Die Blütezeit ist allerdings schon vorbei.

Nicht weit vor der Grenze zu Bulgarien verlassen wir in Cuprija die AB und fahren ca. 3 km über Stock und Stein. Zweifel, ob das alles hier richtig ist, kommen unweigerlich auf. Beim Abzweig der schmalen Gasse in eine noch schmälere, ziehen Marlies und Wim die Begehung vor. Irgendwann winken sie, scheint tatsächlich ein Camp zu existieren, und dann auch noch eines, das wir erreichen und befahren können. Glücklicherweise. Wir rumpeln rein. Höhenmäßig geht‘s bis auf einen kleinen Kratzer auf Globis Dach ganz knapp hin. Das Concördchen, einige cm niedriger, schlüpft ohne Schaden hinein. Auf dem Schotterplatz stehen Strom- und Wasseranschlüsse pro Parzelle bereit. Eine sehr freundliche Familie heißt uns willkommen, bittet zu Schnäpschen und kredenzt uns noch Espresso und Kuchen. Seit 2 Jahren können sie auf ihrem Grundstück hier Camping anbieten. Es sei ihr Ferienhaus, sie leben in der Stadt, arbeiten beide bei einer Bank, nutzen diese Möglichkeit hier als weiteres Standbein und weil es ihnen Spaß mache. Man sieht das. Alles ist sehr ordentlich und sauber im Camp Plum, in dem man Pflaumen liebt und sogar einen kräftigen starken Schnaps braut mit eigenem Etikett. WLan ist ebenfalls selbstverständlich und in voller Stärke vorhanden. Alles in allem: besuchenswert!

03.05.2022 Dienstag

Gestern zeigte sich schon eine dichtere Wolkendecke, es war zwar warm, aber auch etwas schwül. Jetzt nieselt es, wettermäßig viel Platz nach oben. Die 3 Mitcamper reisen ab, wie wir auch, der Platz ist leer. Nach V+E quetschen wir uns über den Pfad und unter dem „Eingangstor“ durch. Der Betreiber mit Töchterchen winkt uns nach. Nun noch eine Ladung Sprit bunkern, die AB Richtung Bulgarien erwartet uns schon. Etappenziel heute liegt in 260 km hinter Sofia, also nur ein „kleiner Ausflug“. 

Wieder befahren wir fast alleine die tadellose AB. Die Gegend bleibt reizvoll mit Höhen und Tiefen. Etliche Ortschaften verschwinden fast im Grün. Die Häuser wirken oft sehr ärmlich und marode, was aber auch an den nicht verputzten Fassaden liegen kann. Überwiegend bleibt dunkelrotes Ziegelmauerwerk einfach so wie es ist. Riesige Friedhöfe liegen an der Strecke, auf denen zahllose Miniatur-Kapellen stehen, die wiederum in sehr gepflegtem Zustand sind und in ausgefallenen Stilarten gebaut wurden. 

Irgendwann überholt uns ein Kleinwagen, ein jüngeres Paar winkt und gestikuliert, zeigt nach hinten. Ob das jetzt wohl so ein Trick ist? Was soll denn hinten schon sein. Während wir so mit mulmigem Gefühl langsam weiterfahren und nachdenken, fährt ein LKW an uns vorbei. Der Fahrer zeigt ebenfalls nach hinten. So, nun aber sofort rechts ran und anhalten, nicht dass der Tjaffer hinten auf Halbmast hängt. Wim peilt die Lage. Und tatsächlich haben wir einen Schaden. Das Metallstück, auf dem diese orange-gelben Leuchtaufkleber angebracht sind, hat sich hinten am Hänger teilweise gelöst, ein Winkel ist gebrochen. Glück gehabt! Man sollte doch wirklich nicht immer das Schlechteste von der Menschheit denken. Wim schraubt den Rest der Platte ab und verstaut alles in den Tiefen der Heckgarage. In der Türkei findet sich sicher eine Werkstatt, die das wieder richten kann. 

Die Strecke kurbelt sich hoch in die Berge, die jetzt erheblich näher kommen. Einige Tunnel verhindern, dass auch noch Pässe gefahren werden müssen. Aber bis zu 900 m hoch geht‘s unterwegs über weite Hochebenen mit tollen Ausblicken.

Bei wenig gutem Wetter und kühlen Temperaturen erreichen wir die Grenze. Die serbischen Mitarbeiter kontrollieren sehr genau die Pässe. Zig Kameras haben ohnehin alles im Blick. Manch einer muss sein Auto vorführen, alles ausladen. Die wenigen Meter bis zur Grenzabfertigung Bulgarien sind bewusst nur mit Hindernissen zurückzulegen. Pässe und Fahrzeugpapiere werden gesichtet, für die Hunde möchte man nichts sehen, ein junger Mann wirft einen kurzen Blick ins Innere unseres Womos, dann kann unsere Fahrt weiter laufen. 

Aber wie! Schlimmste Baustelle Marokko lässt grüßen. Über löchrigen Belag jeder Art mit Loch an Loch geht‘s im Schneckentempo durch die ärgsten Zustände. Aber alles hat ein Ende, so auch diese Phase. Weit vor Sofia wird es wieder perfekt - nur was den Zustand der Autobahn anbelangt. Die angrenzenden Orte, die Bebauung, die Lebensräume, zum größten Teil wirkt alles erschreckend schlecht und marode.

Die Umfahrung der großen Stadt, die ein ziemlich grässliches Panorama liefert, was sicher auch der miesen Wetterlage geschuldet ist, verläuft ruhig, obwohl hier schon mehr Verkehr herrscht, und wir erreichen den südlich gelegenen Ort oder Platz oder was auch immer, jedenfalls eine Abstellmöglichkeit für heute Nacht, die sich tatsächlich „Camper Stop“ nennt. Auf den ersten Blick denken wir, was denn um Himmels Willen diese Stadt so interessant macht, dass hier Mengen von Womos auflaufen. Aber die vielen Womos und Wowa stehen nur hier, parken, sind eingemottet, warten auf Ausfahrt. Nach einigem Kurven in der Ödnis, Alternative gibt es ohnehin nicht, öffnet eine junge Frau die Umzäunung, und wir können unsere beiden Long Vehikel am Rande abstellen. Für eine Nacht wird‘s passen. Nicht schön, aber selten - sieht man von den schneebedeckten hohen Bergen ringsum ab. 

04.05.2022 Mittwoch

Und die gestern Abend schon beeindruckende Bergkette fährt heute Morgen aber alles auf! Welch ein Panorama! Unter blitzeblauem Himmel mit ein paar eingestreuten Wölkchen erstrahlen in gleißendem Glanz die schneeweißen Gipfel der steinernen Riesen. Immer wieder stellen sich bei solchen Ausblicken Ehrfurcht und Dankbarkeit ein. Da lässt es sich doch mit Freude in den neuen Tag starten. Und die Arme werden hochgekrempelt, nicht nur, weil es sonnig warm wird, sondern weil es der Türkei entgegen geht. Frank und Wim satteln, starten, fahren, die Damen genießen, Hunde schlummern. 

Die bulgarische Landschaft ist sehenswert auf dieser Route. Eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln ziehen wir auf sehr gutem Asphalt störungsfrei und entspannt über die weite Hochebene auf zum Teil gut 800 m, auf der Getreide angebaut wird, Obstplantagen und Reben zu sehen sind und sogar vereinzelt große Felder mit Lavendel. In der Ferne am Fuße der Berge liegen kleinere und größere Ortschaften.

Bergab geht‘s irgendwann, die Flüsse rauschen, die Rapsfelder strahlen mit dem Himmelsblau um die Wette, eine Bank weckt Lust auf Wohnmobile und bewirbt sicher die passende Finanzierungsmöglichkeit.

An einem Abzweig im Irgendwo fahren wir rechts ab Richtung Istanbul. „Mustafa“-Märkte liegen an der Strecke, Hotel „Bosporus“ ebenfalls, und Lokale preisen türkische Küche an. Wir passieren einen riesigen LKW-Parkplatz, den letzten Friedhof Bulgariens, kommen an die Grenzabfertigung und werden freundlich lächelnd verabschiedet und durchgewunken. So, Türkei, dann woll‘n wir mal sehn, ob Du uns auch so freundlich begrüßt …